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News & Infos

Heidi 6 (1985 – 1995)
Die Göttin
© Joicey mcdonald 12/09



Während der Woche galt es, Klausuren zu schreiben. Heidi fand kaum Zeit, an andere Dinge zu denken und hatte am Freitag ein gutes Gefühl, ihre abgelieferten schriftlichen Arbeiten erfolgreich vollbracht zu haben. Nur zweimal, in den kurzen Pausen, hatte sie mit Marlene gesprochen. Es waren belanglose Gesprächen, in denen Heidi ihr nichts von der Unterhaltung mit ihren Eltern erzählte. Davon wollte sie ihr am Wochenende berichten. Mit Andreas sprach sie noch in der Schule über einen gemeinsamen Besuch in der Disco. „Das, was letzten Sonntag nicht klappte, könnten wir am Samstag nachholen“, übernahm Heidi den selbstsicheren und ungehemmten Vorstoß. Als Andreas zu grübeln anfing, meinte Heidi, dass, wenn er nicht könne, ihr das nichts ausmache. „Wir könnten auch irgendwann später ausgehen.“
„Nein, nein… Ich möchte sehr gern mit dir in die Disco…“
„Aber…?“
„Ich könnte nicht so lange bleiben…, weil…“
„Weil?“
„Ich spiele noch immer in einem Hamburger Fußballverein…“
„Du spielst Fußball?“
„Ja. Und am Sonntag haben wir ein Spiel… Das heißt, ich muss am Sonntagmorgen in der Früh nach Hamburg fahren…, und sollte natürlich ausgeschlafen sein…“
„Selbstverständlich… Wie gesagt, wir könnten…“
„Nein, ich möchte mit dir ja in die Disco… Nur, ich könnte nicht so lange bleiben. Du verstehst?“ Heidi erkannte, dass er ihr direkt in die Karten spielte und ging gern auf seinen Vorschlag ein. „Gut, das macht doch nichts… Dann bleiben wir halt nicht so lange.“
„Ich könnte, sagen wir mal, bis zirka 22 Uhr bleiben… Ist das okay?“
„Das wäre doch super. Wir gehen zeitig dahin… Und gehen danach brav nach Hause…“
„Ja, das ist doch besser als gar nichts“, antwortete Andreas und gab Heidi einen schmatzenden Kuss. Die beiden verabredeten sich für 19 Uhr.



Ganz aufgeregt vor Freude stand Heidi am Samstagvormittag vor dem Kleiderschrank, um dann festzustellen, dass sie wieder mal nichts Gebührendes anzuziehen hatte. Sie prüfte ihren Bargeldbestand und entschied, in die nächstgelegene größere Stadt zu fahren, um nach einem schicken Rock zu sehen. Gerade als sie in ihren Wagen stieg, kam ihre Freundin aus dem Elternhaus. „Wo willst du denn hin?“
„Ich fahre kurz weg, um mir einen neuen Rock zu kaufen…“
„Für dein Rendezvous heute Abend?“
„Ja, ich hab nichts Gescheites.“
„Du fährst allein?“
„Wenn du Lust hast, komm ruhig mit…“
„Natürlich will ich mit. Außerdem würdest du dir ohne meine Hilfe garantiert das falsche Teil kaufen. Ich kenne doch deinen verirrten Geschmack.“ Kurz darauf fuhren beide durch den Ortsausgang die Bundesstraße entlang. Im einzigen Kaufhaus der nahen Kreisstadt steuerten die Freundinnen direkt auf die Damenbekleidungsabteilung zu. Heidi nahm sich jeweils immer drei Röcke mit in die Umkleidekabine und hatte sich den kritischen Blicken und dem anschließendem Urteil Marlenes zu stellen. Erst nach der fünften Anprobe waren beide gleichermaßen zufrieden. In dem knielangen, burgunderroten Volantrock sah Heidi wie eine Prinzessin aus. Ihre dunklen Haare bildeten einen geradezu perfekten Kontrast zu der Farbe des Rockes. Neidisch erkannte Marlene, dass ihre Freundin darin betörend schön aussah. „Ja, der ist ganz okay… Nimm den“, nuschelte sie betont gelangweilt. Für einen Augenblick wurde ihr wieder deutlich, wie wunderschön Heidi war. Deren absoluter Schein ihrer Schönheit strahlte selbst in der Abteilung der Damenoberbekleidung hell und leuchtend. Marlene musste kurz an eine Göttin denken. Ihr Antlitz – einer Göttin gleich. Ihr Lächeln – einer Göttin gleich. Einer Göttin gleich… Einer Göttin gleich… Einer Göttin gleich… und ich? In ihr machte sich gründlicher Neid breit. Heidi ging überschwänglich vor Glück mit ihr in den Vorraum zurück, von dem die Kabinen abgingen, um dort einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen. Aufgeräumt vor Freude, den perfekten Wunschrock gefunden zu haben, zog sie sich wieder um. Ihre Gedanken waren bei Andreas.

