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Heidi 5 (1985 – 1995)
Verkehrte Welt?
© Joicey mcdonald 12/09



„Aua.“ Heidi hielt sich die schmerzende Wange. „Warum hast du das getan?“
„Du weißt warum…“ Marlene war sich nicht sicher, ob sie zu weit gegangen war. Sie nahm ihre Freundin tröstend in den Arm. Heidi wehrte die Umarmung nicht ab, spürte aber, wie ihr eine Träne übers geschminkte Gesicht lief.
„Du weinst?“ Heidi wusste nicht, ob sie sich über die Bestrafung ärgern sollte. Das seltsame Gefühl zwischen Behagen und Beklemmung baute sich wieder auf. Das Gefühl, ähnlich einer Devotion war wieder da. Hatte sie es vermisst? Sie glaubte es nicht. Aber es war wieder da. Ähnlich wie am Freitag und an dem bewussten Samstag. Nicht ganz so ausgeprägt. Dazu fehlte die Umgebung. Hier auf der kalten Bank, direkt vor dem See, war die Empfindung anders. Bei weitem nicht so extrem. Warum nicht? Heidi schlug die Beine übereinander. Ihr war kalt. Sie atmete tief und zittrig ein. Und sie begann leise zu schluchzen. Marlene wurde nun eine Spur kühner und sagte: „Du weißt ja, wofür die Bestrafung war.“
„Ja Marlene.“ Heidi wischte sich mit dem Mittelfinger die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Dann ist es ja gut. Übrigens, wann triffst du dich mit Andreas?“ Heidi schaute auf die Uhr. „In einer halben Stunde.“
„Wollen wir noch ein bisschen gehen?“
„Können wir… Ja, mir wird langsam kalt.“ Marlene legte den Arm um die Hüfte ihrer Freundin, geradeso, als bedürfe die ihres Beistands. Den, sann Marlene, würde sie ihr jederzeit geben. „War das eben zu grob?“
„Ein bisschen.“
„Bist du mir böse?“ Marlene wollte ausloten, ob sie möglicherweise doch zu weit gegangen war. Heidi blieb stehen, wandte sich ihrer Freundin zu und zuckte ratlos mit den Schultern. Dabei entging Marlene nicht, dass Heidi ein flüchtiges Lächeln übers Gesicht huschte. Für Marlene war das der sichere Beweis, dass sie nicht übermäßig gegen die Spielregeln verstoßen hatte. Und das trieb auch ihr ein Lächeln ins Gesicht.

Vor dem Café verabschiedeten die Freundinnen sich. Marlene ging nach Hause, während Heidi den Toilettenraun aufsuchte, um die Spuren ihres verweinten Gesichtes auszubessern.

Andreas wartete am Tisch, der am Fenster zum See stand. „Ah, da bist du ja.“
„Wartest du schon lange?“
„Nicht so lange…“ Heidi zog ihren Mantel aus und wunderte sich kurz darüber, dass Andreas nicht die geringsten Anstalten machte, ihr dabei zu helfen. Sie legte ihn sorgfältig über die Stuhllehne, da sie ohnehin bald in die Disco gehen wollten.
„Geht’s dir gut?“, fragte Andreas, als Heidi sich gesetzt hatte.
„Ja, danke… Und dir?“
„Mir? Mir… Mir…“
„Was ist?“ Heidi spürte, dass ihr Gegenüber nicht so war, wie noch am gestrigen Abend. Irgendetwas schien ihn zu bewegen. Was?
„Du warst mit deiner Freundin…“
„Marlene?“
„Ja, mit Marlene… Ihr habt zusammen da drüben auf der Bank gesessen…“ Heidi blickte über den See und realisierte bestürzt, wie nah das andere Ende des Sees von hier aussah. „Und? Ist das verboten?“
„Es hat von hier aus so ausgesehen, als hätte sie dich geohrfeigt.“
„Was?“
„Hat sie dich wieder geschlagen?“
„Ich denke… Du hast doch eben noch gesagt, dass du noch nicht lange hier gewartet hast…“
„Heidi…, ich hab mich so sehr auf dich gefreut. Ehrlich. Ich bin schon sehr zeitig hier gewesen, weil ich es nicht erwarten konnte.“
„Und hast mich…, uns beobachtet…“
„Das stimmt so nicht… Ich habe…“
„Nur gesehen, dass Marlene mir eine runtergehauen hat…“
„Ja.“
„Das war reiner Spaß…“
„Spaß? Du lässt dir nur so zum Spaß eine reinhauen?“
„Natürlich nicht.“
„Warum hat sie dann…?“
„Was ist los? Soll das jetzt ein Verhör werden?“
„Ich wollte doch nur wissen, worum es da drüben auf der Bank ging.“ Heidi hatte ihrer Mutter ausgiebig und aufrichtig erzählt, dass Marlene ihr überlegen ist. Andreas hatte sie in der Disco nur knapp von der peinlichen Rauferei mit Marlene erzählt, und dass sie die nicht besonders erfolgreich überstanden hatte. Nun wollte sie ihm nicht auch noch von ihrer kompletten Unterlegenheit erzählen. Andererseits hatte sie Andreas gern, auch wenn ihr seine Fragerei mächtig auf die Nerven ging. „Das war eine Angelegenheit zwischen Marlene und mir.“
„Du möchtest nicht darüber reden…?“
„Nein.“ Heidi blickte auf die Uhr und dachte daran, dass Marlene sicherlich schon zu Hause wäre. Dann sah sie Andreas an, der ihr mit versteinerter Miene gegenübersaß. Sie sann, dass dies ein von Anfang an verkorkstes Rendezvous war, und dass dieser Abend kaum mehr zu retten war. „Andreas?“
„Ja?“
„Ich möchte jetzt nach Hause gehen.“
„Warum?“
„Weil mir nicht so gut ist…“ Heidi stand auf, zog sich den Mantel über und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, zur Tür.

Draußen inhalierte sie die feuchtkalte Luft ein und fühlte sich viel besser. Das Gespräch mit Andreas hatte sie aufgeregt und erbost. Heidi suchte in ihrer Handtasche nach der Packung Zigaretten, die sie für solche Fälle darin aufhob. Tief sog sie den Rauch ein und ging in die Richtung, in der ihr Elternhaus stand.

