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Heidi 7 (Jahre 1985 – 1995)
GÖTTERDÄMMERUNG
© Joicey Mcdonald Januar 2010




Und sie fühlte sich wie eine Göttin. Wie eine Göttin, die soeben vom Fußvolk annektiert und lächerlich gemacht worden war. Nein, eine Kriegsgöttin war sie nicht. Schon gar nicht, wenn es darum geht, gegen die kleine Marlene zu bestehen. Dreimal wurde sie binnen kürzester Zeit zu Boden gerungen. Die Göttin war demaskiert worden. Wieder einmal. Demaskiert ist zu nachsichtig. Entweiht kam besser hin. Sie fühlte sich entweiht. Von wem? Von eben der, die sie vor kurzem auf diesen Thron gehisst und ihr die imaginäre Krone aufgesetzt hatte. Musste die Göttin nun abdanken?  Göttinnen danken nicht ab. Schon gar nicht freiwillig. Göttinnen sind erhaben –  solange sie unantastbar sind. Das war sie längst nicht mehr. Göttinnen herrschen. Sie nicht. Sie hat nie geherrscht. Sie wurde beherrscht. Genau genommen zum wiederholten Male. Beispielsweise an dem bewussten Wochenende, das so vieles veränderte. Aber da war sie ja noch keine Göttin. „Weil mich meine kleine Freundin besiegt hat, habe ich alle Götter dieser Welt beschämt…“ Auch erzürnt?
„Was?“ Marlene war kurz eingenickt und hatte Heidis Fortführung des Gespräches nicht verstanden.
„Nichts weiter… Ich hatte nur laut gedacht, dass ich heute alle Götter dieser Welt blamiert habe.“
„In der Tat.“ Marlene war wieder hellwach und trank einen Schluck Rotwein. „Lass uns einen Moment vor die Tür gehen… Ich brauche frische Luft…“
„Natürlich… Das ist eine prima Idee.“

Vor der Tür atmeten beide die frische klare Luft der Nacht ein. Schweigend nippte jede von ihnen am Glas und hing ihren Gedanken nach. Auch für Marlene hatte der Vergleich mit der Göttin etwas Reizvolles. Sie sann, dass eine Göttin zu besiegen noch viel glorreicher sei, als eine Freundin, die gerademal drei Jahre älter und fünfzehn Zentimeter größer ist. Und auch dass Heidi mitspielte, war ihr nicht entgangen. Empfindet sie wie eine geschlagene Göttin? Wenn ja, wie fühlt es sich für sie an? Marlene war glücklich, dass ihr vor der Rangelei der Einfall gekommen war, gegen eine Göttin zu kämpfen.


Heidi musste es unbedingt erforschen, wie es sich anfühlt als Göttin zu kämpfen. Und als Göttin zu unterliegen? In gierigen Zügen trank sie ihr Glas Rotwein aus. Ein neues? Nein, das langt, ich bin schon genug beschwipst. „Die Göttin überlegt gerade was.“
„Und was?“
„Dass die Göttin nicht beweisen konnte, wirklich himmlisch zu sein.“
„Nein. Weil ich die Göttin auf die Erde zurückgeholt habe… Und ihr die Asche gezeigt habe.“
„Die Asche?“
„Überbleibsel von Götterfunken werden immer zu Asche.“
„Wie gescheit du bist, Marlene. Aber ich habe nicht als Göttin gekämpft.“
„Aber ich habe gegen eine gekämpft – und gewonnen.“
„Du schon… Ich habe als Heidi gegen dich verloren…“
„Was willst du damit sagen – oder bezwecken?“
„Dass ich mich als Göttin noch unbesiegt fühle…“
„Das lässt sich schnell ändern…“
„Hier draußen?“
„Warum nicht…“ Marlene betrat die Rasenfläche, die abseits des schmalen Streifens symmetrisch angelegter Platten bis zur Hecke führte.
„Soll ich die Außenbeleuchtung einschalten? Man sieht dich ja gar nicht…“, fragte Heidi, die vergeblich nach ihrer Freundin Ausschau hielt.“
„Dein göttlicher Glanz reicht eben noch nicht.“
„Na warte…“ Geschwind schaltete Heidi die helle Außenbeleuchtung an. Danach ging sie ins Badezimmer, um sich im Spiegel von ihrem göttlichen Aussehen zu überzeugen. Ja, sie war bereit, wie eine Göttin zu kämpfen. Und sie war auch bereit, als Göttin unterzugehen. Sie wollte erforschen, wie es ist, wenn Göttinnen versagen. Als Heidi die Treppe heruntergegangen war, stand ihre Freundin in der Haustür. „Was ist, Marlene?“
„Es ist schon nach ein Uhr…“
„Und?“
„Deine Eltern bleiben bis morgen?“
„Ja, bis morgen Abend. Warum fragst du?“
„Weil ich müde bin…“
„Hm.“ Heidi überlegte, dass dies ohnehin ein ereignisreicher Tag gewesen ist. Und dass die Nacht sie nicht davon abhalten würde, am nächsten Tag als Göttin zu kämpfen. „Möchtest du hier schlafen?“
„Nein, ich geh rüber.“

Heidi war mit sich allein. Im Bett ging ihr der Tag durch den Kopf. Die Stunden in der Disco wetteiferten mit den Kämpfen und Niederlagen gegen Marlene. Am Vormittag hatte sie vor dem Schaufenster eines Geschäftes mit albernen und übermütigen Handlungen dafür gesorgt, dass ihre Freundin sie vor den Augen anderer in die Hocke zwang. Wieder einmal in der Öffentlichkeit, schoss es ihr durch den Kopf. Wie damals auf der Kirmes, am Badesee oder die Ohrfeige auf der Bank beim See. Diesmal waren drei Verkäufer aus dem Geschäft heraus geeilt, um ihr zu helfen. Dabei hatte sie es sich zur absoluten Priorität gemacht, sich niemals vor den Augen anderer von Marlene bezwingen zu lassen. Damit konnte und wollte sie sich nicht abfinden. Dafür war sie ganz eindeutig zu stolz. Was unter vier Augen geschah, war etwas anderes. Etwas ganz anderes. Zufrieden war sie lediglich, dass das Geschehen vor dem Geschäft nur von sechs fremden Augen verfolgt wurde. Mit diesen beruhigenden Gedanken schlief sie ein.