Auf dem Weg zum öffentlichen Parkplatz, wo Heidi ihr Auto abgestellt hatte, schlenderten die beiden durch die Straßen der Kreisstadt und blieben immer wieder vor den Schaufenstern der Läden stehen. Marlene fragte ihre Freundin besorgt, dass die, wenn sie vom Discobesuch heimkäme, wohl kaum noch Lust auf eine Rangelei hätte.
„Was meinst du? Doch…, doch…“, antwortete Heidi inhaltslos. Ihre Gedanken weilten ausschließlich bei dem bevorstehenden Abend mit ihrem Verehrer.
„Das klingt aber ziemlich desinteressiert.“ Marlene konnte und wollte sich nicht damit abfinden, dass ihre Freundin dabei war, ihre eigenen Wege zu gehen. Allein das bevorstehende Abenteuer Florida ließ sie hoffen. Ein Jahr zusammen mit Heidi. Und danach? Aber so weit wollte sie einfach nicht denken. Was danach käme würde und müsste sich zeigen. Heidi hatte in der Tat kaum mehr an die Verabredung nach dem Discobesuch gedacht. Das Vorhaben mit Marlene bekam bei ihren Betrachtungen eher den Status eines Trivialen. Sie erinnerte sich, dass sie sich noch vor wenigen Tagen auch an die Stunden nach der Disco gefreut hatte. Aufrichtig gefreut. Aber das lag weit entfernt. Und besondere Freude hatte sie während des Einkaufs bei ihrer Freundin auch nicht erkannt. Eher nörgelnd hatte die ihre Zustimmung gegeben. „Ja, der ist ganz okay… Nimm den“, hatte Marlene muffig gemurmelt. Nein, sie widmete ihre Freude den Stunden mit Andreas. 

Vor dem großen Schaufenster eines Sportartikelgeschäftes knuffte Marlene ihrer Freundin schäkernd  in die kurzen Rippen.
„Aua, du Zwerg“, frozzelte Heidi zurück. „Lass das sofort, sonst muss ich dich hier auf offener Straße…“ Marlene ließ nicht locker und meinte, dass Heidi sich Hanteln zulegen sollte, damit sie irgendwann einmal ebenbürtiger wäre.
„Du scheinst vergessen zu haben, wer am letzten Sonntag verlor…“, erwiderte Heidi leicht hochmütig.
„Stimmt“, lenkte Marlene ein, die hier in der Öffentlichkeit eine kleine Gelegenheit sah. Und sie spürte, dass Heidi den rechten Arm um ihren Kopf legte…

Drei Sportartikelverkäufer ließen von ihren Privatgesprächen ab. Sie nahmen war, wie eine junge, äußerst attraktive Dame, die in der linken Hand eine Einkaufstüte eines Textilwarenhauses trug, völlig ungeniert den rechten Arm um den Kopf eines Schulmädchen legte und ihn an ihren Körper presste. „Die will doch wohl nicht hier vor dem Schaufenster die Kleine…“, sagte der Ältere der drei. Im nächsten Augenblick beobachteten die drei, wie das Schulmädchen der attraktiven Lady an deren wunderschönen langen Haare zog. Und sie sahen, wie die attraktive junge Dame vergeblich probierte, sich davon zu befreien. „Wir müssen raus und die da trennen…“
„Warte noch ein bisschen.“ Alle drei sahen gebannt aus dem Schaufenster und schauten gebannt zu, wie das kleinere Schulmädchen mit den roten Haaren und den Sommersprossen im Gesicht, von den Haaren der attraktiven Lady abließ, und der nun deren rechten Arm festhielt. Und dann beobachteten sie fassungslos, wie die Größere von der Kleineren in die Hocke gezwungen wurde. Wahrscheinlich hatte das Schulmädchen am Arm der attraktiven Lady gedreht. Die Kollegen stürmten nach draußen. Sie kriegten gerade noch mit, wie die attraktive Lady mit den wunderschönen, langen dunklen Haaren aus der Hocke kam. „Ladies, was sollte das?“, fragte der jüngste Verkäufer. Er erhielt von dem Schulmädchen die knappe Antwort, dass das nur Spaß gewesen sei. Stirnrunzelnd nuschelte er, dass er darüber beruhigt sei, weil im Ernstfall das Schulmädchen ganz sicherlich diejenige gewesen wäre, die hier verdroschen worden wäre. Der Verkäufer kriegte seinen Mund kaum mehr zu, als er von dem Schulmädchen hörte, dass er sich da gewaltig täusche. Dann zeigte er auf die attraktive Lady mit dem wunderschönen langen dunklen Haaren, und fragte sie, ob das wirklich stimmte. Und sah er verblüfft, wie die die Schulter hob und wieder senkte, was einer kleinmütigen Bestätigung gleichkam. Die drei Verkäufer hörten, wie das Schulmädchen noch einen schönen Tag wünschte, und sie sahen, wie beide Arm in Arm davongingen und leise vor sich hin kicherten.

Marlene war außer sich vor Glück. Heidi hatte zwar „nicht hier“ gesagt, nachdem sie in die Hocke gedrückt wurde, aber sie hatte den Verweis ihrer Freundin zurückgewiesen und gemeint, dass sie ja nicht damit angefangen hatte.

Heidi konnte ihrer Freundin nicht böse sein, das wusste sie. Außerdem hatte sie ja mit dem Beginn der kindischen Balgerei vor dem Schaufenster eines Sportartikelgeschäftes begonnen.



Zu Hause war Heidi damit beschäftigt, die passende Bluse zu ihrem neuen Volantrock auszusuchen. Sie entschied sich für eine schlichte dunkelgrüne Seidenbluse und kokettierte lange vor dem Spiegel. Danach ging sie ins Badezimmer und ließ sich Wasser für ein Vollbad ein. In der Wanne gingen ihr tausend schöne Gedanken durch den Kopf. Der Termin mit Marlene nach der Disco gehörte längst nicht mehr dazu. Sie freute sich auf den Discobesuch mit Andreas, auch wenn dieser nicht lange dauern würde. Marlene hatte sie gesagt, dass sie spätestens um 22:30 Uhr zurücksein wollte und ihr einen Haustürschlüssel gegeben, damit sie im Haus auf sie warten konnte.

