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Heidi 8 (Jahre 1985 – 1995)
LYDIA
© Joicey Mcdonald 02/10
„Mir schon reicht dein impertinentes Getue schon lange“, antwortete Heidi kess, und ging provozierend einen Schritt auf Lydia zu. Während sie neue verbale Vorstöße Lydias erwartete, schlug deren rechte Hand hart in Heidis Gesicht ein. Urplötzlich, und ohne die geringste Vorankündigung. Heidi taumelte einige kurze Schritte zurück. Fast zeitgleich spürte sie, wie ihr langes Haar gepackt und kräftig daran gezogen wurde. Während Heidi vergeblich probierte, sich der ungestümen Angreiferin zu entziehen, wurde sie von ihr zu Boden gezerrt. Auf dem Hinterteil sitzend, hielt sie beide Arme schützend über ihren Kopf. Dann nahm sie wahr, dass sich einige andere Mädels auf Lydia stürzten, um deren von Hass geprägten Attacken zu unterbinden. Martina wandte sich zu Heidi und half ihr wieder hoch. Mit gesenktem Haupt und Tränen in den Augen ließ sie sich von Martina gestützt auf eine in der Nähe stehenden Bank setzen.
„Nächstes Mal reiß ich dir persönlich jedes Haar einzeln raus…“, wetterte Lydia mit geballter Faust. Nur mit großer Mühe wurde die von den anderen festgehalten. Heidi war von der Attacke dermaßen geschockt, dass sie keine Antwort parat hatte. Sie verweilte auf der Bank vornübergebeugt und hielt sich die Wange. Und sie fühlte sich schrecklich entwürdigt. Vielleicht hatte sie auch ein wenig zu heftig reagiert, als sie Lydia anfauchte, ihre asozialen Sprüche zu unterlassen. Möglicherweise waren ihre Schritte der wie eine Drohgebärde vorgekommen. Aber rechtfertigte das Lydia, die gerade den Fußballplatz verließ, sie zu schlagen? Heidi wusste das nicht. Der kleine Zwischenfall hatte längst neugierige Zuschauer angelockt. Fußball ist eben ein gewöhnlicher Sport, urteilte Heidi gedanklich, als sie einige geistlose Kommentare von männlichen Zuschauern über sich ergehen lassen musste.
„Mädel…, warum hast du denn nicht zurückgeschlagen? Dann hätten wir wenigstens einen geilen Zickenfight sehen können.“
„Das war ja unterhaltsamer als das, was die Jungs da machen.“
„Hast du dir von der die Fresse polieren lassen?“
„Ich hab dich hier noch nicht gesehen. Hoffentlich kommst du bald mal wieder, denn ich steh auf Weiberzoff.“
„Na, hat sie dir eins auf die Glocke gegeben?“
„Sowas enttäuschendes… Hast wohl kein Mumm gehabt?“
„Du hast echt versagt. So ’ne Memme.“
„Bist ja ’n verdammt hübsches Häschen… Aber drauf haste nix.“
„Du hättest dich wenigstens wehren können…, obwohl ich auf die andere gesetzt hätte.“
„Leute verschwindet… Habt ihr nichts Besseres zu tun, als hier dumme Reden zu schwingen?“ Martina scheuchte die Sprücheklopfer davon, bevor sie sich neben Heidi setzte,. „Na, Heidi, geht’s schon wieder?“
„Ja, danke.“
„Mein, Gott, du blutest ja…“
„Was? Wo?“
„Deine Nase…“ Intuitiv hielt Heidi den Kopf hoch und fasste sich mit dem Zeigefinger an die Nase. Dann sah sie sich bestürzt den blutverschmierten Finger an. „Verdammt. Diese blöde Ziege…“
„Toll, dass du nicht zurückgeschlagen hast…“
„Wieso?“
„Na ja, nachdem sie dir eine runtergehauen hat… Also ich hätte das nicht so einfach hingenommen, und im Nu hätte es hier eine handfeste Klopperei gegeben…“
„Ich kam ja gar nicht dazu… Das ging alles so schnell. Als die Hexe an meinen Haaren zog, und mich niederdrückte, seid ihr ja sofort dazwischen gegangen.“ Heidi hielt sich mittlerweile ein Taschentuch an die Nase.
„Du hättest dich also tatsächlich gewehrt?“
„Natürlich, hätte ich mir von der massakrieren lassen sollen…? Einfach so? Obwohl mit Rock und so…“
„Ja, klar. Deine Kleidung ist für eine Klopperei nicht gerade geeignet… Auch was du darunter…“
„Konnte man…? Hm, trotzdem hätte ich mir das nicht so ohne Weiteres gefallen lassen…“
„Heidi, im Grunde hattest du gar keine Chance…“
„Wie meinst du das?“
„Ich meinte damit nicht, dass ich es dir nicht zugetraut hätte, gegen sie anzukommen…, vielmehr, weil das alles so furchtbar schnell ging, und du gar keine Zeit hattest, zu reagieren.“
„Ach so… Allerdings bin ich sowieso keine, die sich erfolgreich prügelt…“
„Woher weißt du das? Hast du denn schon…?