Da es noch früh am Abend war, klingelte sie im Nachbarhaus, in dem ihre Freundin wohnte. Marlene öffnete die Tür und sah Heidi überrascht an. „Du? Ich denke… Wolltet ihr nicht…?“
„Darf ich erst mal reinkommen?“, fragte Heidi lachend und schob Marlene zur Seite. „Sind deine Eltern im Wohnzimmer?“
„Nö… Die waren schon weg, als ich vom See zurückkam…“
„Wohin?“
„Sie sind in die Nachbarstadt gefahren… Verwandte besuchen… Aber warum bist du nicht…?“ Heidi erzählte Marlene davon, dass Andreas vom Café aus gesehen hatte, wie sie sich von ihr ohrfeigen ließ. Auch vom anschließenden Gespräch berichtete sie. Für Marlene war der Kreis damit binnen kürzester Zeit noch größer geworden. Sie überdachte den abstrakten Wunsch, ihre Dominanz gegenüber Heidi, nicht nur im versteckten Kämmerlein zu genießen. Sie verglich die Entwicklung mit einem Stein, den man ins ruhige Gewässer wirft, und dessen Kreise sich dort immer weiter ausbreiten… Und dieses Begehren  schien rasant in Erfüllung zu gehen. Sie schaute Heidi an und ließ ihre Frage förmlich auf der Zunge zergehen, denn sie musste es noch einmal aus Heidis Mund hören: „Was genau hat er gesehen?“
„Das sagte ich dir doch gerade. Er hat vom Fensterplatz aus gesehen, wie du mir eine gescheuert hast…“
„Dann hat er auch erkennen können, dass du dich nicht gewehrt hast…“
„Wie sollte er auch… Ich hab mich ja auch nicht gewehrt.“
„Und wenn er es weiß…, dann…“
„Dann?“
„Er wird es nicht für sich behalten.“
„Glaub ich doch… Und wenn nicht, ist mir das auch schon egal…“
„Wirklich?“ Heidi zuckte unsicher mit den Schultern und schlug die Beine übereinander.
„Du hattest aber schon vor, ihm zu gefallen…“
„Ja, natürlich. Warum fragst du?“ Marlene deutete auf die weiße Spitze, die seitlich unter Heidis Rock hervor sah.
„Marlene, du weißt doch, dass ich im Grunde immer…“
„Wollte dich auch nur ein bisschen ärgern.“
„Das ist dir nicht gelungen“, entgegnete Heidi provokativ. „Nicht damit.“
„Nein?“
„Nein.“
„Wollen wir rangeln?“, fragte Marlene aus heiterem Himmel.
„Ich weiß nicht… Eigentlich hab ich heute keine Lust…“
„Aber ich“, entgegnete Marlene mit großen Augen und hob im nächsten Augenblick übermütig Heidis Rock an.
„Lass mich, du hast mich vorhin doch schon…. Auf der Bank.“
„Das war doch…“
„Das war immerhin genug, um den Abend mit Andreas zu vermasseln.“ Heidi schubste Marlene in die Sofakissen und wusste, dass sie gerade damit begonnen hatte, sich doch auf eine Balgerei einzulassen. Sitzend hielt sie Marlenes Arme fest und drückte sie über deren Kopf. Dann robbte sie mit ihrem Körper auf den ihrer Freundin, sodass sie sie unter sich begrub. „Und was willst du nun dagegen tun?“, fragte Heidi kichernd.
„Damit hab ich nicht gerechnet“, antwortete Marlene etwas ärgerlich. „Aber ich krieg dich schon noch.“
„Abwarten… Wie denn?“ Die Rolle, die eigentlich Marlene gebührte, hatte sie unvermutet inne. Aber Heidi merkte, dass ihr an der überraschenden Dominanz nicht allzu viel lag. Sie mit ihr nicht viel anfangen konnte. Ihre Rolle war bisher immer die des Martyriums. Zumindest, wenn es um Marlene und sie ging. Dennoch wollte sie ausprobieren, ob und wie lange sie ihrer Freundin Paroli bieten konnte. Marlene versuchte durch bockige Körperbewegungen, Heidi von sich zu schieben. Heidi hielt tapfer und verbissen dagegen, biss Marlene nach einer Weile völlig überraschend und keuchend sagte: „Ich gebe auf.“
„Du gibt’s auf? Warum?“ Eine leichte Enttäuschung war in Heidis Stimme zu hören.
„Weil ich keine Luft mehr bekomme.“
„Entschuldigung.“
„Du musst dich nicht entschuldigen…“
„Doch… Es war gemein von mir… Ich hab dich ohne Vorankündigung gepackt…“ Beide setzten sich gesittet nebeneinander aufs Sofa.
„Und ich hab’s nicht geschafft, mich aus der Lage zu befreien…“
„Und das ärgert dich?“
„Nein… Na ja, es zeigt mir nur, dass du auch kämpfen kannst… Wenn du willst.“
„Danke.“ Heidi machte dieses Lob nachdenklich. Ihr ging durch den Kopf, dass sie, statt mit Andreas in der Disco zu tanzen, gerade erstmals über Marlene triumphiert hatte. Und die machte keine Anstalten, sich dafür zu revanchieren. Das Gefühl, von Marlene nicht besiegt worden zu sein, war neu. Besser…? Nein, anders.

Marlene machte es nicht viel aus, von Heidi bezwungen worden zu sein. Solange dies innerhalb von vier Wänden und ohne Zuschauer geschah, konnte sie gut damit umgehen. Sehr gut. Nach außen würde sie das nicht zulassen. Niemals. Nach außen würde sie, wenn es sein müsste, es aller Welt zeigen, dass sie ihrer großen Freundin überlegen ist. Haushoch überlegen. Ihr fiel ein, dass sie von Heidis kleinem Erfolg sogar profitieren könnte. Im Grunde war diese bescheidene Darstellung Heidis ausbaufähig. Könnte es ihrer Freundin möglicherweise das Gefühl geben, im Umgang mit ihr etwas übermütiger zu werden, wenn sie ihr nochmals einen Erfolg schenken würde? Und Marlene überprüfte den Gedanken sorgfältiger. Sie müsste Heidi einen weiteren Erfolg zukommen lassen, der sie eventuell unvorsichtiger lassen würde. Bald? Jetzt? Ja, jetzt ist Gelegenheit dazu. Necke sie, los. Ich bin bereit.