Nach dem Bad zog Heidi sich schwarze Seidenstrümpfe über und entschied, unter dem burgunderroten Volantrock einen rosafarbenen Unterrock zu tragen. Nachdem sie ihre Kleidung vor dem Spiegel überprüfte und zuversichtlich war, dass alles gut zusammenpasste, band sie sich eine zum Rock passende schwarze Samtschleife ins dunkle Haar. Andreas ließ dann auch nicht lange auf sich warten. An der Haustür überschüttete er Heidi mit Komplimenten.

Der Abend in der Disco verging viel zu schnell. Die beiden tanzten viel und unterhielten sich bei einigen Martinis über etliche Dinge. Heidi, die nichts zu Abend gegessen hatte, bemerkte recht bald einen kleinen Schwips bei sich. Ungeniert küsste sie ihren Freund bei jeder Gelegenheit. Aber auch Andreas wähnte sich im Paradies, denn seine Heidi war das weitaus schönste Mädel in der Disco. Um 22 Uhr deutete er darauf hin, dass es leider bald Zeit würde. „Du weißt, ich muss morgen in der Früh hoch und nach Hamburg fahren.“ Heidi bat ihn schmachtend immer wieder um ein Viertelstündchen.

Um 22:45 Uhr verließen beide die Disco. Eng umschlungen schlenderte das Pärchen durch die dunkle aber noch frühe Nacht. Als die Verliebten vor der Gartenpforte standen, war es 23 Uhr. Leidenschaftliche Küsse und Umarmungen mit kessen Berührungen entfachten bei beiden ein Gefühl des Vakuums. Zwanzig Minuten später verabschiedeten sich beide schmachtend. Heidi blieb vor der Pforte stehen und sah ihm lange nach.

Marlene, die deren Leidenschaft hinter der Gardine beobachtet hatte, konnte ihre Freundin gut verstehen, denn auch sie hatte Andreas gern. Sie wusste aber auch, dass sie bei ihm nicht die geringste Chance hatte. Wieder einmal wurde sie vom Neid auf Heidi gepackt. Sie sah im diffusen Schein der Straßenlaterne wie eine Göttin aus. Sie musste raus. Raus zu ihrer Göttin. Raus, um sie auf die Erde zurückzuholen. Behutsam öffnete Marlene die Haustür und schlich ihrer Freundin entgegen, die immer noch in die Richtung blickte, in die Andreas fortgegangen war. „Du kommst zu spät.“ Marlen blickte in zwei verklärte Augen, die weit entrückt von der realen Welt schienen. „Hallo…, du bist spät dran.“
„Was?“ Heidi hatte seit ihrem Zusammensein mit Andreas nicht mehr an Marlene gedacht. Nicht mehr daran gedacht, dass heute Abend noch eine Zusammenkunft der ganz anderen Art geplant war. Das wurde ihr schnell deutlich ins Gedächtnis zurückgeholt, denn ihr Haar wurde von einer kräftigen Hand gepackt. Dennoch realisierte Heidi nicht vollständig, dass sie im Schein der Laterne in die Hocke gedrückt wurde. Die Leidenschaft der letzten Stunden vermengte sich mit dem leichten Schwips der Martinis. Erst als Marlene sie erneut an den Haaren packte und sie daran hochzog, hatte sie die Gegenwart wieder eingeholt.
„Du bist zu spät gekommen. Viel zu spät…“
„Und dafür bestrafst du mich jetzt…“
„Ja.“
„Hier auf der Straße?“
„Nein.“ Heidi ließ sich von ihrer Freundin an den Haaren ins Haus ziehen. Dort hängte sie ihren Mantel auf die Garderobe und nippte im Stehen am Glas Sekt, das Marlene ihr gereicht hatte. „Heute wirst du dein blaues Wunder erleben“, tönte Heidi albern.
„Und warum bist du dir so sicher?“
„Weil der Abend mit Andreas mich stark gemacht hat. Weil er mich unbesiegbar gemacht hat.“
„Wer hat dich unbesiegbar gemacht?“
„Andreas.“
„Muss ich jetzt Angst vor dir haben?“, fragte Marlene leicht verhöhnend.
„Wart es ab.“ Marlene beobachtete, wie ihre Freundin zur Stereoanlage ging, um das Radio einzuschalten. Dabei entging ihr nicht, wie um deren Rocksaum eine rosafarbene Spitze schlingerte. Sie sieht wirklich aus wie eine Göttin. Aber das wird ihr auch nichts nützen. Andererseits, revidierte Marlene ihre Gedanken, sollte ich ihr gar nichts antun. Heidis Weiblichkeit schreit mir ihre Verwundbarkeit geradezu entgegen. Was soll‘s, wir beide wissen sowieso, wie es ausgehen wird. Marlene beschloss, die Rangelei auf einen anderen Abend zu verschieben. Möglicherweise wieder vor Augenzeugen. Das war ihr sowieso wichtiger. Und das elektrisierte sie viel mehr.