„Ja…, aber nur so zum Spaß…“
„Zum Spaß – mit einem Mädchen?“
„Meine Freundin und ich…, wir wollten mal feststellen, wer von uns…“
„Und?“
„Ging schlecht für mich aus.“
„Echt? Also nicht besonders erfolgreich?“
„Nicht besonders erfolgreich ist noch sehr gelinde ausgedrückt…“
„Anders ausgedrückt, du hast von ihr die Huke vollgekriegt…?“
„Ja.“
„Tut mir leid für dich… Aber dann hätt ich’s aber auch lieber gelassen…, mit Lydia.“
„Und Andreas zuliebe…, natürlich auch…“
„Also hast du gleich zwei Gründe, warum du dich nicht mit Lydia kloppen solltest.“
„Aber zwei handfeste… das musst du doch zugeben…“ Heidi hatte sich wieder weitestgehend gefangen und freute sich, dass sie so offen mit Martina reden konnte. Dass sie ihr intimes erzählte, wunderte sie, schrieb das aber derselben Wellenlänge zu. Sie konnte Martina gut leiden.
„In der Tat, das wären auch für mich überzeugende Argumente.“
„Hast du denn schon mal…?“
„Was?“
„Dich mit einem Mädchen geprügelt?“
„Nein… Bisher noch nicht… Muss ich auch nicht haben.“
„Mit wem aus der Mannschaft bist du befreundet?“
„Mit Sebastian… Mittelstürmer…“
„Wie lange war meine spezielle Freundin eigentlich mit Andreas zusammen?
„Ach…, ich glaub zwei Jahre… Warum fragst du?“
„Nur so…“
„Das Spiel ist aus…“, sagte Martina, und es klang irgendwie erleichtert.
„Wer hat gewonnen…“
„Es fiel kein Tor.“
„Ähm, also beide gleich?“
„Ja, unentschieden.“
„Und…, die Männer…?“
„Die Männer?“
„Ich meinte, kommen die gleich?“
„Unsere Männer gehen erst mal unter die Dusche… Willst du mit?“ Martina schüttelte sich vor Lachen und erzählte ihr dann, dass sie ihren Andreas in ungefähr einer halben Stunde zurückhaben würde.
„Und wie ist Lydia sonst so…?“
„Sonst so?“
„Nun, ich meinte, wie sie vom Typ her ist…“
„Eigentlich ist sie ganz in Ordnung… Sie wähnt sich allerdings gern im Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft…“
„Den Eindruck hatte ich auch.“
„Den Ausraster schreibe ich ihrer Eifersucht zu. Sie hat gesehen, dass Andreas sich eine bildhübsche Nachfolgerin ausgesucht hat…“
„Danke..., aber Lydia ist auch alles andere als hässlich.“
„Ja… Irgendwie seid ihr vom Typ her sogar ein bisschen ähnlich…“
„Findest du?“ Heidi hatte das auch für sich diagnostiziert, als Lydia ihr vorgestellt wurde. Andreas schien sich auf diesen Typ Frau festgelegt zu haben. Mit Lydia hatte sie also eine ernst zu nehmende Konkurrentin. Andreas allein zu den Fußballspielen nach Hamburg fahren zu lassen, war riskant. Ihn zu begleiten, war gefährlich. Sie erinnerte sich an Lydias Drohungen. Und dass die zu einigem fähig ist, hatte sie heute eindrucksvoll bewiesen. Musste sie Angst vor ihr haben? Heidi tastete sich die Wange ab und nahm einen kleinen Spiegel aus der Handtasche, um sich zu vergewissern, ob die Blutung endgültig gestillt war. Sie war. Danach richtete sie ihre Frisur, die durch Lydias Blitzangriff durcheinandergeraten war.
Andreas kam mit seiner Sporttasche geschultert auf sie zu. Er begrüßte Martina, die noch auf ihren Freund wartete, und kam dann geradewegs auf den Zwischenfall zu sprechen.
„Du weißt davon?“, fragte Heidi verblüfft, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass er etwas davon mitbekommen hatte. „Du solltest doch Fußballspielen…“
„Es hat doch kaum ein Zuschauer nach dem Spiel, sondern nur zu euch geschaut. Was genau passiert war, konnte ich vom Spielfeld aus nicht erkennen.“
„Ach, Andreas, deine Ex ist hier aufgetaucht“, übernahm Martina das Wort. „Sie hat sich Heidi gegenüber ziemlich mies aufgeführt…“
„Lydia war hier?“ Da Heidi noch schwieg, nahm Martina ihr die Antwort ab: „Lydia hat von Beginn an gegen Heidi gestänkert. Und dann hat sie deiner Freundin, mir nichts dir nichts, eine gescheuert… Im nächsten Moment zog sie Heidi an den Haaren und zerrte sie zu Boden.“
„Lydia hat was?“
„Ja, sie hat mich geschlagen“, bestätigte Heidi mit zittriger Stimme. Sie kämpfte erneut mit ihrer Neigung, schnell weinen zu müssen. Und sie verlor den Kampf abermals. Ein paar Tränen kullerten aus den Augen und zogen ihre Strecke über das dezent geschminkte Antlitz.
„Das kann ich…, das will ich jetzt gar nicht glauben… Sie…, sie…, Lydia ist doch normalerweise überhaupt nicht aggressiv.“
„War sie aber“, bestätigte Martina mit einem Unterton, der etwas von Gereiztheit hatte.
„Meinst du, ich wäre diejenige gewesen, die angefangen hat?“, bekräftigte Heidi leicht verärgert.