Als Heidi aufstand, um ins Badezimmer zu gehen, zog Marlene kindisch an der Spitze deren Unterrocks.
„Suchst du Streit?“, fragte Heidi jovial. Marlene ließ nicht locker und zog ihn ein Stück weiter unter dem Saum des Rockes hervor. „Lass es mich noch einmal probieren…“
„Was?“, fragte Heidi unsicher.
„Gibst du mir die Chance mich zu revanchieren?“
„Haha, du gönnst es mir nicht, dass ich dich auch mal besiegt habe…“
„Gönnen, gönnen… Außerdem war das ein unfairer, hinterhältiger Angriff… Ein regelrechter Überfall.“
„Stimmt.“
„Und? Ich hab dir damals auch Revanche gegeben… Obwohl…, genützt hat es dir nichts.“


Ohne auf eine Antwort zu warten erhob sich Marlene vom Sofa und stellte sich Heidi gegenüber. Heidi übernahm sofort die Initiative und hatte den Kopf ihrer Freundin überraschend schnell und einfach zwischen dem rechten Arm gepresst. Marlene tat überrascht. Aber auch ihr gelang es, den rechten Arm um Heidis Kopf zu drücken. In dieser Pattsituation rangelten die beiden keuchend hin und her. Mal wähnte sich die Neunzehnjährige im Vorteil, mal die Sechzehnjährige. Marlene jedoch vermied es, bis aufs Äußerste zu gehen. Die dosierte ihre Kraft gut genug, um zu wissen, Heidi nicht zu Boden zu drücken. Aber sie bemerkte auch, wie bei ihrer Freundin die Kraft langsam nachließ. Dennoch spürte sie, dass Heidi ein Bein zwischen ihre stellte. Marlene verlor die Balance, und klammerte sich fester an Heidis Kopf. Im nächsten Augenblick polterten beide auf den Boden. Die Sechzehnjährige fiel unsanft auf ihr Steißbein. Heidi landete auf Marlenes Körper. Und Marlene stieß einen markerschütternden Schrei aus. Heidi hatte vorgehabt, die Arme ihrer auf dem Rücken liegenden Freundin triumphierend über deren Kopf zu drücken. Nun sah sie, dass Marlene Tränen in den Augen standen. „Hab ich… Hast du dir wehgetan?“
„Mein Steißbein… Aua…“ Heidi erhob sich augenblicklich vom Körper ihrer Freundin und machte ein bedrücktes Gesicht. Sie sah, wie Marlene probierte, wieder hochzukommen. Als der das nicht ohne weiteres gelang, ging Heidi in die Hocke, und half ihre Freundin aufzurichten, sodass die zumindest kniete.

Nach einigen Minuten stand Marlene wieder. Ihr immer noch schmerzverzerrtes Gesicht, veranlasste Heidi zu Schuldgefühlen und Beteuerungen, dass sie das nicht gewollt hatte. Marlene tastete immer wieder zum Steiß und fluchte dazu. Ihr war klar, dass sie selber Schuld hatte. Sie hätte nie im Leben zulassen dürfen, dass derartiges passiert. Aber sie hatte es und ärgerte sich nun darüber. Und über die Schmerzen, die höllisch waren. Als sie gemerkt hatte, dass Heidis Kräfte schwanden, hatte sie vorgehabt, sich niederdrücken zu lassen. Doch dann kam Heidis Bein irgendwie dazwischen. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken, und Heidi auf sie drauf. Und nun? Würde diese Rangelei eine offene Frage zurücklassen? Sie verwischte all diese negativen Gedanken, und erinnerte sich daran, dass sie ja alles unter Kontrolle hatte. Und dass sie Heidi unbedingt gewinnen lassen wollte, um sie damit übermütiger und wagemutiger werden zu lassen. Den Köder hatte sie ausgeworfen. Nun müsste sich zeigen, ob ihre Freundin auch anbeißen würde.

Heidi stand zunächst wie angewurzelt da und konnte das alles nicht richtig einordnen. Die Kampfszenen liefen wie im Zeitraffer an ihr vorüber. Als sie fühlte, dass ihre Kräfte schwanden, hatte sie sich gedanklich bereits mit einer weiteren Niederlage gegen ihre Freundin abgefunden. Der Schritt mit dem rechten Bein war eigentlich nur dazu gedacht, ihre eigene einsetzende Schwäche noch einmal aufzuhalten und ihren Stand zu stützen. Der Schritt, der Marlene quasi besiegte. Sie hatte sich richtig erschrocken, als ihre Freundin so markerschütternd schrie. Das hatte sie noch nie bei ihr gehört. Ich habe gesiegt. Gesiegt? Einordnen konnte sie das noch nicht. Auch nicht die Bedeutung ihres Erfolges. Gab es eine Bedeutung? Nun, die Situation ist die, Marlene würde nicht mehr von vornherein als Siegerin feststeht. Das war neu. Und das verwirrte sie. Wäre sie ihrer Freundin zukünftig eine ebenbürtigere Gegnerin? Oder war der Ausgang dieser Rangelei nur eine Farce?

Sie befreite sich von ihren Spekulationen und erkundigte sich bei Marlene, ob es wieder ginge.
„Ja, so langsam“, antwortete Marlene im betretenen Tonfall.
„Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte.“
„Du hast mich gleich zweimal besiegt… Basta“
„Meinst du das im Ernst? Oder ist da was nicht mit rechten Dingen zugegangen?“
„Wie meinst du das? Warum sollte ausgerechnet ich dich gewinnen lassen? Du hast gut gekämpft…, ich hab mich ungeschickt angestellt.“ Marlene verlieh ihren Worten Nachdruck, in der Hoffnung, dass Heidi nun endgültig überzeugt davon war, dass deren Sieg keine Manipulation gewesen war.
„Wenn du meinst.“ Auch wenn sie akzeptierte, die Rangordnung hinter Marlene eingenommen zu haben, so war sie nun zumindest ein wenig stolz, endlich einmal ihren eigenen Ansprüchen nachgekommen zu sein.
„Wenn du meinst… Hört sich aber nicht so an, als würdest du dich darüber freuen, mich besiegt zu haben.“
„Soll ich ehrlich sein?“
„Was für eine Frage… Wir sind doch immer ehrlich zueinander.“
„Du bist unglücklich gestürzt, und ich bin auch noch auf dich drauf gefallen. Und darüber soll ich mich freuen…?“
„Na ja, das war halt Pech“, antwortete Marlene, „wenn ich nicht so unglücklich gefallen wäre, hätte ich weitergemacht… Aber ich denke nicht, dass ich heute eine Chance gegen dich gehabt hätte.“ Heidi blieb eine Antwort schuldig, Marlene fragte, ob beide noch ein wenig spazieren gehen sollten
„Gern Marlene, es ist ja auch erst kurz vor sieben. Aber geht das mit dir denn schon wieder…? Ich meine dein Steißbein?“
„Klar, ein Indianerherz kennt…, na ja du weißt schon.“