Heidi hatte sich längst wieder an den Sinn des Abends erinnert und konzentrierte sich darauf. Sie überdachte den letzten Sonntagabend, als Marlene die Erfahrung gemacht hat, die sie schon hinter sich hatte. Nun könnte sie Marlene und sich beweisen, dass das alles andere als Manipulation gewesen war. Wollte sie das denn? Ja, heute, nach den glücklichen Stunden wollte sie es. Auch für Andreas. Nein, nur für ihn. Und dann würde sie ihm davon erzählen. Stolz würde sie ihm davon berichten, wie sie ihre Freundin besiegt hätte. Andreas hat es bestimmt nicht gern, wenn ich mich mit Marle kloppe. Sie malte sich aus, wenn doch, und wie das wäre, wenn er dabei zuschauen würde. Die Hurrastimmung gaukelte ihr vor, dass Andreas auf dem Sofa sitzen und sie frenetisch anfeuern würde. Plötzlich dachte sie daran, dass Marlene noch keinen festen Freund hatte, und die nicht wissen konnte, wie dieses Gefühl sein konnte. Sie tat ihr ein wenig leid und beschloss, bis es zu der Rauferei kommen würde, würde sie ihr ein bisschen Ergebenheit schenken. Das hat sie sich verdient. Und das würde sie womöglich überheblich machen. Heidi freute sich faustisch auf das, was da kommen würde. Die Martinis?


Heidi ging zum Tisch und schenkte das Glas ihrer Freundin nach. Marlene nahm es, schlug die Beine übereinander und nippte daran. Eine seltsame Atmosphäre hatte sich im Wohnzimmer ausgebreitet. Heidi verspürte sehr große Lust, mit ihrer besten Freundin herumzubalgen, um ihr zu zeigen, wie gut und stark sie sich fühlte. Sie griff nach dem Sektglas und sah Marlene erwartungsvoll an. Marlene hatte sich endgültig von dem Gedanken verabschiedet, mit Heidi zu rangeln. „Wollen wir ein bisschen Fernsehen?“, fragte Marlene aus heiterem Himmel.
„Warum?“, antwortete Heidi, die aus allen Wolken fiel. „Was willst du dir ansehen?“
„Weiß nicht…“ Heidi nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. „Und was, bitte schön, möchte die gnädige Dame gern sehen?“
„Zapp ein wenig herum… Die gnädige Dame sagt dir dann schon, was sie gucken will.“ Der Dialog gefiel Marlene. Er machte ihr deutlich, dass Heidi in der Stimmung und vermutlich auch ohne Zwist bereit war, den Part der ihr zugeteilten Rolle zu übernehmen. Wie ausgedehnt ihre Freundin dabei mitspielen würde, wusste Marlene nicht. Ihr eigenes Geltungsbedürfnis war riesengroß, nahezu unersättlich – und kannte keine Grenzen. Dass Heidi bis dahin mitgehen würde, glaubte sie nicht. Um herauszufinden, wie weit, müsste sie sie schon ein wenig triezen. War das auch ohne körperliche Zucht möglich? Das Anordnen von Fernsehprogrammen war auf jeden Fall viel zu banal und nicht geeignet, um dies herauszufinden. Nur was?
„Ist der Dame dieser Film genehm?“, fragte Heidi betont servil.
„Hast du nichts Besseres?“
„Oh, Madame sein heute aber recht anspruchsvoll.“ Beide schauten dennoch hin. Im Spätfilm ließ sich ein Mann gerade an die Eisenpfosten eines großen Bettes ketten. Eine in Leder gekleidete Domina zelebrierte die Aktion geräuschvoll stöhnend. Aber auch das Opfer, welches nur im knappen Slip bekleidet war, lechzte deutlich vernehmbar. Heidi und Marlene schauten nun interessiert zu. Die Neunzehnjährige wähnte sich in der Person des Mannes. Sie berichtigte ihre Gedanken, dass man das nicht so direkt vergleichen könnte, denn sie war hetero. Sie liebte Andreas, hatte es aber andererseits nicht ungern, dass sie hin und wieder von ihrer kleineren Freundin unterjocht wurde. Und der Mann ließ sich von der jungen Frau knechten – wenn auch aus anderen Gründen. Aber auch nicht unfreiwillig. Und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das war ihr wichtig, darauf legte sie besonderen Wert. Sie erinnerte sich daran, dass es am Badesee Zuschauer gegeben hatte. Und beim Armdrücken auf der Kirmes – wenn das auch etwas anderes war. Schlagartig fiel ihr ein, dass auch Andreas beobachtet hatte, wie Marlene sie geohrfeigt hatte. Sie holte tief Luft und sann, ob ihr das inzwischen einerlei sei. Nein. Das wird es sicherlich niemals sein. Dafür tut es zu weh.