„Nein, Schatz…, natürlich nicht. Hat sie dir sehr wehgetan?“
„Nein, nein…, das hätte mir noch gefehlt.“
Sebastian, der Freund Martinas, kam hinzu. Auch er hatte Fragen, die um die Auseinandersetzung gingen. „Bei euch war anscheinend mehr los als auf dem Platz.“ Geduldig berichtete Martina auch ihrem Freund vom Geschehen. Für Heidi war es nicht einfach, dem Gespräch zuzuhören. Sie war die Neue in einem scheinbar eingespielten Team. Und sie hatte gleich für Ärger gesorgt. Auch wenn Lydia es war, die handgreiflich wurde, ihre Antworten es möglicherweise waren, die die dazu veranlasst hatten. Und nun hörte sie, wie Martina sagte: „Wenn wir nicht dazwischen gegangen wären, hätte sie wohl Hackfleisch aus deiner Heidi gemacht.“ Wie konnte sie sich dermaßen einseitig äußern. Nur weil sie aus einer Kleinstadt kam, und Lydia aus einer Weltstadt? Oder sehe ich so mickrig, zart und zerbrechlich aus? So schwach, dass ein schätzungsweise gleichaltriges Mädel Hackfleisch aus mir gemacht hätte? Natürlich wirkte sie in ihrer Kleidung femininer, als die jeanstragende Lydia. Aber war sie deshalb gleich eine, die man einfach so abfertigt? Den Nimbus hatte sie zu Hause. Wenn es um Marlene und sie ging. Dort wurde sie abgefertigt. Und dort ließ sie sich auch überwältigen. Aber hier? Außer einem Schubser, einer Ohrfeige und dem Haare ziehen war hier ja nichts passiert. Na ja, sie zerrte mich zu Boden. Wenn die anderen nicht dazwischen gegangen wären, wäre ich aufgestanden und hätte mich auf Lydia gestürzt. Und dann? Sie ging fahrigen Gedanken eine der Ringkampfszenen mit Marlene durch. Lydia hätte mich vermutlich auch in den Schwitzkasten genommen. Ich hätte möglicherweise vergeblich probiert, mich daraus zu befreien. Und dann? Irgendwann, vielleicht schneller als bei Marlene, oder auch langsamer…, hätte sie mich zu Boden gerungen. Und dann? Es wären viele männliche Zuschauer da, die alle auf mich geschaut hätten. Auf das fremde Mädchen, das von dem anderen geschlagen worden wäre. Und das womöglich am Boden liegengeblieben wäre. Das fremde Mädchen am Boden hätte einen schicken Rock angehabt. Mit Unterrock darunter. Und mit schwarzen Seidenstrümpfen, die an einem spitzenverzierten Halter befestigt waren. Zu der körperlichen Bestrafung, wäre auch noch diese höchst heikle Peinlichkeit dazugekommen, die mindestens genauso beschämend gewesen wäre. Nein, das war schon in Ordnung, dass die anderen dazwischen gegangen sind. „Ja, das war wohl ganz gut, dass ihr dazwischen gegangen seid.“ Aber Heidi wollte auch nicht das komplett schwächliche Opfer offenbaren und ergänzte: „Wenn ich keinen Rock getragen hätte, sondern Jeans…“ Die anderen ließen ihren Einwurf unkommentiert. Zählte das nicht? Es zählte ja auch nicht, wenn sie gegen Marlene verlor. Marlene trug ja auch nur Röcke. Und trotzdem komme ich gegen sie nicht an. Wie wirken sich die unterschiedlichen Voraussetzungen aus? Marlene trägt auch Röcke beim Kämpfen, ist aber jünger und kleiner als ich. Und sie besiegt mich. Lydia ist gleichaltrig, ungefähr gleich groß, trägt aber Jeans. Nein, da hätte ich schon im Vorfeld nicht den Hauch einer Chance gehabt. Sie hätte mich geschlagen. Finde dich damit ab.
Heidi saß mit Andreas allein auf der Bank. Martina und ihr Freund hatten sich verabschiedet und waren gegangen.
„Das muss ja alles entsetzlich für dich gewesen sein… Kommst zum ersten Mal mit mir zu einem Spiel nach Hamburg, und kriegst gleich Ärger…“
„Ja… Vielleicht hätte ich auch nicht gleich so überreagieren dürfen… Meine Antworten waren alles andere als einlenkend.“
„Nein, Heidi, Martina hat mir den Wortwechsel ja sehr präzise geschildert… Ich finde, dass du ihr passende Antworten gegeben hast…“
„Liebst du sie eigentlich noch?“
„Ich hab sie immer noch ganz gern… Aber Liebe ist das längst nicht mehr… Liebe ist das, was ich für dich empfinde.“
„Und wenn du sonntags deine Spiele hast…, wird sie wohl immer dabei sein…“
„Dann komm doch einfach immer mit…“
„Lydia hat mir richtige Prügel angedroht…“
„Angst – vor der?“
„Nein… Natürlich nicht… Warum sollte ich“, antwortete Heidi, die sich über sich selbst wunderte, wie überheblich die Worte aus ihr herauskamen. Sie fühlte sich fast schon selbstgefällig.