Während die Freundinnen durch den dunklen Abend gingen, unterhielten sie sich über die gemeinsame Zukunft in Florida. „Wir könnten zusammen ein Appartement bewohnen“, schwärmte Marlene träumend von der bevorstehenden Zeit. Heidi, die daran längst gedacht hatte, erwähnte, dass alles andere auch viel zu teuer wäre. „Hauptsache…“, setzte Heidi fort, um dann zu unterbrechen.
„Hauptsache…, was?“
„Ach nichts.“ Nachdem es Marlene nicht gelungen war, Heidi von ihrem unausgesprochenem Gedanken zu erzählen, standen beide vor dem Café am See.
„Wollen wir…?“ Kurz darauf kehrten beide ein. Heidi steuerte auf einen Tisch im mittleren Bereich zu, da die Fensterplätze alle besetzt waren. „Hier ist noch ein Tisch frei. Wollen wir den nehmen?“
„Ja, Heidi…Was ist denn? Setz dich endlich hin.“ Heidi hatte augenblicklich bemerkt, dass Andreas noch immer im Café saß. Er schaute aus dem Fenster und hatte sie anscheinend  noch nicht gesehen. „Lass uns wieder gehen“, bat sie Marlene hektisch.
„Warum, Heidi?“ Marlene, die mit dem Rücken zum Fenster saß, blickte sich fragend um und erkannte den Grund für Heidis Unruhe. „Daher weht der Wind… Dein Andreas sitzt hier…, und…“
„Sei still, bitte…“ Heidi legte unterstützend ihre Hand an die Lippen ihrer Freundin. „Er kommt“, flüsterte Marlene ihr zu.
„Na Mädels, so spät noch unterwegs?“
„Willst du dich nicht zu uns setzen?“, fragte Marlene.
„Kommt ihr doch zu meinem Tisch… Er ist direkt am Fenster.“
„Oh, ja…“, antwortete Marlene. Sie stupste ihre Freundin an und drängte sie zum Platztausch.

Die Freundinnen setzten sich nebeneinander, sodass sie Andreas gegenübersaßen. Heidi hoffte, dass er das vor gut einer Stunde beendete Gespräch nicht wieder aufnehmen würde. Marlene dachte in eine andere Richtung. Sie ließ keine Zeit vergehen, um indirekt dort anzuknüpfen. „Ich war ganz überrascht, als Heidi plötzlich vor meiner Haustür stand. Ich hatte gedacht, dass…“
„Ich war auch ganz baff, als sie ging und mich allein hier sitzen ließ.“ Dabei sah er Heidi mit einem Blick an, der eine Mischung von Beleidigt-sein und  Verschmähen beinhaltete.
„Du weißt warum“, mischte sich Heidi trotzig ins Gespräch ein.
„Nicht ganz, Heidi.“
„Hatte es nicht damit zu tun, weil ich Heidi…“
„Lassen wir doch das… Bitte“, bat Heidi.
„Genau damit hatte es etwas zu tun“, sagte Andreas und überging Heidis Eingabe. „Ich erzählte ihr nur, dass ich hier vom Fenster aus eine für mich merkwürdige Beobachtung gemacht hätte.“
„Und welche?“, fragte Marlene hoch erregt. Heidi konnte nicht glauben, dass ihre Freundin drauf und dran war, ihre gemeinsame und ganz persönliche Angelegenheit zu dritt zu debattieren. Das, was entgegen ihrem Wunsch bereits in ihrer und Marlenes Familie debattiert worden war, würde nun vermutlich in Kürze einer weiteren Person präsentiert. Sie hatte sich zwar damit abgefunden, von Marlene unterjocht zu werden und es möglicherweise auch akzeptiert, aber längst nicht, dass dieses auch nach außen getragen wurde. Heidi erinnerte sich aber auch an die Gespräche in der Schule und daran, dass sie es selbst war, die zugegeben hatte, von ihrer kleineren und jüngeren Freundin geschlagen worden zu sein. Nahezu phlegmatisch wartete sie den weiteren Verlauf der Unterhaltung ab.
„Ich sagte ihr, dass es so ausgesehen hätte, als hättest du Heidi dort drüben auf der Bank geohrfeigt.“ Andreas wies bei seinen Worten auf die Stelle, die nun fast im Dunklen lag und nur äußerst von einer Laterne diffus angestrahlt wurde.
„Ach…, das meinst du…“
„Ja. Aber es stimmt doch? Ich hab’s gesehen, und Heidi hat es sogar selbst zugegeben.“
„Nun ja…“
„Hast du ihr…?“
„Wir haben ein wenig gestritten…“
„Und du hast sie bestraft…“
„Bestraft… Bestraft ist vielleicht nicht die richtige Formulierung. Ja gut, ich habe Heidi bestraft.“
„Und warum…?“
„Das ist eine längere Geschichte…“
„Die du mir nicht erzählen willst…?“ Marlene blickte ihre Freundin an, die so tat, als schaute sie gelangweilt aus dem Fenster. Ihre persönliche Gier nach Geltung war riesengroß. Geltung war nicht ganz treffend. Es war etwas anderes. Was? Macht? Auch nicht. Die hatte sie – über Heidi. Nein, es war wohl einfach nur das erregende Gefühl, die Führungsrolle über jemanden zu besitzen, der in allem Anderen kompetenter war. Sie erinnerte sich, dass ihre Freundin ihr das hin und wieder auch klargemacht hatte. Heidi war in der Vergangenheit einige Male arrogant, jedenfalls war es ihr so vorgekommen. „Ich bin doch die Stärkere. So hab ich’s gern.“ Das waren Heidis eigene Worte an dem bewussten Samstag. Und diesem Hochmut war sie entgegengetreten. Entschieden und erfolgreich entgegengetreten. Danach war nur noch Unterwürfigkeit. Und wie. Sie hatten beide darüber gesprochen. Und sie hatten so etwas wie ein stilles Übereinkommen getroffen. Sie hatte es Heidi angeboten. Oder nahegelegt. Und Heidi war darauf eingegangen. Gern? Vermutlich. Aber sie wollte mehr. Schon damals. Sie wollte es irgendwann außerhalb der vier Wände tragen. Nur sie beide war langweilig. Und Heidi? War es ihr egal? Sie schaut aus dem Fenster und scheint desinteressiert. Sollte sie Andreas erzählen, dass sie Heidi bestraft hatte, weil sie ungehorsam war? Weil sie nicht den Rock angezogen hatte, den ich ihr befohlen hatte? Nein!
„Nein.“
„Nein? Heißt das, dass du nicht darüber sprechen möchtest?“
„Ja…, ähm, nein, ich möchte nicht darüber sprechen. Und außerdem war’s nicht so gemeint, wie es vielleicht ausgesehen hatte.“ Marlene dachte über ihre verpasste Gelegenheit nach. Aus irgendwelchen Gründen war sie noch nicht so weit. Noch nicht bereit, dem Erstbesten, den tatsächlichen Stand ihrer Beziehung anzuvertrauen. Dass ihre und Heidis Eltern davon wussten, war schon mehr als sie für den Anfang zu hoffen gewagt hatte.