Marlene starrte gebannt auf den Fernseher. Die Domina hatte inzwischen alle vier Gliedmaßen des Mannes an die Bettpfosten gekettet und ging aus dem Zimmer. Eine Werbepause unterbrach den anregenden Film. Im Prinzip, urteilte sie, ist es so wie bei uns. Wie bei Heidi und mir. Auch wenn bei uns andere Motive ausschlaggebend sind. Welche? Sex war nicht im Spiel. Irgendwas anderes. Etwas ganz anderes. Die Szenen hatten sie veranlasst, doch noch mal über eine Rangelei mit ihrer Freundin nachzudenken. Dass sie dabei die Rolle der Domina übernehmen würde, war nicht die Frage. Auch wenn sie Heidi nicht ans Bett fesseln würde. Ihr durch Stärke erneut zu zeigen, wer die Führungsrolle innehat und niemals abgibt, war jederzeit existent und begehrenswert. Es machte sie selbstbewusster. Viel selbstbewusster. Es gab ihr einfach ein gutes Gefühl. Sie fühlte sich aufgewertet. Warum? Weil sie nichts von dem hatte, was Heidi auszeichnete. Aber ihr Hunger nach körperlicher Nötigung war trotz der anregenden Szenen nicht besonders groß. „Ich möchte, dass du mir was zu essen bringst.“
„Du willst essen? Jetzt?“
„Sagte ich… Ja.“ Heidi, die gern sehen wollte, wie der Film weiterging, erhob sich seufzend vom Sessel und blickte ihre Freundin fragend an.
„Nun mach schon…, die Werbung ist gleich vorbei.“
„Und was möchtest du essen?“
„Egal, Hauptsache es geht schnell. Oder willst du den Film nicht weitergucken?“
„Doch…“ Heidi ging in die Küche und belegte ihrer Freundin eine Scheibe Brot mit Käse. Sie brachte es ins Wohnzimmer und musste sich von Marlene sagen lassen, dass sie es in kleine Häppchen zubereitet haben wollte. Heidi ging zurück in die Küche und kam kurz darauf mit mundgerechten Häppchen wieder ins Wohnzimmer. Sie nahm wahr, dass Marlene inzwischen den Sender gewechselt hatte. „Warum hast du…?“
„War doch Schwachsinn…“
„Der Film?“
„Natürlich. Was denn sonst.“
„Ich fand ihn ganz witzig.“
„Das ist doch nicht dein Ernst…“
„Doch.“
„Hätte dir einen besseren Geschmack zugetraut.“
„Warum?“
„Bei deiner Intelligenz…“
„Was hat das denn damit zu tun?“
„Weil du oft über den Dingen schwebst…“
„Ich schwebe – was?“
„Na ja, du tust manchmal so…, so… gebildet…“
„Marlene! Übertreibst du nun nicht ein bisschen?“
„Ich wollte damit ja nur sagen, dass der Film absolut nicht dein Niveau hat…“
„Wie kannst du so etwas sagen… Das ist doch immer Geschmacksache…“
„Das meinte ich ja… Deine Intelligenz passt nicht zu solchem Schund.“
„Und wozu, denkst du, passt meine Intelligenz?“ Marlene schien keine Antwort parat zu haben, denn sie blieb die Entgegnung zunächst schuldig. Heidi war leicht verärgert, sie teilte die Meinung ihrer Freundin nicht. Was hat der Film mit meiner Intelligenz zu tun? Sie wunderte sich, dass Marlene plötzlich mit ihrem Intellekt argumentierte. Das war bisher zwischen beiden nie ein Thema gewesen. Marlene hatte immer stillschweigend akzeptiert, dass sie nicht mit Heidis Geist gesegnet war. Und Heidi? Heidi hatte es ihrer Freundin nie zeigen wollen, dass sie intelligenter war. Es war eben so, und es wurde nicht darüber geredet. Umso mehr war Heidi von den Worten Marlenes irritiert. Sie griff nach der Fernbedienung und schaltete zum Film zurück.

Marlene war mit dem Verlauf des Streitgespräches nicht zufrieden. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Heidi so massiv gegen ihre Kritik anging. Als sie Heidi mit den Häppchen triezte, war sie sich sicher gewesen, dass das der Anfang einer indirekten Demütigung gewesen war. Um auf dem nächsten Level zu gelangen, hatte sie den Fernsehsender gewechselt. Sie hatte schon damit gerechnet, dass ihre Freundin sich untertänig verhalten würde. Stattdessen hatten sie gestritten. Ihr war es trotz Bemühungen nicht gelungen, Heidi davon zu überzeugen, dass der Film Schund war. Sie hatte mit Argumenten aufgewartet aber Heidi hatte mit besseren Entgegnungen widersprochen. Ihrer Intelligenz war sie einfach nicht gewachsen. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. Das war sie zumindest im Umgang mit Heidi nicht gewohnt. Sie war ihrer Freundin die letzte Antwort schuldig geblieben und starrte auf die Mattscheibe. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Heidi nach der Fernbedienung schnappte. Die Domina kam ins Zimmer zurück und blickte verächtlich auf ihr Opfer herab, das leicht stöhnend gefesselt auf dem Bett lag. Szenenwechsel. Auf einer Polizeiwache unterhielten sich drei Beamte über den heutigen Dienstplan.