„Das würdest du auch nicht brauchen…“
„Und warum bist du dir da so sicher?“
„Weil du meine Freundin bist… Und ich dich beschützen würde.“
„Du stehst auf dem Spielfeld, ich abseits davon.“
„Und da gibt’s genügend andere, die dich vor ihr beschützen würden.“
Nun sag schon, dass ich mit deiner Lydia auch ganz allein fertig würde. „Du bist also der Meinung, dass ich Beistand bräuchte…“
„Wenn ich ehrlich sein soll, ja. Ich muss gerade daran denken, wie Marlene dich geohrfeigt hat…“
„Und das ärgert dich…“
„Ja.“
„Weil du mich liebst?“
„Ja.“
Er kann mich nicht leiden sehen. „Du kannst es nicht ertragen, dass die Freundin deiner Freundin…“
„Ich möchte…, ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass meine wunderschöne Freundin von anderen Mädels geschlagen wird. Wenn es überhaupt mal soweit kommen sollte, dann solltest du es schon sein, die die anderen…“ Heidi drückte ihm dankbar einen schmatzenden Kuss auf die Lippen.
„Nicht von Lydia… Und auch nicht von Marlene“, ergänzte er nachdenklich und streichelte ihr die Wange.
„Lydia hat mich heute so heftig geschlagen, dass meine Nase blutete.“
„Geblutet? Das ist nicht wahr…, oder?“ Heidi kramte das Taschentuch aus der Tasche und zeigte ihm die Spuren ihres Kummers.
„Das tut mir leid…“
„Meinst du, dass ich doch Angst vor ihr haben sollte?“
„Liebes, ich weiß es nicht. Wir sollten jetzt zurückfahren.“
Während der Heimfahrt fing Heidis Nase wieder leicht zu bluten an. Sie hielt den Kopf hoch und drückte sich ein frisches Taschentuch dagegen. Andreas fuhr den Wagen auf den Parkplatz einer Autobahn-Raststätte und stellte den Motor ab.
„Es hört schon wieder auf“, sagte sie wenig später erleichtert. Er legte seinen Arm um ihre Schultern und nahm das Gespräch wieder auf, das er mit ihr auf der Bank des Sportplatzes geführt hatte. „Sie scheint dich ja richtig erwischt zu haben.“
„Allerdings, das hat sie.“
„Na warte, ich werde Lydia nachher mal anrufen und…“
„Das wirst du nicht…“
„Ich will ihr doch nur sagen, dass sie sich völlig grundlos gewalttätig benommen hat… Und…, dass das von ihr völlig daneben war.“
„Du misst der Sache zu viel Bedeutung bei.“
„Na hör mal… Du wirst von meiner Ex so brutal geschlagen, dass du Nasenbluten davon kriegst und spielst das auch noch herunter…“
„Ich spiele gar nichts herunter. Nur, wenn du Lydia anrufst und dich bei ihr beschwerst, dann bildet die sich womöglich ein, sie hätte mir für alle Zeiten das Fürchten gelehrt… Dass ich nun Schiss vor ihr hätte, und…, und dass ich vor Angst nur so schlottere. Andreas, es war nur ein Schlag…, ein einziger. Na ja, und dass sie an meinen Haaren gezogen hat.“
„Ein Schlag, von dem du Nasenbluten gekriegt hast… Und dass sie dich an den Haaren zu Boden gezerrt hat…“
„Das ist doch alles halb so wild…“
„Finde ich doch… Immerhin hattest du keine faire Chance, dich zu wehren…“
„Das stimmt allerdings… Weil alles so schnell ging.“
„Nur deshalb?“
„Andreas, ich weiß es doch nicht… Aber ich denke, wenn die anderen nicht dazwischen gegangen wären, hätte ich mich schon zu wehren gewusst.“
Er schluckte, ließ den Motor an und fuhr weiter. Wie Heidi von ihrer Heimsuchung sprach und scheinbar auch damit umging, war für ihn ein Rätsel. War das Selbstbewusstsein? Dummheit? Oder einfach nur Unbekümmertheit. Stolz war was anderes, und das konnte sie darauf ganz sicher nicht sein. Lydia strotzte eigentlich nur von Selbstbewusstsein. Und Stolz? Ja, Lydia war stolz. Stolz und schön. Schön war Heidi auch. Wunder, wunderschön.
Am Abend besuchte Heidi ihre Freundin. In deren Zimmer machten es sich beide gemütlich.
„Wie war’s denn in Hamburg?“
„Mit Andreas zusammen war’s wirklich schön… Nur, der ist aber nach Hamburg gekommen, um Fußball zu spielen.“
„Und in der Zeit wo er spielte? Ich meine, was hast du da gemacht?“ Heidi wusste nicht, ob sie Marlene vom Zwischenfall erzählen sollte. Die jedoch, hatte Heidis zögerliches Benehmen längst durchschaut und stocherte herum. „Also was war? Hast du dort einen anderen Mann kennengelernt?“
„Wieso?“
„Na, beim Fußball gucken doch immer viele Männer zu…“
„Marlene, ich war doch mit Andreas dort. Während er spielte, habe ich natürlich keine fremden Männer angesehen…“
„Hätte ja sein können… Was hast du denn gemacht, als er gespielt hat? Ich meine, du interessierst dich doch nicht für Fußball.“
„Während er spielte, hab ich mich mit den anderen Freundinnen aus seiner Mannschaft unterhalten.“
„Waren die nett?“
„Im Prinzip schon…“
„Aber…?“
„Na ja, nicht alle. Eine war dabei… Die Ex-Freundin von Andreas… Die hat ein bisschen gezickt…“
„Gegen dich?“
„Was?“
„Hat sie dich angegiftet?“
„Eifersüchtig war sie… Schon als sie auf den Sportplatz kam, war ihr anzumerken, dass ihr meine Anwesenheit nicht passte.“
„Hat sie dich schief angeguckt?“
„Bauerntrampel hat sie mich genannt.“
„Blöde Ziege. Und was hast du geantwortet?“ Heidi erzählte ihr vom Gespräch so gut es ging und hielt inne, bevor es zu dem Schlag gekommen war.