Heidi blickte noch immer ins Dunkel. Das, was sie gehört hatte, war Balsam. Erlösender Balsam, mit dem sie niemals gerechnet hatte. Und Marlene hatte gesagt, dass es nicht so gemeint war. Das hatte sie Andreas auch nahegelegt. Sie wandte sich vom Fenster ab und schmunzelte ihrer Freundin barmherzig zu.
„Ja, so in etwa hat Heidi mir das auch gesagt…“, nahm Andreas das Gespräch wieder auf.
„Siehst du…“, antwortete Marlene beipflichtend.
„Wäre auch äußerst skurril, wenn Heidi sich von dir züchtigen lassen müsste…“ Marlene hielt sich mit ihrer Antwort zurück. Heidi presste die Lippen aufeinander, schwieg aber.
„Heidi, du hast jetzt wohl keine Lust mehr, mit mir in die Disco zu gehen?“ Heidi schaute auf die Uhr. Zeit dazu wäre noch. Aber das kann ich Marlene unmöglich antun. „Nein, Andreas. Irgendwann später…“
„Ich schau nochmal vorbei…“
„Mach das.“ Er rief die Kellnerin, bezahlte die Rechnung und stand auf, um seinen Mantel von der Garderobe zu holen.
„Warte, ich bring dich noch zum Ausgang.“ Heidi blinzelte ihrer Freundin zu und sagte, dass sie gleich wieder zurück sei.

Marlene sah ihr nach, bis sie mit Andreas aus dem noch gut besuchten Café verschwunden war.
Draußen vor der Tür umarmten sich beide mit viel Hingabe. Heidi entschuldigte sich für ihre Reaktion. „Das Frage- und Antwortspiel…, ich hab wohl etwas überreagiert…“
„Ist schon in Ordnung. Hab dir verziehen…“
„Schade nur…, es hätte ein wirklich schöner Abend werden können.“
„Ja.“
„Er lässt sich jederzeit nachholen.“ Beide küssten sich leidenschaftlich, um sich danach zu verabschieden.