Am Sonntagvormittag stellte Heidi fest, dass zum Frühstück keinerlei Brotwaren mehr im Haus waren, sodass sie entschied zum Bäcker zu gehen. Aus dem Fenster des Nachbarhauses winkte ihr Marlene zu und fragte, wann sie zu ihr kommen sollte.
„Komm ruhig gegen 14 Uhr“, antwortete Heidi.
„Und denk daran“, rief ihre Freundin ihr zu.“
„Woran?“
„Auszusehen wie eine Göttin.“ Heidi schmunzelte und sagte es ihr zu. Noch war ihr überhaupt nicht danach, mit Marlene  zu balgen. Mit der Brötchentüte in den Händen verließ sie gerade die Bäckerei, als ihr Stefanie, eine ihrer früheren Klassenkameraden aus der Grundschulzeit  entgegenkam. Nach gegenseitigen oberflächlichen Erkundigungen, wie es geht, kam Stefanie direkt auf das Geschehen in der Nachbarstadt zu sprechen. „Ihr habt euch da wirklich vor dem Schaufenster gezofft?“
„Na ja, ich weiß nicht, was du gesehen hast, Steffi…“
„Das war von der anderen Straßenseite nun wirklich nicht zu übersehen…, dass die Göre dir die Leviten gelesen hat.“
„Aber das…“
„Findest du nicht, dass du für solche Kinkerlitzchen entschieden zu alt bist?“, unterbrach Stefanie sie.
„Aber das…“
„Und findest du es nicht auch reichlich merkwürdig, dich ausgerechnet von der niedermachen zu lassen…?
„Aber das…“
„Ich meine, sie ist noch ein Kind…, und du…, und du… Ich fasse es nicht.“
„Aber das…“
„Na ja, kann mir ja auch egal sein… Mit mir hätte die das nicht gemacht. Aber du…, du solltest dich dafür schämen.“

Stefanie war dann kopfschüttelnd und amüsiert lachend in die Bäckerei gegangen. Heidi schloss die Augen und atmete tief durch. Verdammt, warum musste ausgerechnet jemand zugucken, den ich kenne. Von göttlichen Gedanken weit entfernt, trat sie verärgert den Heimweg an.


Heidi öffnete Marlene die Haustür. Die Sechzehnjährige griente verschmitzt, als sie erkannte, dass sich ihre Freundin an die am Vormittag von ihr angeordnete Kleiderordnung gehalten hatte. „Ist meine Gottheit bereit, dem Fußvolk zu huldigen.“
„Das wäre ja noch schöner. Meine Aufgabe ist es, zu beweisen, dass Göttinnen unbesiegbar sind.“ Heidi war sich bewusst, dass sie soeben großkotzige Worte gesagt hatte, die sie sehr wahrscheinlich nicht bestätigen konnte. Aber das gehörte zum Spiel dazu und gab allem die gewisse Prise Bedeutung. „Die Göttin wünscht sich vor der Rangelei eine längst fällige Revanche im Armdrücken.“
„Armdrücken?“
„Ja.“
„Hast du dir das auch gut überlegt?“ Überheblichkeit war Marlene von den Augen abzulesen. Überheblichkeit, die überzeugender war, als die Worte der Neunzehnjährigen. Sie schien bereit für die Vernichtung der Hülle und sagte: „Ich liebe es, Göttinnen zu besiegen.“

Heidi und Marlene saßen sich am Küchentisch gegenüber. Es war das erste Mal, seit der Kirmes vor gut zwei Jahren, dass die Freundinnen ihre Kräfte im Armdrücken messen wollten. Es wurde besprochen und abgemacht, dass diejenige, die die andere dreimal besiegt, Gewinnerin ist. Heidi bat ihre Freundin nachdrücklich, sie nicht absichtlich gewinnen zu lassen. „Göttinnen geziemt es nicht, dass sie durch Schwindel gewinnen. Im Übrigen beschützt man sie und bringt ihnen Opfer dar.“
„Was redest du? Lass uns endlich anfangen.“
„Versprich mir vorher, dass du mich nicht…“
„Warum sollte ich? Aber du musst mir auch versprechen, dass du dich anstrengst.“
„Klar.“ 

Es kam wie Heidi befürchtet hatte, ihr Arm lag bereits nach gut zehn Sekunden auf dem Tisch.
„Du wolltest dir doch Mühe geben“, tönte die Sechzehnjährige leicht spottend. Heidi schluckte nur kurz und bat zum nächsten Durchgang. Beim zweiten Match hielt Heidi sich etwas besser und bot ihrer Freundin mehr Paroli. Sie schätzte, dass sie sich Marlene eine knappe Minute widersetzte.
„Diesmal warst du etwas besser“, lobte Marlene und hatte beinahe einen anerkennenden Ausdruck in ihren Worten.
„Es hat mir trotzdem nichts genützt.“ Heidi rieb ihren leicht schmerzenden rechten Oberarm. Auch den dritten Durchgang beendete Marlene erfolgreich für sich. Sie hatte von vornherein zu keinem Zeitpunkt Bedenken, hier auch nur einmal zu unterliegen.