„Und dann?“, bohrte Marlene weiter. Sie ahnte, dass noch etwas Entscheidendes in Heidis Erzählung fehlte.
„Nachdem ich ihr sagte, dass Lydia ihre asozialen Sprüche unterlasse solle, hab ich eine von ihr verpasst bekommen…“
„Wie verpasst… Hat sie dich etwa geschlagen?“
„Ja.“
„Und du? Ich meine, was hast du da gemacht…?“
„Ich wollt mich auf sie stürzen…, doch die anderen Mädels haben verhindert, dass wir uns in die Wolle kriegten.“ Den Rest der Auseinandersetzung behielt sie für sich.
„Das war auch das Vernünftigste, was dir passieren konnte.“
„Ja… Das denke ich auch.“ Heidi ging die Szene nochmals durch. Als sie von Lydia geohrfeigt und an den Haaren zu Boden gezerrt wurde, war neben Entsetzen, nackte Wut in ihr. Sie wollte es ihr bedenkenlos heimzahlen. Und selbst, als beide von den anderen an einer handfesten Prügelei gehindert wurden, hatte sie noch das Verlangen gehabt, sich zu revanchieren. Erst etwas später, als der Zorn sich gelegt hatte, und von der Furcht abgelöst wurde, war sie froh gewesen, dass es nicht bis zum Äußeren gekommen war. Über den möglichen Ausgang hatte sie sich ja schon Gedanken gemacht. Und das waren weiß Gott nicht die Heldenhaftesten.
Marlene stellte sich bildlich vor, wie ihre beste Freundin von dieser Lydia geohrfeigt wurde. Warum gibt sie zuweilen auch solche provokanten Antworten? Auch ihr war sie einige Male mit ziemlich verächtlichen Antworten begegnet, die sie sehr geärgert hatten. Auch wenn sie das mit Sicherheit nicht so meint, sie zieht damit ganz automatisch den Zorn der anderen auf sich. Dennoch tat es Marlene sehr leid, dass ihre Freundin von Andreas‘ Ex derartig gezüchtigt worden war. War das ganz allein ihr Vorrecht? „Hast du eigentlich den Rock angehabt, in dem du aussiehst wie eine Göttin?“
„Ja, warum?“, fragte Heidi grinsend.
„Weil der das Eingreifen der anderen mehr als gerechtfertigt… hat.“
„Verstehe ich jetzt nicht…“
„Die Tussi hatte bestimmt eine Jeans an…“
„Ja, woher…?“
„Siehst du? Schon deshalb durfte es keine Klopperei geben.“
„Marlene, könntest du bitte Klartext...“
„Weil eine Göttin nicht prügelt. Niemals.“
„Aber wir haben doch auch… Und ich hatte dabei ebenfalls den Rock an…“
„Das ist etwas anderes.“
„Verstehe.“
„Na endlich.“
„Sonst hätte die Göttin sich wieder blamiert…?“
„Vermutlich… Ja.“
„Aber glorreich hat sie sich wieder nicht präsentiert.“
„Fährst du am nächsten Sonntag wieder nach Hamburg…?“
„Ich glaub schon…“
„Und ist sie dann auch wieder dabei?“
„Lydia? Ich befürchte…“
„Angst?“
„Wenn ich ehrlich sein soll… Nein… Erstens würden die anderen sicherlich wieder dazwischen gehen…“
„Und zweitens?“
„Falls es zum Äußersten kommt, werde ich es ihr beweisen…“
„Was?“
„Dass ich mich zu wehren weiß…“
„So wie gegen mich?“ Marlene musste unweigerlich an das letzte Wochenende denken, als sie im ersten Fight gepinnt unter Heidi lag. Stöhnend und keuchend, die Arme über den Kopf verschränkt, hatte sie sich ihr beugen müssen. Und auch im zweiten Kampf hatte sie alles geben, und sogar einen fiesen Trick anwenden müssen, um Heidi abzulenken, und deren Vorteile noch zu ihrem eigenen Gunsten zu nutzen. Ob sie gemerkt hat, dass sie mich bis an die Grenzen meiner Power hatte? Für Marlene wäre eine kleine – nur eine kleine? – Welt eingestürzt. Sie wusste seitdem, dass sie Heidi niemals unterschätzen durfte. Dass sie konzentriert und alles geben musste, um die Hierarchie zu wahren. Um das aufrechtzuerhalten, was sie sich erarbeitet hatte. Und was Heidi letztendlich auch akzeptierte. Aber es war ja gutgegangen. Ihre Freundin hatte im dritten, entscheidenden Fight bewusstlos auf dem Boden gelegen.