Marlene schaute aus dem Fenster und sog Cola aus dem Trinkhalm. Sie hatte nicht bemerkt, dass Heidi sich inzwischen wieder zu ihr gesetzt hatte.
„Ich möchte mich bei dir bedanken, Marlene…“
„Wofür? Ach so…“
„Das war ganz großartig von dir…“
„Was glaubst du…? Dass ich ihm gesagt hätte, dass ich dich bestrafen musste, weil du ungehorsam zu mir gewesen bist?“
„Bin ich oft ungehorsam?“
„Gestern warst du es…“
„Der Rock?“
„Ja. Dafür gab’s vorhin ja den Klaps.“
„Und vorhin bist du bestraft worden…, von mir.“
„Bestraft? Wie meinst du das?“
„Na, denk mal nach Marlene… Du hast mir mit deiner Ohrfeige den Abend mit Andreas vermasselt…“
„Stimmt, und dafür bin ich wiederum von dir bestraft worden. Mal sehen wer von uns die nächste ist, die bestraft werden muss.“
„Marlene…?“
„Ja?“
„Ich kämpfe gern mit dir…, gegen dich…“
„Echt?“
„Ja.“
„Obwohl du es bist, die immer…, na ja, meistens verliert.“
„Ja, obwohl ich es bin…“
„Aber macht es dir denn gar nicht so viel aus?“
„Weißt du, als wir vor zwei Wochen… Ich hab’s dir damals ja schon erzählt. Es war für mich unvorstellbar, ausgerechnet gegen dich zu verlieren…“
„Heißt das, wenn du es gewusst hättest, hättest du niemals gegen mich gekämpft?“
„Hm, das ist eine gute Frage… Wahrscheinlich hätte ich es gelassen… Nicht nur wahrscheinlich, ich hätte es auf jeden Fall gelassen.“
„Ich hab ja auch mit dir gekämpft, obwohl ich mir sicher war, von dir verkloppt zu werden…“
„Das hätte ja auch eher den biologischen Normen entsprochen. Aber so, ich meine damit, findest du das normal, dass ich, dir körperlich überlegen, drei Jahre und drei Monate älter als du, dass ich es bin, die von dir verkloppt wird?“
„Nö, aber mir ist das so lieber. Ich bin mächtig stolz darauf, die Stärkere von uns zu sein.“
„Glaub ich dir…“ Marlenes offene Art hatte sie ein wenig nachdenklich gemacht.
Hast du dich eigentlich vorher schon mal mit einem Mädel geprügelt?“
„Nein, Marlene. Das gehört sich doch nicht…“
„Aber mit mir…?“
„Das ist etwas anderes. Wir kennen uns, seit wir kleine Kinder sind.“
„Eigentlich schickt es sich überhaupt nicht für Mädels… Pardon, du bist ja schon eine junge Frau…“
„Eine junge Frau“, antwortete Heidi sinnig. Eine junge Frau, die vor zwei Wochen gegen ein fünfzehnjähriges Mädchen verlor. Sie musste an das Gespräch denken, dass ihre Mutter am Vormittag mit ihr führte. „Meine Mutter hat daraus fast ein Drama gemacht.“
„Na ja, das kann ich sogar nachvollziehen. Gestern Abend, als deine und meine Eltern mich danach fragten, schienen alle vier auch nicht gerade begeistert…“
„Warum kannst du das nachvollziehen?“
„Deine Eltern sehen in mir immer noch das kleine hässliche Entlein…“
„Was redest du für ein Blödsinn…“
„Glaubst du, ich merke das nicht?“
„Ich finde, du übertreibst.“
„Ist ja auch egal…, Heidi, ich will mit dir deshalb nicht streiten. Jedenfalls haben es speziell deine Eltern nicht ertragen können, dass ihre Tochter sich mit mir kloppt und dabei den Kürzeren zieht. Das ist zumindest mein Eindruck.“
„Aber ich denke, ich weiß jetzt, wie du zu packen bist.“
„Wegen heute?“
„Genau. Allerdings ist da noch immer das Gefühl, dass du nicht richtig gekämpft hast.“
„Papperlapapp. Wann gibst du mir Revanche für heute?“ Marlene war damit fast am Ziel ihres Wunschgedanken, den sie zu Hause  gehabt hatte. Heidi wurde lockerer und wähnte sich ebenbürtig.
Heidi überlegte und meinte dann: „Es kann sein, dass meine Eltern nächstes Wochenende fort sind…“
„Wow, das wäre super.“
„Ja, das fände ich auch.
Heidi schaute auf die Uhr. „Ich glaube, wir sollten uns auf den Weg machen. Es ist schon nach neun Uhr.“ Kurz danach gingen die Freundinnen eingehakt und plappernd durch die dunklen Straßen der Kleinstadt. In Marlenes Elternhaus brannte Licht. Die beiden verabschiedeten sich und Heidi ging direkt zu sich nach Hause. Auf dem kurzen Weg dachte sie über das Gespräch mit Marlene nach und kam zu dem Fazit, dass Marlene nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Sie konnte es einfach nicht glauben, dass ihre Freundin alles gegeben hatte. Und, dass sie ihr weiterhin unterlegen wäre. Nein, an der Rangordnung hatte sich nichts geändert.

Ihre Eltern saßen vor dem Fernseher und fragten ihre Tochter, ob sie schon zu Abend gegessen hätte.
„Ich mach mir noch schnell eine Schnitte fertig“, antwortete Heidi und kam bald danach aus der Küche, um sich zu ihnen zu setzen.
„Was hast du heute Schönes gemacht?“, fragte ihr Vater.
„Ach…, nichts weiter… Ich war mit Marlene im Café „Seeblick“. Wir haben ein wenig gequatscht… Ein Schüler aus der Parallelklasse war auch kurz da…“
„Mutter hat mir vorhin von eurem Gespräch erzählt…“
„Wegen Marlene…?“
„Ja.“
„Und was willst du wissen?“
„Ach…, eigentlich ist ja gestern schon alles gesagt worden, was zu sagen ist. Aber wir beiden haben noch nicht darüber gesprochen.“ Heidi fühlte, dass für ihren Vater längst noch nicht alles im Reinen war. Einerseits verspürte sie keine besondere Lust, ihm auch noch mal auf jede Frage eine Antwort zu geben. Andererseits wusste sie nicht, wie ihre Mutter ihm das Ganze vermittelt hatte. Überrascht war sie, als ihr Vater ruhig und beinahe liebevoll sagte: „Mädchen oder junge Frauen sollten sich überhaupt niemals prügeln.“
„Wahrscheinlich hast du Recht…“
„Wahrscheinlich?“
„Aber es ist nun einmal passiert.“
„Naja, Schwamm drüber…, du hast ja hoffentlich deine Lehren daraus gezogen.“
„Ja.“ Die einzige Lehre, die ich daraus gezogen habe ist die, dass ich es gern habe, mit Marlene zu prügeln. Ihr Vater streckte seinen Arm nach Heidi aus und fuhr ihr mit der Hand behutsam durchs Haar.
„Du willst mich trösten…?“
„Das magst du nicht?“
„Papa, ich brauche wirklich keinen Trost.“
„Ich dachte…“
„Du dachtest, weil Marlene mich verprügelt hat…, musst du mich trösten?“
„Nun, es wäre doch eigentlich eine ganz normale Reaktion, dass, wenn man gedemütigt worden ist,  dann auch Trost braucht.“
„Papa, das ist nett von dir gemeint…, aber ich bin nicht gedemütigt worden, und ich fühle mich nicht gedemütigt… Und Trost ist das allerletzte, was ich gebrauchen kann.“
„Du bist so tapfer.“
„Hm.“
„Und? Mit Marlene ist alles klar?“
„Ja. Warum denn nicht?“
„Nun, nachdem was zwischen euch vorgefallen ist… Andere Freundschaften gehen da auseinander.“
„Andere Freundschaften vielleicht… Nicht unsere.“ Unsere Freundschaft ist inniger denn je. Auch wenn sie sich ein wenig gedreht hat.
„Das zeichnet besondere Freundschaften aus“, fuhr ihr Vater fort. „Auch wenn es mal kracht.“
„Bei uns hat’s nicht gekracht… Ich war es, die einfach nur mal wissen wollte, wer die Stärkere von uns ist…“
„Das Resultat kennen wir ja mittlerweile alle. Wir werden uns schon damit abfinden, dass du es nicht bist. Viel wichtiger ist, dass du dich damit abgefunden hast.“
„Längst, Vater. Ich habe mich längst damit abgefunden… Und Ihr solltet euch auch schnellstens damit abfinden… Ich bin nun mal von der kleinen Marlene verhauen worden. Davon geht die Welt auch nicht unter…“
„So, Schluss jetzt damit“, fuhr ihre Mutter energisch dazwischen und empfahl Heidi, langsam schlafen zu gehen, da morgen wieder früh Tag ist.