Heidi war ziemlich fassungslos. Diese drei Durchgänge waren kurz und bündig. Und sie hatte nichts Göttliches empfunden. Der Zauber der gestrigen Nacht war irgendwie abhanden gekommen, und hatte sich nicht wieder aufgebaut. Auch nicht mit der Niederlage. Es war ihr nahezu unbegreiflich, dass sie nicht ein einziges Mal Erfolg hatte. Auch wenn sie vermutet hatte, dass sie nicht die Gewinnerin sein würde, so hatte sie doch gehofft, eigentlich sogar von sich erwartet, zumindest einen Durchgang für sich zu entscheiden. Rangeln war etwas anderes. Dabei war die angewandte Technik mitentscheidend. Schon ein schlechter Stand konnte ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg sein. Oder auch eine gewisse Raffinesse. Oder einfach nur Begabung. Beim Armdrücken war das ganz anders, mutmaßte sie. Hierbei entschied hauptsächlich die körperliche Physis über Sieg oder Niederlage. Damals auf der Kirmes hatte sie versagt, weil sie möglicherweise zu aufgeregt war, von so vielen Zuschauern beobachtet zu werden oder weil sie Marlene schlichtweg unterschätzt hatte. Hier in der Küche hatte es keine Zuschauer gegeben. Hier in der Küche gab es nur die sechzehnjährige Marlene und sie, die  gut drei Jahre ältere. Insgeheim hatte sie sich sogar ausgemalt, möglicherweise sogar den Gesamtsieg davonzutragen. Er hätte ihr zugestanden, schon allein die körperlichen Vorteile hätten reichen sollen. Müssen. Im Nachhinein ärgerte sie sich außerordentlich, von Marlene so vehement verlangt zu haben, sie nicht absichtlich gewinnen zu lassen. Wenigstens ein Match hätte sie mich doch gewinnen lassen können. Aber sie hat mir erneut deutlich gemacht, dass ich eine Memme bin. „Ich habe die Götter abermals erzürnt.“
„Das sehe ich genauso.“
„Und deshalb kann ich niemals eine Göttin sein.“
„Traurig?“
„Ein wenig… Ja.“
„Wegen der Göttin? Ich meine, dass du nie eine richtige Göttin sein wirst?“
„Quatsch…, natürlich nicht.“ Heidi dachte, wie kindisch Marlene doch zuweilen sein konnte. „Gibt es beim Armdrücken eigentlich einen hinterlistigen Trick?“
„Einen Trick? Welchen?“
„Das wollte ich von dir wissen.“
„Man muss das nur mit der richtigen Gegnerin machen.“ Rums, das hatte gesessen und Heidi konsterniert. „Und ich bin oder war die richtige Gegnerin… für dich.“ Heidi hatte bewusst auf eine Antwort verzichtet, die einen fragenden Ausdruck beinhaltete. Marlene knuffte ihrer Freundin an den Oberarm und antwortete: „Natürlich… Mit dir bringt das richtig viel Spaß.“
„Ich tu’s ja auch gern mit dir, Marlene… Das weißt du auch. Aber warum ziehe ich jedes Mal den Kürzeren?“
„Ich weiß es doch auch nicht. Aber warum hast du dann gefragt, ob es einen hinterlistigen Trick dabei gibt?“
„Nur so…“ Heidi wollte Marlene nicht auch noch ihre letzten intimen Gedanken anvertrauen, die sie hatte und die sie vor wenigen Minuten beschäftigt hatten. Ihre Freundin wusste ohnehin schon mehr über sie, als ihre eigenen Eltern. Aber das hatte Heidi zugelassen und sie war damit einverstanden. Ihre Eltern wussten, dass ihre Tochter der kleineren Nachbarin und Freundin unterlegen war. Das wusste Marlene natürlich auch. Bei der Hierarchie und deren Empfindung war dann auch schon Schluss. Gott sei Dank. Davon wussten ihre Eltern nichts – nur Marlene. Dass sie insgeheim angenommen hatte, wenn man rauft und verliert, das noch lange nicht beim Armdrücken so sein müsse, ahnte nicht einmal Marlene. Das wusste nur sie. Seit eben. Wenn besiegt, dann komplett.
„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich dich mit irgendwelchen fiesen Tricks besiege?“
„Nein, Marlene… Ich wollte nur noch mal Gewissheit…“
„Und die hast du jetzt?“
„Ja, schon. Warst du eigentlich davon überzeugt, dass du mich beim Armdrücken so schnell und deutlich abfertigst?“
„Ja!“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Schnell, präzise, knapp und arrogant.
Heidi hatte keine Fragen mehr. Marlene hatte alle beantwortet. Auch die allerletzte Frage. Die Neunzehnjährige entschuldigte sich, ins Badezimmer zu müssen. „Ich bin gleich wieder da… Und bereit, zum Rangeln.“


Unterdessen ging Marlene ins Wohnzimmer und überlegte, warum Heidi sie nach möglichen Tricks gefragt hatte. Natürlich kam ihr sofort deren Desaster in den Sinn. Bislang hatte Heidi nach ihren Niederlagen immer recht untertänig reagiert. Sie hatte von keinen Ausreden Gebrauch gemacht, sondern stets ihre eigenen Unzulänglichkeiten als Gründe der Niederlagen genannt. Das hatte sie immer so besonders liebenswert gemacht. Und nun soll ich plötzlich hinterlistige Tricks angewandt haben. Marlene krallte sich an dem Gedanken fest und leichter Zorn überkam sie. Heidis Nimbus einer Göttin verblasste und wurde schnell durch die Definition, „schlechte Verliererin“ ersetzt. Sie hatte Heidi in die Augen gesehen, als die sagte „aber warum ziehe ich jedes Mal den Kürzeren“, und erkannt, dass ihre Freundin dabei einen leicht beleidigten Ausdruck trug. Beim gestrigen Rangeln war das noch ganz anders. Da hatte Heidi die vertraute Demut gezeigt – wie viele Male vorher auch schon. Sie hat mich, nur mich als Erklärung für ihre Unzulänglichkeit genannt. Meine kleine Freundin, hatte sie gradheraus gesagt, hat mich in Nullkommanichts besiegt. Und sie hatte mich dabei so sanft…, so devot angesehen. Und heute…? Heute unterstellte sie mir üble Tricks… Warum?