Die Worte, „so wie gegen mich“, die Marlene gesagt hatte, machten Heidi nachdenklich. Sie klangen wie eine Mischung aus Arroganz und Spott in ihr Ohr. Und dennoch wusste sie, dass ihre Freundin nicht die Unwahrheit gesagt hatte. So wie gegen mich? So wie gegen mich, war wie Schulterzucken und abhaken. So wie gegen mich, war auch wie, du hast es ja probiert, braves Mädchen – aber es hat halt wieder nicht gereicht, weil... So wie gegen mich, konnte auch ausdrücken, das war viel zu mädchenhaft..., viel zu schwach. Will ich stärker sein? Weil du nicht alles gegeben hast. Will ich immer alles geben? Warum? Ich bin schöner als Marlene. Und intelligenter. Viel intelligenter. Und, und, und… Der Gedanke, ihr in beinah allen Dingen überlegen zu sein, ließ Marlenes Worte schnell an Bedeutung verlieren. Sie dachte an den nächsten Sonntag, wenn Andreas in Hamburg wieder Fußball spielen würde. Ihre Gedanken gaukelten ihr eine bildschöne Lydia vor. Sie wusste, dass das keine Täuschung war. Lydia ist schön. Sehr schön. Und groß. So wie ich? Und sie hat mein Alter. Nach deren Intelligenz würde sie sich irgendwann bei Andreas erkundigen. Warum denke ich an Lydia und ihre Intelligenz? Weil sie mich vor so vielen Leuten geohrfeigt hat. Und weil sie mich zu Boden gezerrt hat. Ach, und dann diese dummen Sprüche von den Kerlen. Hat sie dir eins auf die Glocke gegeben? Ja, das hat sie. Hast keinen Mumm gehabt? Nein, den hatte ich nicht. Nie? Doch. Wenn ich ihr am Sonntag in Hamburg begegne, dann wird ihr eine andere Heidi gegenüberstehen. Welche? Eine, die sich nicht ungestraft ohrfeigen lässt. Eine, die sich nichts gefallen lässt. Eine, die auch notfalls zurückschlägt? Ja? Ja!
Heidis Einstellung hielt genau fünf Tage. Bis zum Freitag war sie von ihren mutigen Gedanken überzeugt und hielt daran fest. Erst am Freitagabend nannte sie Abi-Vorbereitungen als Grund, um nicht mit nach Hamburg zu müssen.
„Aber wir könnten nach dem Spiel zum Hafen fahren und uns dort einen netten Nachmittag machen.“
„Andreas, es geht wirklich nicht. Ich hab noch so viel zu büffeln.“
„Du kneifst doch nicht etwa, weil Lydia möglicherweise erscheint…“
„Denkst du das wirklich?“
„Nein, Heidi… Entschuldigung…“
Heidis mangelndes Selbstbewusstsein wurde am Sonntagvormittag durch den Wunsch abgelöst, ihm nach Hamburg zu folgen. Da sie den Weg zum Sportplatz nicht mehr in guter Erinnerung hatte und sich einige Male verfuhr, traf sie erst eine halbe Stunde nach Spielende dort ein. „Mist.“ Keiner der Fußballer und auch keiner aus der Clique war mehr anwesend. Zwei Mannschaften, deren Spiel bald begann, machten sich auf dem Platz warm.
„Suchen Sie jemand?“ Erschreckt wandte Heidi sich um. „Ähm… Das Spiel… Die, die vorher hier gespielt haben, sind wohl schon weg…“
„Ja, Lady. Vielleicht haben Sie im Vereinslokal Glück…“
„Gehen die nach dem Spiel dort öfter hin…?“
„Wenn die gewonnen haben, dann…“
„Und haben die heute gewonnen…?“
„Ja, Lady, 4:0…“ Heidi ließ sich den Weg zum Vereinslokal erklären und fuhr dort hin. Unentschlossen wartete sie an der Holzpforte, von der ein schmaler Weg ins Innere führte, ab. Stimmengewirr verriet ihr, dass sich im Lokal viele Menschen aufhielten. Als sie tief durchgeatmet und Mut gefasst hatte, trat sie ein.
Ihr erster Blick fiel auf Lydia. Neben ihr entdeckte sie Rita und Maria. Von Martina, deren Freund und Andreas keine Spur.
„Guckt mal, wer da kommt“, hörte sie Lydia tönen. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist das unser Bauerntrampel vom vorigen Sonntag.“ Heidi ging selbstsicher zum Tisch, wandte sich an Maria und fragte, ob Andreas schon gefahren sei.
„Ach, Girly, er konnte es kaum erwarten, zu dir zurückzukommen“, übernahm Lydia zynisch die Antwort.
„Hab ich dich gefragt? Oder fühlst du dich immer angesprochen?“, entgegnete Heidi verächtlich.
„Du riskierst ‘ne ziemlich dicke Lippe. Hast du die Tracht Prügel vom Letzten Sonntag schon vergessen?“
„Du gehst mir auf die Nerven.“ Heidis Antwort klang eher trotzig.
„Bauerntrampel, hast du irgendwelche Probleme?“
„Lydia, was soll die Feindseligkeit?“
„Lydia, was soll die Feindseligkeit… Hört sie euch an.“
„Was hab ich dir eigentlich getan?“
„Du mir getan? Das wäre ja noch schöner. Schon deine Visage kotzt mich an.“
„Warum?“ Heidi hatte im Wortgefecht ungewollt eine defensivere Richtung eingeschlagen.