Marlene schaute Heidi an und fragte zögerlich, ob sie den Film zu Ende sehen möchte.
„Ich weiß noch nicht.“
„Gefiel dir die Szene mit…? Na du weißt schon.“
„Das hatte etwas…, etwas Unterhaltendes.“ Heidi vermied bewusst, ihrer Freundin zu erzählen, dass die Szene mit der Domina sie angeregt hatte. Sie sah unbemerkt zur Uhr und stellte fest, dass es bereits zwanzig Minuten nach Mitternacht war. Der Abend war bis jetzt ganz anders verlaufen als geplant. Auf eine Art war sie ganz froh mit der Entwicklung. Wiederum war sie verunsichert, weil Marlene sich so ganz anders benahm als sonst. Irgendetwas war ihr beim Streit abhanden gekommen. Ihre Dominanz war irgendwo liegengeblieben. Heidi fühlte, dass sie gestärkt aus dem Streitgespräch herausgegangen war. Als Siegerin? Solange es ums Verbale ging, hatte sie nichts zu befürchten. Wenn es um andere Dinge ging, auch nicht. Nur beim Kräftemessen war es anders. Da konnte sie bislang nicht mithalten. Wollte nicht? Nein konnte nicht. Heidi drückte den Ausschaltknopf der Fernbedienung und stand auf.
„Warum hast du das…?“
„Weil mir danach war.“
„Weil du eingesehen hast, dass ich Recht hatte?“
„Womit?“
„Dass der Film blöd ist…“
„Nein, weil ich gemerkt habe, dass du ihn nicht…, nicht magst…“ Heidi konnte das Wort „verstehst“, gerade noch unterdrücken und ersetzen. Sie merkte, dass sich in ihren Gedanken ein Hauch von Überheblichkeit gesellte. Dazu gab es keinen Grund. Sie ging aus dem Wohnzimmer und kam bald darauf mit einer geöffneten Flasche Rotwein zurück. Sie füllte ein Glas halbvoll und stellte sich damit ans Fenster und sah in die dunkle Nacht hinaus.
„Dein Rock ist wirklich traumhaft schön.“
„Danke.“ Heidi dachte kurz an die Begleitumstände beim Kauf. Aber viel lieber daran, wie Andreas sie wegen des Rockes mit Komplimenten geradezu überschüttet hatte. „Freut mich, dass du ihn magst“, ergänzte sie. Sie stellte das Glas auf der niedrigen Marmorfensterbank ab und ging auf Marlene zu.

Als Heidi den Fernseher ausgeschaltet hatte, hatte Marlene mit dem Gedanken gespielt, nach Hause zu gehen. Sie war nicht beleidigt, nur ein wenig müde. Und absolut nicht in der Stimmung, ihrer Freundin oder sich selbst heute etwas beweisen zu müssen. Heidi ging aus dem Wohnzimmer. Marlene versuchte die eigenartige Stimmung zu analysieren. Ihre Freundin kam wieder und schenkte sich ein Glas Rotwein ein. Wieso setzt sie sich nicht zu mir, sondern stellt sich ans Fenster? Sie beobachtete Heidi, die ihr den Rücken gekehrt hatte und aus dem Fenster erneut in die dunkle Nacht sah. Der leicht ausgestellte Rock stand Heidi ausgezeichnet. Als wäre er nur für sie hergestellt. Marlene wollte diese Impression nicht für sich behalten. Sie machte ihr ein Kompliment. Heidi bedankte sich, stellte ihr Glas ab  und kam zum Wohnzimmertisch zurück. Marlene sann, dass ihre Freundin nicht einem Erdenwesen ähnlich war. Sie war so schön, dass es ihr unwirklich erschien. Wie eine Göttin. Der Gedanke, mit ihr fest und innig befreundet zu sein, machte sie plötzlich unglaublich glücklich. Und dass ausgerechnet sie selbst es ist, der sich diese Göttin zuweilen unterwirft, machte sie stolz. Der Zauber des Moments verwirrte sie.

Marlene erhob sich vom Sessel und stand neben Heidi. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, legte sie ihren Arm um Heidis Schulter. Heidi tat es ihr nach. Ohne Vorankündigung waren die Zutaten für eine Rangelei angerichtet. Beide rangen im Stehen. Nicht auf der Couch. Mitten im Wohnzimmer. Marlene investierte mehr Energie in ihre Bemühungen. Und mehr Ehrgeiz. Heidi schien das erkannt zu haben, denn sie probierte ein Bein zwischen Marlenes zu stellen. Doch sie hatte die Absicht der Neunzehnjährigen durchschaut und war blitzschnell einen Schritt nach hinten gegangen. Dadurch kam Heidi ins Straucheln und konnte sich gerade noch an der Anrichte festhalten. Marlene nutzte die Verwirrung ihrer Freundin und legte von hinten den Arm um deren Hals. Sie hatte Heidi gewissermaßen gefangen und die hatte nicht die geringste Chance, sich aus dem Griff zu befreien. Marlene überlegte, ob sie ihre Freundin rasch auf den Boden ablegen sollte, entschied sich aber für einen Erfolg mit Genuss. Während sie Heidis Kopf im Zeitlupentempo zentimeterweise weiter nach hinten und gleichzeitig nach unten drückte, röchelte die hastig und unregelmäßig. Ihre Arme fuchtelten unkontrolliert in der Leere herum. Nach einer ganzen Weile hatte Marlene Erbarmen mit ihrer Freundin und legte sie förmlich ab. Es bereits vollbracht. Die Göttin lag vor ihr auf dem Boden. Rücklings und die Beine von sich gespreizt. Der Fall der Göttin hatte deren göttliche Gewänder durcheinandergebracht.

Marlene überdachte kurz, der Göttin hochzuhelfen, denn der Boden geziemte ihr nicht. Sie vermutete, dass es Heidi peinlich war, dermaßen vorgeführt worden zu sein, denn Entmutigung stand in deren Augen. Und das ganz deutlich. Das, was aus dem Nichts entstanden war, endete mit dem Bankrott der Göttin. Und die erhob sich nun keuchend und ungeschickt. Und nun?