Heidi kam ins Wohnzimmer zurück und fragte ihre Freundin, warum die so mürrisch im Sessel saß.
„Ach, nichts.“ Heidi ging zu ihr und setzte sich auf die Lehne des Sessels, in dem Marlene hockte. „Was hast du denn?“ Untertänigkeit stand ihn ihrem Gesicht geschrieben. Marlene konnte sie spüren. Ganz deutlich. Sie brauchte nur zuzufassen.
„Hab ich dir was getan? Was Falsches gesagt?“ Marlene sah ihrer Freundin tief in die Augen. Deren friedvoller Ausdruck passte nicht zu den Vorwürfen, die sie eben noch gehabt hatte. Sie hatte Heidi eigentlich schon immer um deren Augenglanz beneidet. Genauso wie sie mit ihren Augen lachen konnte, so konnte sie damit weinen. Sie hatte in den Jahren gelernt, in Heidis Augen zu lesen. Ihren Gemütszustand herauszufinden und genau zu wissen, wie sie sich fühlt. „Ja.“
„Was denn, ich bin mir gar nichts bewusst…“
„Hast du aber… Denk mal nach.“
„Was hat dich denn so gekränkt?“
„Du hast gesagt, ich hätte fiese Tricks angewandt…“
„Marlene…“ Heidi schaute ihre Freundin entsetzt an. Von einer zur anderen Sekunde war aus dem friedvollen Blick ein bewegter geworden. Einer, der zu deuten nicht einfach war. Einer, der Marlene nicht ganz so geläufig war.
„Ich hab dich doch nur gefragt, ob es irgendwelche Tricks gibt, die ich nicht kenne…“
„Warum? Weil du nicht verlieren kannst…“
„Marlene…“ Heidi ging ihren Gedanken nach, die sie am Küchentisch gehabt hatte. Sie war sich keiner Schuld bewusst. Sie hatte für einen kurzen Augenblick nur angenommen, dass man eine Balgerei und Armdrücken nicht vergleichen konnte. Und dass sie sich ausgerechnet hatte, dabei unter Umständen erfolgreicher zu sein. Dem war nicht so – und sie hatte das letztendlich auch eingesehen. Und akzeptiert – wenn auch mit erheblicher Verwunderung. Und nun warf Marlene ihr vor, eine schlechte Verliererin zu sein. Dabei hatte sie ihr nur allzu oft das Gegenteil bewiesen. „Das zu behaupten, hat keinen Stil…“ Sie nahm kurz wahr, dass Marlene den Arm bewegte, dann war es geschehen. Die flache Hand ihrer Freundin schlug fest in ihr Gesicht ein. „Aua.“ Heidi fasste sich intuitiv ins Gesicht und stand von der Sessellehne auf. Sie ging ans Fenster und vergrub ihren Kopf in beide Hände. Dann heulte sie drauflos. Welche Gefühle sie genau dazu veranlassten, wusste sie nicht. Heidi erkannte nur, dass dieses eben eine boshaft gemeinte Vergeltung gewesen war. Und dass die Ohrfeige wehtat und diese Aktion irgendwie zur Situation passte. Und dass Marlene dabei war, sich anzugewöhnen, Streitgespräche mit Maßnahmen zu bestrafen, die ihr gerade in den Sinn kamen. Sie musste an die Ohrfeige auf der Bank denken. Gab die Tatsache, dass ihre kleine Freundin die Dominantere ist, der auch das Recht, zu handeln, wie es ihr gerade passte? Dass deren Geschmack bislang das Verabreichen von Schlägen ins Gesicht war, machte Heidi nachdenklich. Andererseits, so sann sie, besaß Marlene nicht die Möglichkeit, Auseinandersetzungen verbal zu ihrem Vorteil zu entscheiden. Vor einer Woche auf der Bank, hatte sie sich zunächst über diese Maßnahme erschrocken, jedoch über deren anschließende Fürsorge gefreut und sich wohlgefühlt. Und heute? Heidi wünschte sich das heute auch.
„Du weißt, wofür?“, fragte Marlene ziemlich rechthaberisch.
„Nein. Ich hab dir doch gar nichts getan…“ Heidi nahm die Hände von ihrem Gesicht und sah Marlene mürrisch an.
„Heidi…, hab ich es denn nötig, dich mit irgendwelchen Tricks zu besiegen?“
„Nein. Das hab ich ja auch nicht behauptet…“
„Warum hast du denn danach gefragt?“
„Wonach?“
„Ob es irgendwelche Tricks beim Armdrücken gibt?“
„Es hätte ja sein können… Aber ich hab dir nicht unterstellt, welche bei mir angewandt zu haben.“
„Es hörte sich aber für mich so an.“
„Nein, Marlene… Wenn du es so aufgefasst hast, dann war das ein Missverständnis… Und ich entschuldige mich dafür…“ Heidi wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und nahm wahr, wie Marle sich aus dem Sessel erhob, auf sie zukam und sich neben sie ans Fenster stellte. Sie legte liebenswürdig einen Arm um Heidis Schultern und sagte: „Ist schon gut…Frieden?“
„Ja.“ Heidi blickte ihre Freundin untertänig an, und ergänzte: „Natürlich hast du keine Tricks nötig… Jedenfalls nicht bei mir…“ Heidi wusste nicht, ob sie noch bereit für eine Rangelei war. Während sie noch überlegte, zog Marlene die Schuhe aus.
„Was tust du da?“
„Was wohl? Willst du mit Schuhen rangeln?“
„Möchtest du denn noch rangeln?“
„Warum denn nicht? Hatten wir doch gestern abgemacht.“ Missmutig tat es Heidi ihrer Freundin nach und zog die Schuhe aus.
„Aber hier unten im Wohnzimmer?“
„Klar, hier ist doch mehr Platz als oben bei dir.“ Marlene war ganz närrisch, weil sie zwei Klassenkameraden von der bevorstehenden Rangelei erzählt hatte. Die Zwillinge Thomas und Florian, die sie sehr gern hatte, sollten von außen durch das Wohnzimmerfenster miterleben, wie sie es der beliebtesten Gymnasiastin der Schule zeigen würde. Und nun lugte sie nach draußen, konnte jedoch nichts erkennen. Na ja, ich hab denen ja auch nahegelegt, ganz vorsichtig zu schauen.

„Göttinnen zu besiegen ist etwas besonderes…, und bringt mir Spaß“, alberte Marlene. Heidi machte den Vorschlag, dass die Siegerin dieses Mal nicht automatisch die sein sollte, die die andere zu Boden gerungen hatte.
„Wie meinst du das, Heidi?“ Heidi erklärte, dass am Boden weitergekämpft werden sollte, bis eine es geschafft hatte, die andere im Schoogirlpin zu nehmen, oder von selbst aufgab.
„Noch besser“, frohlockte Marlene, „die Göttin im Schoogirlpin… Das macht es noch viel reizvoller.“

Beide standen sich gegenüber und belauerten sich.
Doch die die Sechzehnjährige verlor nicht viel Zeit und griff Heidi an. Zu ungestüm, denn die Neunzehnjährige wich geschickt aus, sodass Marlene ins Leere tapste. Heidi nutzte die kurze Zeit der Verwirrung und legte ihrer Freundin von hinten den rechten Arm um den Hals. Dann ging alles schnell. Marlene gelang es nicht, sich aus der Umklammerung zu befreien, sie ruderte erfolglos wie wild mit beiden Armen. Heidi ließ jedoch nicht locker und drückte ihre Freundin kontinuierlich nach unten. Marlene fiel rücklings auf den Boden. Noch ehe die reagieren konnte, saß die Neunzehnjährige auf ihr und presste deren Arme auf den Teppich. Die Überraschung war perfekt und stand beiden deutlich in den Gesichtern geschrieben.
„Was ist denn hier los?“, fragte Marlene konsterniert, und dachte an Thomas und Florian, ihren Klassenkameraden.
„Die Göttin hat nur ihr wahres Gesicht gezeigt.“ Heidi hob die Schultern an, als bekräftige sie damit ihre Worte.
„Eins zu null für  dich…“
„Willst du etwa weitermachen?“
„Klar, was denkst du denn?“ Marlene war inzwischen aufgestanden und hatte ihre Bluse zurück in den Bund des schmucklosen braunen Tweedrockes, der ihr bis zu den Waden reichte, gesteckt. Sie griff ihre Freundin ohne Vorwarnung an. Heidi befand sich direkt nach der Attacke in Marlenes Schwitzkasten und versuchte verbissen, sich aus der misslichen Lage zu befreien. Die Sechzehnjährige blieb konzentriert und gab kaum einen Zentimeter nach. Aber sie erfasste auch, dass ihre Freundin heute eine zähere Gegnerin war.  Warum? Weil sie sich als Göttin fühlte und so kämpfte? Sie wusste es nicht. Und sie suchte nach Tricks, wie sie Heidi zur Unaufmerksamkeit verführen konnte. Aber der Neunzehnjährigen war es plötzlich gelungen, den Kopf ein wenig zu befreien, um selbst aktiver werden zu können. Marlene nahm war, wie sie von Heidi selbst in die Zange genommen wurde. Jede von ihnen hielt nun den Kopf der anderen in den Armen gepresst. Die Sechzehnjährige hörte, wie Heidi begann, schwerer und schwerer zu atmen. Aber ihr gelang es nicht, irgendwelche Vorteile daraus zu erzielen. Ich muss mir was einfallen lassen. Was?