„Weil es Menschen gibt, denen man schon meilenweit ansieht, dass man sie nicht ausstehen kann.“
„Und ich gehöre dazu…“
„Ja, Bauerntrampel.“
„Nur weil ich mit deinem Ex-Freund zusammen bin?“
„Zusammen? Du willst doch nicht behaupten, dass er mit dir schon im Bett war?“
„Und wenn?“
„Wer will mit dir denn schon ins Bett?“
„Zum Beispiel Andreas.“
„Glaubst du wirklich, er liebt dich?“
„Du meinst, er sollte besser dich…?“
„Keine Bange, Bauerntrampel, er kommt schon wieder zu mir zurück… Früher als du glaubst…“
„Warum sollte er?“
„Andreas steht nie und nimmer auf Girlys.“
„Ich…, ein Girly…“
„Leute, guckt euch das Girly an, … Als sie neulich von mir eins auf die Glocke gekriegt hat, hatte sie auch solch einen braven Ausgehrock an… Ein paar Handriffe, und ratz fatz, schon lag unser Bauerntrampel auf ihrem Hinterteil am Boden, und ratet mal, was ich da sah…? Ihr glaubt es nicht, unser Girly trug einen richtigen Unterrock, ich glaube so einen pinkfarbenen. Ach ja, und richtig schnuckelige Seidenstrümpfe. Niedlich, oder? Leute, das hättet ihr sehen sollen. Wahrscheinlich trägt unser Girly heute wieder Omas Wäsche darunter.“ Zu ihren Worten setzte Lydia eine hämische Grimasse auf.
Heidi zuckte kurz zusammen. Und sie spürte alle Augen auf sich gerichtet. Gelächter. Heidi bemühte sich um innere Ruhe in ihrer Stimme und sagte: „Meinst du nicht, dass das tausendmal attraktiver ist, als solch schlabbrige Jeans, wie du sie anhast?“
„Und du glaubst wirklich, Andreas steht auf sowas, was du trägst?“ Dabei grabschte sie ungeniert an Heidis Rocksaum und hob ihn ein wenig hoch. Heidi war sich plötzlich nicht mehr sicher und bekam einen roten Kopf.
„Seht nur…, unser Bauerntrampel kriegt eine knallrote Bombe…“ Gelächter.
„Na und?“
„Geh zu deinen Kühen und Schweinen und zeige denen deine Wäsche.“ Der Satz hatte gesessen. Und wehgetan. Heidi fühlte sich verbal erniedrigt. Ihr fiel keine passende Antwort ein.
„Mit deinen antiken bäuerlichen Scharfmachern kannst du hierzulande keinen hinterm Ofen hervorlocken.“ Lydias erneute verbale Attacke erzeugte bei vielen anderen Gästen Heiterkeit, die Heidi immer weiter in die Enge trieb. Als einzigen Ausweg sah sie nur noch Gewalttätigkeit. Die anzuwenden, fehlte ihr jedoch der Mut.
Lydia hatte gespürt, dass Heidi auf eine Auseinandersetzung aus war. Sie ging zwei Schritte auf Heidi zu. „Na los, Bauerntrampel… Zier dich nicht. Schlag mir doch in die Fresse.“
„Ich… Ich…“
„Mach schon… Ich warte.“ Lydia ging einen weiteren Schritt auf Heidi zu und stand nur wenige Zentimeter von ihr entfernt. Ihre Augen bohrten sich tief in die Heidis. In Heidi war Konfusion pur. Einerseits wollte sie es Lydia schon zeigen. Die ganze Woche hatte sie gebraucht, um ihr Ehrgefühl für den Moment einer möglichen Handgreiflichkeit vorzubereiten. Und um sich für die verabreichte Ohrfeige zu revanchieren. Andererseits hatte sie beträchtliche Angst, von Lydia verprügelt zu werden. Heidis Selbstbewusstsein hatte einer riesengroßen Portion Kleinmut Platz gemacht. Sie blickte in ein aufgebrachtes Augenpaar. Lydias Augen, die in einem schönen ebenmäßigen Gesicht lagen, hatten die Form großer Mandeln. Und die schienen sie zu fressen.
„Nun fang schon an, Bauerntrampel… Ich kann’s kaum abwarten.“ Lydias Selbstsicherheit war gigantisch und nicht zu überbieten. Heidi fühlte sich wie ein Beutetier, welches einer großen unheilbringenden Raubkatze gegenübersteht. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder eine Konfrontation riskieren und möglicherweise heldenhaft untergehen – oder abhauen und das Gesicht verlieren. Heidi entschied sich für die zweite Möglichkeit.
Beim Herauslaufen hörte sie flüchtig einige spöttische Kommentare. Ohne sich umzusehen rannte sie zu ihrem Auto. Erst als sie drinnen saß, blickte sie in die Richtung, in der das Vereinslokal stand. Heidi atmete hastig und verharrte so eine Zeitlang. Eine Träne des verletzten Ehrgefühls bahnte sich den Weg übers geschminkte Gesicht, und hinterließ eine kleine Furche. Lydias Kaltschnäuzigkeit hatte über ihre Furcht gesiegt. Lydias Worte und Blicke hatten sie wie Pfeile durchbohrt. Und sie hatte sie über sich ergehen lassen, wie ein Feigling. Sie hatte es nicht fertiggebracht, Lydia auch nur halbwegs zu beindrucken. Lydia hatte ihr Selbstbewusstsein wie ein Kartenhaus umgepustet. Mit Worten, scharf und lästernd. Und mit Blicken, kalt und drohend. Und sie? Sie war gerannt – wie um ihr Leben. Und nun? Nun war sie in Sicherheit und heulte.