Als die Eltern hörten, dass Heidis Zimmertür geräuschvoll ins Schloss gefallen war, unterhielten sie sich noch eine ganze Weile über das Thema.
„Ich hab’s dir ja gesagt, Heidi denkt ganz anders darüber.“
„Ja. Es wäre ja auch ganz etwas anderes gewesen, wenn beide gleich groß und alt wären… Aber Heidi ist nun einmal die Ältere…“
„Und die Größere.“
„Genau… Und das ist das, was ich nicht begreifen kann. Was nicht in meinen Kopf rein will. Guck dir die beiden einmal an…, und rate mal, wer von den beiden bei einer Streiterei den Kürzeren ziehen würde…, müsste.“
„Natürlich Marlene…“
„Siehst du? Kein Mensch würde auf den Gedanken kommen, dass es Heidi ist, die von der Kleinen verprügelt wird…“
„Und dann ihre Reaktion…“
„Genau. Das kommt dazu. Meinst du, dass Heidi es nicht ehrlich meint? Dass sie sich im Grunde schämt, von Marlene geschlagen worden zu sein?“
„Ich weiß es nicht.“
„Möglicherweise mag sie es nur nicht zugeben…“
„Wie sie damit umgeht…, das spricht nicht dafür. Sie hat ziemlich offen gesagt, dass ihr das nichts ausgemacht hat…“
„Glaubst du das wirklich? Wenn, dann schauspielert sie ganz ausgezeichnet… Ich denke, Heidi macht uns was vor… Und sich selbst auch.“
„Du meinst, dass sie in Wahrheit deprimiert ist? Oder zumindest war?“
„Das ist anzunehmen. Das wäre auch völlig normal…“
„Ich hab’s ja vorgestern, Freitag, mit ansehen müssen…, als ich in ihr Zimmer gekommen bin…“
„Stimmt. Und wie war genau noch war dein Eindruck?“
„Marlene lag über ihr und hatte ihre Arme festgehalten…“
„Hm…“
„Unsere Tochter hat vergeblich probiert, aus dieser Lage herauszukommen… Und sie hat herzerweichend gestöhnt…“
„Siehst du…?“
„Und wie sie gestöhnt hat… Es war so grausam… Ich hab ihr Stöhnen immer noch in den Ohren.“
„Dann liege ich mit meiner Vermutung nicht falsch. Es macht ihr schon was aus, dass sie Marlene…, der kleinen Marlene unterlegen ist. Es macht sie womöglich krank. Aber sie kommt nicht gegen sie an… Und sie gibt es unverhohlen zu.“
„Das hat Marlene ja gestern, als sie von der Disco kam, auch bestätigt…, du erinnerst dich?“
„Ja. Marlene sagte, dass Heidi nicht gegen sie ankommt. Das ist zwar äußerst merkwürdig…, aber was anderes. Wenn Heidi nun mal nicht in der Lage ist, Marlene zu besiegen, dann muss sie sich das zähneknirschend eingestehen. Aber sie tat vorhin so, als wäre es die normalste Sache der Welt. Als würde sie es gutheißen, von ihrer Freundin verprügelt zu werden. Ich begreife das nicht. So kann kein Mensch denken…“
„Vielleich hat sie einfach nur ein großes und gütiges Herz…“
„Hast du jemals jemanden mit solch einem Herzen gesehen?“
„Ja, Heidi…!?“