Heidi stand ihr wieder gegenüber. Marlene bot an, von Handgebärden unterstützt, es für heute gut sein zu lassen. Ihre Hand wurde plötzlich von Heidis gepackt. Heidi zog an daran und versuchte Marlene zu sich zu ziehen, um sich irgendeinen Vorteil zu verschaffen. Welchen wusste sie wohl selber noch nicht, aber sie zog. Aber auch Marlene fing an zu ziehen. Geschickt, und mit einem blitzschnellen Ruck, gelang es ihr, Heidi an sich zu ziehen. Deren Rocksaum schlenkerte durch die schwungvolle Bewegung. Die zartrosafarbene Spitze loderte wie Götterfunken. Mit beiden Händen bog sie Heidis rechten Arm hinter deren Rücken, gleich einem so genannten Polizeigriff. Die Göttin schrie kurz auf und ging in die Knie. Marlene ließ von ihr ab und blickte auf die Göttin herab. Die rieb sich den Arm. Nicht göttlich und überirdisch. Eher menschlich und mit verzerrtem Gesicht. Leiden? Göttinnen leiden nicht. Göttinnen geben nicht auf – sie machen weiter.

Göttinnen übernehmen die Initiative. Heidi gelang es, den Kopf ihrer Freundin zu umklammern. Marlene konnte im Moment nicht viel dagegen tun. Sie zappelte und versuchte Heidi zu greifen. Die Göttin ließ sich nicht greifen. Und drückte sie tiefer. Marlene versuchte irgendetwas von der Göttin zu fassen. Sie umfasste deren Knie und hielt sich daran fest. Und sie zog an deren linken Bein. Heidi stemmte sich mit allem was sie hatte dagegen. Es war nicht viel, und viel zu wenig für Marlene. Die Göttin verlor die Balance und fiel ächzend aufs Hinterteil. Die Göttin hatte zwar die Initiative übernommen, hatte aber schon nach kurzer Zeit erkennen müssen, dass sie für andere Dinge des Lebens viel besser geeignet ist. Göttinnen haben normalerweise nichts am Boden zu suchen. Sie sind in himmlischen Regionen heimisch. Marlene blickte auf die Göttin herab, die auf dem Teppich saß. Die Göttin sah himmlisch aus. Der Saum des burgunderfarbenen Rockes war ihr weit über die Knie gerutscht und gab einer anmutigen, rosafarbenen Spitze Gelegenheit, bewundert zu werden. Sie nahm auch kurz wahr, dass der Göttin schwarze Seidenstrümpfe von einem schneeweißen Halter getragen wurden. Aber ihr entging auch nicht, dass sich eine Seite des Strumpfes vom Halter gelöst hatte. Das muss passiert sein, als ich die Göttin am Bein packte. Die Göttin zuckte resigniert mit den Schultern. Gleich einer Kapitulation. Göttinnen kapitulieren nicht. Göttinnen sind unverwundbar. Und unbesiegbar. Aber genau das machte den Unterschied aus. Heidi hatte mit dem Schulterzucken verkündet, dass sie endgültig besiegt worden war und aufgeben wollte. Dass sie an diesem Abend nicht den Hauch einer Chance gegen sie hatte. Sie hatte wieder einmal recht schnell für klare Verhältnisse gesorgt. Sie blickte nachdenklich auf sie herab.

Heidi saß deprimiert und keuchend auf dem Wohnzimmerteppich ihres Elternhauses und zuckte ergeben mit den Schultern. Als sie ihr Glas auf der Fensterbank abgestellt hatte und zu Marlene ging, die auf dem Sessel saß, wollte sie mit ihr reden. Sie hatte sich über deren aufrichtiges Kompliment über den Rock gefreut. Wie von einer stummen Vereinbarung getrieben, hatte Marlene plötzlich ihren Kopf gepackt. Aber sie hatte auch den Kopf ihrer Freundin umklammert. Einen Augenblick lang konnte sich keine von ihnen einen entscheidenden Vorteil erringen. Bis sie dann versuchte ein Bein zwischen denen Marlenes zu kriegen. Ihre Freundin wich einen Schritt zurück. Und sie? Sie kam ins Straucheln. Mit viel Glück entging sie dem Sturz, denn sie bekam beim Stolpern die Anrichte zu fassen. Noch mal gutgegangen. Schon im nächsten Augenblick war ihr, als legte sich ein Schraubstock um ihren Hals. Von hinten hatte ihre Freundin den Arm um ihren Hals gelegt. Heidi röchelte, weil ihr die Luft wegblieb. Und sie fuchtelte ungestüm mit den Armen, um irgendetwas von Marlene zu packen. Es ging nicht. Und sie merkte, wie sie von der Sechzehnjährigen Zentimeter für Zentimeter nach hinten und dabei tiefer gedrückt wurde. Beharrlich und brutal. Dann war es auch schon passiert, sie lag erstmals auf dem Boden. Ihr war das zu schnell gegangen, aber sie hatte nichts daran ändern können. Schnaufend lag sie rücklings auf dem Boden. In ihrer vollen Länge. Und in ihrer ganzen Schönheit. Und mit ihrem Debakel. Sollte sie wieder aufstehen? Natürlich. Schließlich war sie sich und Marlene viel schuldig geblieben.

Sie hatte dann ihrer Freundin wieder gegenübergestanden. Die fragte sie, ob sie für heute genug hätte. Dabei stocherte sie gebärdenreich mit ihrem Arm umher. Genug? Pack deren Arm und zeig’s ihr. Und sie packte den Arm der Sechzehnjährigen und wollte sie zu sich ziehen. Und dann? Marlene zog auch. Blitzschnell. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Als sie sie zu sich gezerrt hatte, hatte ihre Freundin sie in eine Art Polizeigriff genommen, was ziemlich wehtat. Sie schrie kurz und heftig auf. Danach war sie direkt vor Marlene in die Knie gegangen und hatte sich den schmerzenden Arm gerieben.