Heidi hielt sich wacker. Und Heidi war es gelungen, ihren Kopf endgültig aus der Schlinge zu ziehen. Sie hielt nun Marlenes Kopf und drückte ihn tiefer und tiefer. Heidi spürte eine Hand an ihrem Bein. Was wird das? Dann spürte sie, wie an etwas gezogen wurde. Was soll das? Heidi wurde für den Bruchteil einer Sekunde nachlässig und sah nach, woran so heftig gezerrt wurde. Noch ehe sie dazu kam, war sie plötzlich die Beute von Marlene. Die hatte die erwartete und erhoffte Unachtsamkeit ihrer Freundin genutzt, und sich entscheidende Vorteile geschaffen. Sie hielt nun die Neunzehnjährige im Schwitzkasten und drückte sie nieder. Nachdem Heidi in die Knie gegangen war, wurde sie rücklings zu Boden gedrückt, und Marlene hechtete sich auf sie.

Thomas und Florian rieben sich die Hände. Sie hatten längst ihre Lauerstellung aufgegeben und standen auf der Terrasse, mittig vor dem großen Wohnzimmerfenster. Was sie sahen, erregte sie. Als Marlene ihnen am Vormittag während eines Telefonats erzählt hatte, dass sie ihre Kräfte mit Heidis messen wollte, und die Zwillinge auserkoren hatte, dabei zusehen zu dürfen, waren sie zunächst verblüfft gewesen. Wie fast alle aus der Schule vergötterten beide die neunzehnjährige Abiturientin. Und sie freuten sich darauf, wenn Heidi es der nicht besonders beliebten Marlene zeigen würde. Beide hatten seit längerem auch gespürt, dass ihre Klassenkameradin sich ihnen mehr zuneigte, als ihnen lieb war. Nein, heute mussten sie Zeugen werden, wie die schöne Heidi aus Marlene Kleinholz machte. Unbedingt! Nachdem Marlene im ersten Fight deutlich und schnell bezwungen wurde, hatten sie sich gegenseitig zufrieden abgeklatscht. Florian hatte seinen Zwillingsbruder zur Ruhe mahnen müssen, weil der laut „Jaaaa, mach sie fertig.“ geschrien hatte. Beide hatten sich im Grunde keine unnötigen Gedanken gemacht, wer hier als Siegerin hervorgehen würde. Heidi würde es ihrer Freundin schon gebührend zeigen. Dafür sprach vielerlei. Und nun sahen sie, wie die reizlose Marlene der schönen Heidi unter dem Rock griff. Warum? Sie zog eine aufregend schöne, rosafarbene Spitze unter dem hinreißend schönen Rock der Neunzehnjährigen hervor. Im nächsten Augenblick wurden die Zwillinge Zeugen, wie die Sechzehnjährige die Abiturientin zu Boden rang. Und wie die sich auf Heidi wälzte. Aber auch, wie die schöne Heidi sich wehrte. Der Bodenkampf wogte hin und her. Immer wenn Heidi leicht die Oberhand erlangte, hüpften die Jungs vor Aufregung in die Höhe. Wenn Marlene über ihr lag, knabberten sie verzweifelt an den Knöcheln ihrer geballten Faust. Aber  zur jeder Zeit schauten die beiden sehr genau hin, denn niemals vorher hatten sie es für möglich gehalten, dass ein Mädel solch aufregend schöne Dinge unter ihrem Rock trug. Thomas und Florian wurden verwöhnt. Aber die Zwillinge nahmen auch wahr, dass ihre Heidi der Kraft Marlenes nicht mehr gewachsen war. Und dass ihre Heidi nach hartem, dann letztendlich doch aussichtslosem Kampf von ihrer Freundin gepinnt wurde.

Schwer keuchend standen sich die Freundinnen gegenüber. Marlene nickte der Neunzehnjährigen zu. „Das war Schwerstarbeit“, sagte sie tief ein und ausatmend. Sie sah Heidi an und begriff, dass es der Trick gewesen war, der das Blatt gewendet hatte. Die Hinterlist hatte gewirkt, das Ergebnis war nicht zu übersehen, unter deren Rock schaute fast schlampig der Unterrock hervor.
„Eins zu eins“, resümierte Heidi tonlos.
„Ja“, bestätigte Marlene gedämpft.
„Und nun?“
„Der Entscheidungskampf“, antwortete Marlene forsch.
„Wirklich?“, fragte Heidi skeptisch.
„Klar, oder gibt sich die Göttin etwa schon geschlagen?“, entgegnete die Sechzehnjährige, die ihren Jungs noch etwas bieten wollte. Als sie Heidi eben besiegt hatte und die noch auf dem Boden lag, hatte sie sich mit einem flüchtigen Blick zum Fenster davon vergewissert, dass es tatsächlich die beiden Zuschauer gab. Und nun wollte sie den finalen Erfolg. Sie lechzte geradezu danach.
„Na gut… Bis zur Entscheidung…“

Heidi taumelte auf Marlene zu. Sie wusste, dass sie ihrer Freundin viel abverlangt hatte. Und nun kratzte sie erstmals an deren Dominanz. Was wäre, wenn… Wenn was? Sie würde jetzt auf Marlene zugehen und ihr eine Ohrfeige verabreichen. Jawohl. Doch die Sechzehnjährige hatte dieselbe Idee. Und sie war schneller. Heidis Gesicht  wurde von Marlenes Hand getroffen. Hart wie Stahl. Schnell wie ein Lichtstrahl. Und laut wie ein Knall. Heidi zuckte zusammen und wandte sich von ihr ab.

Die Sechzehnjährige nutzte die kurze Zeit der Passivität aus, und näherte sich blitzschnell ihrer Freundin. Leichte Beute, so mit dem Rücken zu mir, sann sie. Anstatt ihren Arm um Heidis Hals zu legen, umfasste sie mit beiden Armen Heidis Körper knapp unterhalb ihrer kurzen Rippen. Sie presste kurz und fest dagegen und hob ihre Freundin dynamisch in die Höhe. Dann merkte sie, dass…

Thomas und Florian bemerkten, dass ihre Heidi längst ausgelaugt schien. Aber dass ihre heißgeliebte Favoritin mit wackligen Beinen tapfer auf Marlene zu wankte. Und dass Marlene abwartete und Heidi auf sich zukommen ließ. Als Marlenes flache Hand das Gesicht der schönen Abiturientin traf, verengten sich die Augen der beiden Jungs zu winzigen Schlitzen. Das wollten sie nicht sehen. Und dennoch sahen sie, wie Heidi sich mit schmerzverzerrtem Gesicht von der Sechzehnjährigen abwandte, das Antlitz in den Händen vergraben. Die beiden knabberten längst wieder an den vorstehenden Knöcheln ihrer Fäuste. Nun näherte sich Marlene der Abiturientin von hinten. Sie umfasste deren Körper mit beiden Armen kurz unterhalb der Rippen. Ruckartig hob sie sie hoch. Und dann? Dann mussten sie mit ansehen, wie Marlene ihre Freundin auf den Boden sinken ließ. Heidi blieb mit verschränkten Beinen dort regungslos liegen. Und nun?