Heidi, die sich rasch ins Bett gelegt hatte, war sich sicher, dass ihre Eltern sich im Wohnzimmer noch länger über das Gespräch unterhielten. Ihr war es egal, und außerdem konnte sie dagegen nichts machen. Sie würde es ihrer Freundin aber auch niemals vergessen, dass sie Andreas nichts erzählt hatte. Schon alleine dafür hat sie etwas gut bei mir. Wie albern von mir. Das schafft sie wohl sowieso. Ich bin zwar attraktiver als sie. Und intelligenter. Und größer. Und auch älter. Drei Jahre und drei Monate. Alles Attribute, die eigentlich für mich sprechen. Alte Angeberin. Aber was nützt es mir, wenn wir raufen. Dann fühle ich mich so unendlich klein, mickrig und dumm.  Aber macht das nicht auch den Reiz aus, wenn ich mich von ihr bezwingen lasse? Lasse? Quatsch. Ich bin ihr eindeutig unterlegen. Und ergeben? Und ergeben. Ich bin der kleineren, jüngeren, unattraktiveren, nicht ganz so gescheiten Marlene unterlegen. Und ergeben. Normalerweise sollte mir das schon etwas ausmachen. Aber es macht mir nichts aus. Warum nicht? Weil sie nicht mein Niveau hat? Wie die Niveau-Niedrigere mich heute Nachmittag auf der Bank geohrfeigt hat… Der stolzen Heidi gezeigt hat, wer wem was sagt, das war…, das war… Das war eine neue Erfahrung. Das war wie die erste zarte Frucht einer neuen Ernte. Ich hätte ihr ja auch eine runterhauen können. Einfach so. Und dann? Dann hätten wir uns geprügelt und… Und alle im Café hätten aus dem Fenster gesehen und mitgekriegt, wie die Größere, von der Kleineren verkloppt wird. Das brauche ich auch nicht. Das muss ich nun wirklich nicht haben. Ich muss doch nicht aller Welt offenbaren, dass ich mich von Marlene schlagen lasse. Schlagen lassen muss. Das wäre ja noch schöner. Aber soweit ist es Gott sei Dank nicht gekommen. Ich habe ein paar Tränchen vergossen und dann hat sie mich in die Arme genommen. Und Marlene hat mich besorgt gefragt, ob ich weine. Sie hat meine Tränen gesehen und tröstete mich. Ich hab’s eigentlich ganz gern gehabt. Die kleine Marlene hat mir ein Gefühl gegeben… wie… Ich weiß nicht wie. Na ja, sie schlägt und beschützt mich. Mich, die all die Jahre immer geglaubt habe, dass Marlene es ist, die von mir beschützt werden müsste. Und sie hat mich getröstet. Ich brauchte den Trost. Er tat mir gut. Auch mein Vater wollte mich trösten. Das brauchte er nicht. Ich denke, er und Mutter benötigen eher den Trost. Sie können sich partout nicht damit abfinden, dass ihre Tochter von dem fünfzehnjährigen Nachbarskind verkloppt wurde. Seit gestern ist Marlene ja sechzehn. Und heute, einen Tag später, habe ich sie besiegt. Na ja. Sie hat sich wohl doch nicht so angestrengt. Ich war aber auch ganz gut drauf. Erstmals hatte ich sie im Schwitzkasten. Sie mich auch. Als ich dachte, das war’s mit mir, fiel sie. Das war vielleicht ein Gefühl… So ganz anders. Und dann lag sie am Boden. Marlene lag unter mir am Boden. Ich war so erschrocken, dass ich mich beinahe bei ihr entschuldigt hätte. Aber das brauchte ich nicht, denn ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie mich siegen lassen wollte. Und ich? Wollte ich sie an dem Samstag vor zwei Wochen auch gewinnen lassen? Nein, natürlich nicht. Damals wollte ich unbedingt über Marlene, meine kleine Freundin, triumphieren. Als sie mich gleich zweimal bezwungen hatte, war ich fürchterlich deprimiert. Fühlte ich mich schrecklich erniedrigt. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass sie die Stärkere ist. Meine Freundin, fast noch ein Kind. Ich bin dann ins Badezimmer gegangen und hab darüber nachgedacht. Ich glaube, ich war ziemlich lange da drin. Ich hab mich vor den Spiegel gestellt und über die neue Situation nachgedacht. Irgendwann, viele Minuten später, schwand meine Enttäuschung. Einfach so. Es fing an, als ich mir sagte, dass ich meiner Freundin in so vielen Dingen überlegen bin. Was macht es da aus, wenn sie mich im Kampf besiegt. Alles andere bleibt mir ja. Soll sie mich doch besiegen. War das wirklich so? Ich denke ja. Und als ich mir meine Haare durchbürstete und in den Spiegel lächelte, kam dann ein neues, fremdartiges Gefühl dazu. Ein Gefühl, das mich geradezu aufforderte, meiner kleinen Freundin Marlene zu zeigen und zu sagen, dass ich ihr ergeben bin. Das mich zu ihr trieb, um mich voller Demut unterzuordnen. Oder war es möglicherweise Selbstdemut? Nein, es war ganz sicherlich keine falsche Scham. Ich spielte sie ja nicht. Ich empfand sie aus irgendwelchen unbegreiflichen Gründen. Ich hatte das Verlangen, ihr meine Unterwürfigkeit zu offenbaren. Sofort und ohne Einschränkungen. Ich hab’s ja auch gleich danach getan. Ich sagte zu mir: „Geh raus und zeige ihr, dass ich es akzeptiert habe, ihr unterlegen zu sein.“ Ich bin dann aus dem Bad geeilt und habe mit ihr darüber gesprochen. Und Marlene? Sie hat’s genossen und war einverstanden. Sie war mit meiner Devotion einverstanden. Ob sie sich anfangs darüber gewundert hat? Ich glaube schon. Obwohl, damals beim Armdrücken hat sie mich ja auch schon besiegt. Aber seinerzeit waren wir ja fast noch Kinder. Trotzdem, das Gefühl, mich zu besiegen, lernte sie schon damals kennen. Da haben wir so viele Jahre gebraucht, um das jetzt festzustellen. Jedenfalls haben wir nach meinem Geständnis noch ein wenig auf dem Bett gerangelt. Da spielte jede ihren neu eingenommenen Part. Marlene ließ mich sofort wissen, dass sie es ist, die von da an den Ton angibt. Die die Dominierende ist, wenn es ums Rangeln oder gar Kämpfen geht. Und dass ich es zu sein habe, ich es bin, die dabei eindeutig die untergeordnete, die zweite Rolle spielt. Als sie es übertrieb, bin ich dann böse geworden. Böse? Nein, ich war eher verletzt. Möglicherweise war ich doch noch nicht soweit. Irgendetwas in mir stemmte sich gegen die noch neue Hierarchie.  Hinterhältig hab ich sie dann angegriffen und… Und meine Strafe von ihr erhalten. Ja, das war schon eine hammerharte Strafe. Aber eine gerechte. Was wäre gewesen, wenn ich sie bei diesem Hinterhalt bezwungen hätte? Ich glaube kaum, dass wir noch beste Freundinnen wären. Aber es  kam ja nicht dazu. Marlene hat es mir ein drittes Mal gezeigt. Und wie. Ich musste das nicht haben. Wirklich nicht. Ich hab gebettelt, dass sie aufhören soll. Und sie hat aufgehört. Sofort. Sie hat sich ganz großartig an die Spielregeln gehalten. Bravo dafür. Bravo Marlene. Du hättest mich windelweich schlagen können. Aber du hast sofort gewusst, dass ich restlos fertig war. Dass ich einfach nicht in der Lage war, dir auch nur halbwegs zu entgegnen. Du hast sofort abgelassen von mir. Vom Opfer. Von deinem Opfer. Von mir. Ich war – und bin dir dankbar dafür. Danach haben wir Rotwein getrunken. Viel zu viel. Aber er hat unsere beiden Zungen gelöst. Wir haben ein zweites Mal über die neue Hierarchie gesprochen. Nein, es galt nicht, sie neu aufzuteilen. Sie war plötzlich da. Sie hatte sich bei uns eingenistet. So wie feststand, dass ich die Ältere von uns bin, stand nun fest, dass sie es ist, die die Beherrschende ist. Über mich. Warum hab ich ihr vorhin gesagt, dass ich mich darauf freue, wieder mit ihr zu ringen? Weil ich dazu stehe und mich aufrichtig freue. Das ist doch nicht normal. Warum freue ich mich darauf? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es so ist – und dass es möglichst bald sein sollte. Wann? Sind meine Eltern nicht am nächsten Wochenende in Hamburg? Doch, da war was. Sie deuteten an, dass sie alte Freunde besuchen wollten. Übers Wochenende. Beide Tage? Ja. Aber Andreas wollte mit mir in die Disco gehen. Das ist mir auch wichtig. Und ich würde mich sehr darüber freuen. Und Marlene? Heidi wusste es nicht. Sie schlief über den Gedanken ein.

Fortsetzung folgt

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