Im dritten Duell hätte sie Marlene fast bezwungen. Sie hatte Marlenes Kopf gepackt und diese Körperhaltung wacker verteidigt. Mit all ihr zur Verfügung  stehenden Macht, hatte sie versucht, ihre Freundin zu Boden zu drücken. Und kurz vor dem Triumph hatte Marlene ihr Knie gepackt und daran gezerrt. Und dann hatte sie die Balance verloren und war auf den Boden gestürzt. Schon wieder. Und schon wieder so schnell.

Sie hatte sich zwar damit abgefunden, besiegt zu werden…, denn das war ihr Los. Nur, dass das alles so fürchterlich rasch ging, ärgerte sie. Sie war wieder einmal eine viel zu leichte Beute für die Sechzehnjährige gewesen.
Marlene saß inzwischen wieder auf ihrem Sessel. Sie blickte zu ihrer Freundin, die immer noch auf dem Boden hockte. „Bist du nun traurig, dass du schon wieder…, schon wieder gegen mich verloren hast?“
„Nein, Marlene…“
„Aber?“
„Nur darüber…, dass das alles so schnell ging.“
„Steh doch auf… Bitte.“ Heidi erhob sich, ging zum Fenster und setzte sich mit ihrem Glas zu Marlene.
„Du hast heute wirklich nicht viel drauf gehabt“, fuhr Marlene fort.
„Ich weiß…“, antwortete Heidi, die sich wieder, so gut es ging, gefasst hatte.
„Dabei sagtest du…, dass du heute unbesiegbar bist.“
„Man kann sich doch mal versprechen.“ Heidi griente leicht verschmitzt.
„Ich hab’s sowieso nicht geglaubt.“
„Ich war überzeugt, dir heute mehr Paroli zu bieten.“
„Hast du eine Erklärung?“
„Dich.“
„Deine kleine Freundin? Ist das alles?“
„Ja. Meine kleine Freundin hat mich in Nullkommanichts besiegt. Sie ist zu stark für mich.“
„Weißt du, an was ich vorhin gedacht habe?“
„Nein, woher.“
„Als du vorhin am Fenster gestanden hast, hast du ausgesehen wie eine… Du hast mich an eine Göttin… erinnert.“
„Wie eine – was?“
„Du hast ausgesehen wie eine Göttin… Mit deinem tollen Rock – und so…“
„Sehen so Göttinnen aus?“ Heidi zeigte auf ihre Bluse, die zum Teil liederlich aus dem Rockbund herausgerutscht war. Sie hob den Rocksaum freizügig hoch und deutete auf ihren schwarzen Seidenstrumpf, den sie bei der Gelegenheit wieder am Halter befestigte. „Und Götter oder Göttinnen sind unbesiegbar…“, vollendete sie den angefangenen Satz.
„Das macht dich menschlich und unterscheidet dich von einer richtigen Göttin. Aber sonst…“
„Wenn ich eine Göttin sein soll, was bist du dann? Eine Gottesanbeterin, die ihre Angebeteten im nächsten Augenblick erledigt?“
„Scheint so…“
„Im Übrigen ist nur eine höher gestellte Gottheit der anderen überlegen.“
„Du meinst, dass du eine niedrige Göttin bist…?“
„Quatsch. Ich bin überhaupt keine Göttin.“
„Weiß ich doch… Ich hab’s mir ja auch nur vorgestellt…“ Heidi überlegte, dass ihre Freundin sagte, dass der Gedanke von der Göttin ihr in den Sinn kam, als sie am Fenster stand – also vor dem Kampf. „Dann hast du schon mit diesem Metapher gegen mich gerungen?“
„Wie meinst du?“
„Dass du mit der Vorstellung gegen mich gekämpft hast, ich sei eine Göttin?“
„Ja… Irgendwie schon.“
„Dann hab ich mich ja doppelt blamiert… Und gleich alle Götter dieser Welt.“
„Nur, weil du…?“
„Ja, nur weil ich… Natürlich.“ Anfangs hatte Heidi es leicht genervt, dass Marlene sie mit einer Göttin verglich. Nachdem sie das Glas Rotwein geleert hatte, und eine wohlige Wärme sie durchzog, beschäftigte sie der Gedanke. Isabell hatte damals, vor knapp zwei Wochen, gesagt, dass Marlene nicht ihr Niveau hätte. Sie war die Erste, die ihre Freundschaft mit Marlene klassifizierte – und sie damit praktisch auf einen höheren Sockel hob. Jedenfalls hatte sie es damals so gedeutet. Es gab seither eine erkennbare Gliederung Marlene gegenüber. Dieser Formulierung gab sie immer noch die Schuld für die Wahrnehmung des Reizes, ihrer Freundin Devotion zu offenbaren. Wenn Marlene sie nun sogar mit einer Göttin verglich, dann wurde der Abstand zwischen ihnen noch größer und ihre Demütigung sehr viel tiefer. Die Untertänigkeit ging einem neuen Wert entgegen, nahm andere Dimensionen an. Die Göttin musste sich von ihr tyrannisieren lassen. Dieses neue Gefühl elektrisierte sie vollständig, machte sie komplett servil.

Fortsetzung folgt

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