Marlene wollte sich, in dem Augenblick als ihre Freundin zu Boden ging, auf sie stürzen, um deren Arme zu pinnen. Doch sie erfasste noch rechtzeitig, dass Heidi keinerlei Regung zeigte. Sie lag auf dem Teppich wie… Wie was?
„Heidi, hast du dir wehgetan?“ Marlene wurde nervös. „Heidi, lass den Quatsch… Sag doch was…“ Sie musste daran denken, was wohl wäre, wenn Heidis Eltern jetzt nach Hause kämen. Sie blickte zum Fenster und sah Thomas und Florian, die beide jeweils eine Hand vor den Mund hielten. Dann schaute sie wieder ängstlich zu ihrer Freundin. Keine Regung. Immer noch nicht. Sie musste kurz an Götterdämmerung denken. Dann beugte sie sich zu ihr herunter und fühlte den Puls. Ja, da ist was. „Heidi“, schrie sie dann. Und noch mal. Diesmal sehr langgezogen: „Heidi.“ Heidi lag ohne Regung auf dem Boden. „Tu was Marlene“, sprach sie zu sich selbst. Aber was? Sie musste sie vom Boden schaffen. Die Jungs? Die Jungs! Marlene schloss die Haustür von innen auf und rief die beiden rein.
„Was ist mit ihr?“, fragte Florian fast weinerlich.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Marlene deprimiert. „Lass uns sie gemeinsam aufs Sofa legen.“ Marlene nahm behutsam Heidis Kopf und Schulter, die Jungs jeder ein Bein. Sorgfältig legten sie sie auf der Couch ab. In dem Augenblick kam Heidi wieder zu sich. „Was ist…?“
„Oh, Heidi… Gott sei Dank…“
„Was macht ihr hier…? Wo, wo… bin…?“
„Du warst ohnmächtig…“
„Ohnmächtig? Warum?“
„Marlene hatte dich wohl zu fest gepackt…“, mischte sich nun auch Florian in das Gespräch ein.
„Warum?“, fragte Heidi verwirrt.
„Weil… Weil…, weil ihr euch geprügelt habt…, und…, und…“, stotterte Thomas verlegen.
„Was – und? Hat Marlene mich etwa k.o. geschlagen?“
„Ne, das war anders“, antwortete Florian, „sie hat dich von hinten gepackt… So knapp unter den kurzen Rippen… Und da bist du dann…“
„Umgefallen“, ergänzte Heidi nachdenklich.
„Vielleicht hat Marlene deinen Solarplexus zu fest und schlagartig gedrückt… Soll ja eine ziemlich empfindliche Stelle sein.“
„Hm.“ Heidi hatte im Biologieunterricht davon erfahren, dass Schläge, Tritte oder ähnliches gegen den Solarplexus zur kurzzeitigen Bewusstlosigkeit führen können. „Und ihr habt das gesehen? Wieso…?“
„Von draußen…, vom Fenster aus“, antwortete Florian. „Wir kamen zufällig an deinem Haus vorbei…“
„Und da habt ihr nichts Besseres zu tun gehabt, als zu beobachten, wie ich mich mit Marlene…“ Heidi hob den Kopf und sah an sich herunter. Es wurde ihr siedend heiß.
„Heidi…, mir tut das leid“, flüsterte Marlene, die bislang nicht den Mut gehabt hatte, ein Wort zu sagen.
„Ach, geht schon wieder… Danke.“ Heidi stand auf, um ihren Rock und das Drumherum zu richten. Dann sagte sie zu den Zwillingen, dass sie mit Marlene alleine sein wollte. An der Tür druckste Florian umständlich herum, dass es ihm leid getan hätte, dass Marlene ihr so sehr wehgetan hatte.
„Das ist lieb von dir, Florian… Ist nun mal passiert…“
„Ja, leider… Thomas und ich haben dir so fest die Daumen gedrückt… Schade, aber es hat leider nicht gereicht.“
„Nein…“ Heidi überdachte, wie sie sich den Jungs wohl präsentiert hatte. Sie hatte von Marlene ihre Abreibung bekommen. Und das vor den Augen der Zwillinge, die ihr auch noch die Daumen gedrückt hatten. Sie wusste, dass das Mitleid der beiden nicht gespielt sondern echt war. Aber es hatte alles nichts genützt. Ihr fiel ein, dass sie von ihrer Freundin geohrfeigt wurde. Wieder einmal. Was danach kam, wusste sie nicht mehr genau. „So, ihr beiden…, jetzt geht man…“
„Tschüs, Heidi…“
Heidi schloss die Tür hinter den Jungs, ging ins Wohnzimmer zurück und setzte sich neben Marlene. Schweigend starrten beide vor sich hin. Marlene konnte partout nicht fassen, dass sie ihre Freundin regelrecht k.o. geschlagen hatte. Einerseits tat sie ihr leid, andererseits war das ein weiterer Schritt in die Richtung, die zu gehen sie bereit war. Dennoch betrachtete sie den heutigen frühen Nachmittag nicht als historischen Erfolg. Dazu schmerzte sie die Niederlage im ersten Fight zu sehr. Äußerst erfreulich hingegen war die Gegenwart der Zwillinge. Durch deren Anwesenheit bekam der Nachmittag doch noch seine Aufwertung.

Heidi haderte noch nicht großartig, machte sich keine unnötige Gedanken über den Verlauf und Resultates des Kampfes. Einzig allein die Tatsache, dass Fremde Zeugen wurden, wie sehr sie von ihrer Freundin dominiert wurde, machte sie traurig. Auch deren ehrliches Mitleid empfand sie im Grunde schlimmer als mögliche Häme. Und dennoch, das gestern Nacht und heute Nachmittag, hatte endgültig bewiesen, dass sie es war, die von ihrer Freundin beherrscht wurde. Marlene war gerade aufgestanden, um wortlos ins Badezimmer zu gehen. Heidi sah ihr nach, und nie zuvor wurde ihr so deutlich bewusst, wie extrem verschieden beide doch waren. Es waren nicht nur die drei Jahre und drei Monate. Und es war nicht der Größenunterschied. Und auch nicht die anderen Attribute, die sie selber einige Male in Gedanken angeführt hatte. Was denn noch? Sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie den Platz nachdrücklich hinter Marlene eingenommen hatte. Das hatte nichts mit Devotion oder bereitwilliger Demut zu tun. Sie kämpfte gern mit ihrer Freundin. Dass sie in der Regel dabei die Unterlegene war, und ihr dann auch eine Portion Unterwürfigkeit offenbarte, machte den Reiz aus, und war in gewisser Weise der Lohn, den sie sich selber gestattete. Sie seufzte still und sah, dass Marlene zurückkam und sich wieder neben sie setzte. Ihr fiel ein, wie sehr sie in der letzten Nacht gewünscht hatte, zu erforschen, wie es ist, als Göttin zu kämpfen und unterzugehen. Heute war von dem Zauber nichts übriggeblieben. Ihre Gedanken führten sie auch bis zu dem Punkt, wo ihre Erinnerung endete. Ich bin also auf sie zugegangen. Und dann? Und dann hat Marlene mir eine gescheuert, dass ich nicht wusste, wo oben und unten ist. Ach ja, und dann spürte ich, dass sie mich von hinten packte…

„Weißt du, woran ich vorhin kurz denken musste…?“, fragte Marlene plötzlich in die Stille hinein.
„Wie sollte ich?“
„Als du völlig regungslos auf dem Teppich lagst…, musste ich kurz an Götterdämmerung denken…“
„An Götterdämmerung?“
„Ja. Kindisch, oder…?“
„Ach, Marlene. Du hast mit deinen gerademal sechzehn Jahren ein Recht darauf, kindisch zu sein.“ Kaum ausgesprochen, erschrak Heidi über ihre eigenen Worte. Das klang ja beinahe wie Mutter und Tochter. Unterlass gefälligst solche Anmerkungen.
„Findest du, dass ich sehr kindisch bin?“
„Nein, Marlene, ich hab das eben nur so daher gesagt… Entschuldige bitte.“
„Klar.“
„Wie war das eigentlich…. Vorhin, als du mich geradezu demontiert hast?“
„Weiß auch nicht genau, wie das passiert ist. Ich hatte dich von hinten umklammert und wollte dich eigentlich nur kurz anheben und auf den Boden befördern… Und mich dann auf dich stürzen, um dich zu pinnen.“
„Hast du das noch…?“
„Ne, brauchte ich nicht mehr, du hast ja wie tot dagelegen…“
„Wie lange war ich…?“
„Weiß nicht… Mir kam das jedenfalls wie eine Ewigkeit vor… Aber es waren wohl nur zwei oder drei Minuten…“
„Freust du dich?“
„Worüber?“
„Na ja, du hast mich vor den Augen deiner Mitschüler zerlegt.“
„Ich wusste da ja noch nicht, dass die beiden vor dem Fenster standen…“, log sie.
„Und im Nachhinein?“
„Heidi, du weißt, dass ich gern mit dir raufe… Und natürlich freue ich mich, wenn ich dabei siege…“
„Ich meinte, ob die deine Freude noch größer ist, wenn welche dabei zusehen?“
„Ehrlich?“
„Ja, bitte…“
„Irgendwie bekommen meine Siege über dich dann noch eine ganz andere Aufwertung… Einen besonderen… Stellenwert.“
„Dass du so empfindest, kann ich dir nicht einmal verübeln.“
„Und du… Für dich ist das natürlich…, na ja…“
„Ich werde mich niemals daran gewöhnen können, vor anderen gegen dich zu kämpfen… und zu verlieren.“ Heidi sann, dass es heute erneut Zeugen gegeben hatte. „Trotzdem haben schon zu viele Leute gesehen, wie du mich besiegst.“
„Was dir peinlich ist…“
„Ja.“


Die Woche stand wieder ganz im Zeichen vieler Klausuren und anderer Abitur-Vorbereitungen. Heidi traf sich nicht oft mit Marlenen und sprach mit ihr auch äußerst selten. Mit Andreas verabredete sie sich für Samstagabend in der Disco. Da er am Sonntagvormittag abermals ein Fußballspiel in Hamburg hätte, würde er auch diesmal wieder zeitig nach Hause gehen müssen, hatte er gesagt. Heidi hatte geantwortet, dass ihr das nichts ausmache und gemeint, dass selbst ein paar Stunden mit ihm zusammen, besser als gar nichts wären. Sie hatte ihn gefragt, ob sie ihn nach Hamburg begleiten dürfte, was ihn außerordentlich freute.

Am Sonntagmorgen um 6:30 Uhr stand Heidi vor dem Elternhaus und wartete auf Andreas. Während sie verträumt die Straße hinaufsah, von wo er kommen würde, gingen ihr die schönen Stunden in der Disco durch den Kopf. Sie hatten sich bereits um 18 Uhr getroffen und waren ins Café gegangen. Sie hatten denselben Fensterplatz bekommen, wie zwei Wochen zuvor. Und mehr als einmal hatte sie gedankenvoll zur Stelle geschaut, wo die Bank stand, auf der Marlene sie geohrfeigt hatte. Ihr waren die neunzig Minuten, die sie dort im Café verbrachten, quasi wie ein geschichtsträchtiger Ort vorgekommen. Einer, der Zeuge geworden war, wie Marlene sie gezüchtigt hatte und sie beinahe die schwärzeste Stunde ihres Lebens erlebt hätte. Sie erinnerte sich an das Gespräch zwischen Marlene und Andreas, das auch hier stattgefunden hatte – am selben Tisch. Wie ihre Freundin ihm erzählt hatte, dass sie sie bestraft hätte. Aber Gott sei Dank hatte sie auf Einzelheiten verzichtet. Heidi sann, dass sie fast so etwas wie ein Doppelleben führte. Eins mit – das andere ohne Marlene. Das ohne, hatte am gestrigen Abend ohne Marlene stattgefunden. In der Disco war Livemusik, und die Band, die aus Hannover kam, hatte die Gäste begeistert. Auch Andreas und sie. Sie hatte viel getanzt mit ihm – und viel geküsst, wenn beide erschöpft am Tisch saßen. Der Abend war viel zu schnell zu Ende gegangen. Vor ihrem Elternhaus hatten beide noch eine Zeitlang eng umschlungen gestanden und geknutscht…

Das Auto von Andreas kam die Straße entlang. „Ich hab den BMW von meinem Vater ausgeliehen“, sagte er beinahe rechtfertigend, als Heidi ihn auf die Nobelmarke ansprach. Während der gut einstündigen Fahrt nach Hamburg, unterhielten die beiden sich vorwiegend über seinen Sport.

In Winterhude, wo sein Verein zu Hause war, stellte er Heidi die weiblichen Begleiter seiner Mannschaftskameraden vor. Andreas entschuldigte sich, weil er nun in die Kabinen musste, wo der Trainer letzte Anweisungen vor dem Spiel gab.

„Seit wann bist du mit Andreas zusammen?“, fragte Martina, die Heidi gleichaltrig schätzte und auf Anhieb sympathisch fand.
„Seit ungefähr zwei Wochen.“
„Und du kommst von dort, wo er mit seinen Eltern jetzt wohnt?“
„Ja…, meine Eltern sind vor elf Jahren in die Kleinstadt gezogen…“
„Und ich bin in einem Dorf geboren und dort aufgewachsen“, verriet Maria, die sehr gut aussah, und wie Heidi erfuhr, die Freundin des Torwarts war. Heidi fühlte sich im Kreis der sieben anwesenden Spieler-Freundinnen sehr wohl. Es wurde viel gesprochen und noch mehr gelacht.

Die Mannschaften kamen aufs Spielfeld und das Match begann. Heidi hatte nicht viel Ahnung, im Grunde gar keine, vom Spiel und ließ sich von den jungen Damen einige Regeln erklären.

„Da kommt Lydia“, sagte Maria und hielt sich die Hand aufgeregt vor den Mund.
„Lydia war einige Zeit mit Andreas zusammen“, erklärte Rita, eine kleinere junge Frau, die die fußballspielenden Jungs bislang am meisten angefeuert hatte. Heidi sah ein äußerst attraktives Mädel näherkommen.
„Das ist Heidi…“, stellte Martina sie der Hinzugekommenen vor.
„Die Neue… von ihm?“
„Ja… Sie gehen auf dieselbe Schule.“ Heidi reichte Lydia die Hand, die verweigerte die Geste schweigend und stellte sich wortlos zu den anderen. Dort schien sie der Mittelpunkt zu sein, denn von der vorher von den anderen gezeigten Beachtung war nicht mehr viel zu spüren. Lediglich Martina bezog Heidi in das eine und andere Gespräch mit ein. Ansonsten fühlte sie sich wie in einem Vakuum und sehnte bereits das Spielende herbei. Und plötzlich hörte Heidi, wie sie von Andreas‘ Ex-Freundin provoziert wurde.
„Ich wusste gar nicht, dass Andreas nun auf Bauerntrampel steht.“ Gelächter.
„Habt ihr nicht auch den Gestank von Kuhmist in der Nase?“ Gelächter.
„Das Landleben hat ihn schon so benebelt, dass er sich nun sogar mit Schlampen abgibt.“ Gelächter.

Heidi ging auf Lydia zu und fuhr sie zornig an: „Hast du irgendwelche Probleme?“
„Ich nicht, aber du wirst sicherlich bald welche haben...“
„Ach ja?“ Ein Schubser ließ Heidi zurücktaumeln. Martina stellte sich zwischen beide und ermahnte Lydia, sofort mit dem Streit aufzuhören. Heidi war ihr dankbar. Lydia drohte mit dem Zeigefinger und einem boshaften Blick.

Halbzeit. Andreas kam kurz an den Spielfeldrand und drückte Heidi einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und fragte, ob sie Spaß habe.
„Danke Andreas… Alles bestens.“ Dann eilte er den anderen in die Kabinen nach. Heidi stellte sich wieder neben Martina und fragte, ob Lydia oder er Schluss gemacht hatte.
„Lydia hat mit ihm Schluss gemacht…“
„Dann verstehe ich ihre Reaktion nicht. Das eben sah schwer nach Eifersucht aus…“
„Ja. Das hat mich auch gewundert. Allerdings ist sie auch nicht mehr mit dem Nachfolger von Andy zusammen…“
„Aha, ich verstehe… Nun denkt sie, dass…“
„Tuschelt ihr da über mich?“
„Nein, Lydia… So wichtig bist du nun auch wieder nicht“, antwortete Martina in einem Ton, der viel Spott beinhaltete.
„Und du… Bauerntrampel…?“ Heidi reagierte anders, als sie zunächst vorhatte. Ihr Blick kreiste einmal um die Runde und blieb dann bei Lydia hängen. Dann antwortete sie: „Ich sehe hier nur einen Bauerntrampel. Und der sieht aus wie du.“
Lydia kam sofort auf Heidi zugeschossen, konnte jedoch im letzten Augenblick von Martina und Helga aufgehalten werden.
„Nun hört endlich auf…, man kriegt ja gar nichts vom Spiel mit“, fuhr Jutta energisch dazwischen. Das schien fürs Erste gewirkt zu haben. Lydia stellte sich schmollend an den Spielfeldrand und tat, als wäre nichts gewesen.

Für Heidi war dass alles andere als der harmonische und wunderschöne Sonntagsausflug. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, wieder einmal die Großstadt an der Elbe zu besuchen. Und es hatte auch alles einträchtig begonnen. Mit den anderen Mädels verstand sie sich prima, hatte sich rege unterhalten und viel mit ihnen gelacht. Bis dann kurz nach Spielbeginn die Ex von Andreas kam und augenblicklich die Atmosphäre vergiftete. Dass die meisten der Mädels dennoch auf der Seite von Lydia waren, konnte Heidi sogar nachvollziehen. Die scheinen sich seit längerer Zeit gut zu kennen. Die Einzige, die Heidi bislang eher beigestanden hatte, war Martina. Sie notfalls auch beschützte? Bräuchte sie Schutz? Sie verglich Lydia mit Marlene und kam zu dem Fazit, dass, wer nicht einmal mit Marlene fertig würde, der hätte auch kaum eine Chance gegen Lydia. Aber sie vervollständigte ihren Gedanken, weil sie wusste, dass man das nie so richtig vergleichen konnte. Lydia war vom Typ her ähnlich wie sie selbst. Groß, schlank – eben ein sportlicher Typ. Aber das hat im Kampf nicht immer was zu sagen, dass wusste sie seit den Auseinandersetzungen mit Marlene nur zu genau. Sie ging in Gedanken das Szenario eines Zweikampfs mit Lydia durch. Schon bei der Kleidung war die ihr gegenüber im Vorteil. Lydia trug praktische Jeans und einen Pullover. Sie einen dafür ungeeigneten Rock, Unterrock, Strümpfe, Highheels und so weiter. Egal, was an verbalen Beleidigungen noch auf sie zukäme, sie hatte sich zurückzuhalten. Oder sie brauchte Schutz. Von Martina? Ob eines der Mädchen ihr beistehen würde, wagte sie zu bezweifeln. Sie war eine Fremde. Wenn es wirklich zu einer Auseinandersetzung kommen würde, würden die anderen möglicherweise zusehen, wie sie von Lydia verprügelt wurde. Niemals wollte sie das zulassen. Sie prügelte nur mit Marlene. Und nur die durfte sie auch besiegen.

Heidi wandte sich wieder komplett dem Spiel zu, von dem sie nicht viel verstand. Vom äußeren Rand der Spieler-Freundinnen verfolgte Lydia das Geschehen auf dem Rasen. Hin und wieder spürte Heidi giftige Blicke auf sich gerichtet. Aber das machte ihr nichts aus.

Kurz vor Spielende verließ Lydia dann den Sportplatz. Heidi atmete erleichtert auf. Als hätte die Ex-Freundin von Andreas etwas vergessen, kehrte sie um und ging auf Heidi zu. „Bauerntrampel, beinahe hätt ich’s vergessen… Beim nächsten Mal gibt’s was auf deine geschminkte Fresse…“
„Und warum?“
„Frag nicht so blöd, sonst vergess ich mich…“
„Du scheinst öfter etwas zu vergessen…“
„Reiz mich nicht…“
„Und du solltest deine asozialen Sprüche besser sein lassen…“
„Girly, das reicht…“

Fortsetzung folgt

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