Auf der Fahrt nach Hause, ging ihr die kurze Begegnung immer wieder durch den Kopf. Sie konnte nicht einmal behaupten, dass Lydia ihr dermaßen unsympathisch war, dass ihr gleich ein Schauer über den Rücken lief. Sicherlich, beide waren von Beginn an dazu verdammt, keine besten Freundinnen zu werden, das allein untersagte schon die Konstellation. Lydia war die Ex-, sie die neue Freundin von Andreas. Und Lydia war es, die von Beginn an Brisanz in die Bekanntschaft gebracht hatte. Wenn Lydia ihr nicht so feindselig gekommen wäre, hätte sie sich vorstellen können, mit ihr ganz gut auszukommen. Lydia war ein wirklich bildschönes Mädel. Ihr Gesicht hatte etwas Puppenhaftes. Ihre langen dunklen, leicht gelockten Haare, reichten ihr bis zur Schulter. Sie war schlank und hatte wohl exakt die gleiche Körpergröße wie sie. Alles Attribute, die dafür sprachen, Lydia zu mögen. Und dennoch stand nach nur zwei kurzen Begegnungen fest, dass Lydia ihre größte Feindin war. Und gefährlich wie ein Raubtier. Lydia hatte ihr mit Worten zu verstehen gegeben, dass mit ihr nicht zu spaßen sei. Dass sie zu allem bereit war, hatte sie durch angriffslustige Worte und Gebärden kompromisslos unterstrichen. Auch wenn es nicht zum Äußersten gekommen war, stünde die Siegerin eindeutig fest. Beide hatten sich nah gegenübergestanden. Auge in Auge. Lydia hatte sie aufgefordert, den ersten Schritt zu machen. Mutig ist sie ja… Aber ihr war das Herz in die Hose gerutscht. Was hätte sie tun sollen? Sich mit Lydia kloppen? Vor so vielen Männern? Ihr gelang es nicht vollends, sich Szenen aus einer möglichen Prügelei zu entsagen. Lydia wäre gleich einer Furie auf sie losgegangen. Und sie wäre ihr vermutlich rasch unterlegen gewesen. Vermutlich? Heidi wähnte, dass das alles einem Fiasko geähnelt hätte. Ihrem Fiasko. Aber es war ja gottlob nicht dazu gekommen – weil sie geflüchtet war. „Die Memme verpisst sich“, hatte sie bei ihrer Flucht gehört. Irgendeine männliche Stimme hatte es ihr hinterhergerufen. Heidi war froh, dass es keinen Fight mit Lydia gegeben hatte. Das einzige was an ihr nagte, war die Art und Weise, wie sie sich von ihr hatte heruntermachen lassen.
Das Geschehen war ihr bereits vorausgeeilt. Als Heidi in die Straße ihres Wohnsitzes einbog, erkannte sie Andreas‘ Auto. Er parkte direkt vor dem Haus ihrer Eltern. Nachdem sich beide über die verpasste Begegnung ausgetauscht hatten, sagte er, dass Maria vorhin angerufen hatte. „Sie erzählte mir von eurem Disput.“ Heidi nickte scheu und ließ ihn erzählen. Im Grunde hätte sie gern darauf verzichten können, zu hören, wie eine dritte Person es empfunden hatte. Andreas hatte bei seiner Schilderung eine rücksichtsvolle Charakteristik gewählt, die Heidi guttat. Er hielt sie beim Gespräch umarmt und streichelte ihr währenddessen einige Male liebevoll die Wange oder fuhr ihr sanft durchs schulterlange, glatte dunkle Haar.
„Sie ist wirklich bildschön“, pflichtete ihm Heidi bei, „warum ist sie bloß so streitsüchtig?“
„Weil Lydia schon immer… Weil sie krankhaft eifersüchtig ist.“
„Aber sie war es doch, die mit dir Schluss gemacht hat…“
„Es hatte bei uns seit längerer Zeit gekriselt… Dann kam ein anderer, in den sie sich verliebt hat… Na ja…“
„Aber mit dem ist sie auch nicht mehr zusammen… Das hat mir jedenfalls Martina vorige Woche erzählt.“
„Stimmt. Und nun will sie partout wieder, dass wir…“
„Und du?“
„Für mich ist das Thema Lydia endgültig aus und vorbei.“
„Und das macht sie so wütend auf mich…“
„Wahrscheinlich.“
„Andreas?“
„Ja?“
„Als sie im Vereinshaus vor mir stand, wollte ich ihr schon an die Gurgel…“
„Du wolltest dort allen Ernstes eine Prügelei anfangen?“
„Ja… Aber dann hat sie mich mit ihren…, mit ihren Augen… förmlich gefressen…“
„Und dann hat dir der Mut gefehlt…“
„Ja…“
„Das war auch ganz gut so… Eifersüchtige Menschen haben in solchen Momenten den entscheidenden Vorteil, dass sie ihren ganzen Hass mit in ihre Aktionen werfen.“
„Dann bin ich ja gerade noch einer Katastrophe entronnen.“
„Ja. Das denke ich auch. Sie ist, wenn sie eifersüchtig ist, wirklich unberechenbar.“ Heidi tat das Gespräch unheimlich gut. Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an ihren eher feigen Rückzug. Soll sie sich doch Gedanken machen…
Heidi ließ den Vorfall gegenüber Marlene unerwähnt. Der Wunsch, mit ihr zusammen wieder einen dieser speziellen Abende zu verbringen, war sehr groß aber nicht realisierbar. Sie hatte selbst an den Wochenenden zu viel für das vor der Tür stehende Abitur zu büffeln. Als zweitbeste der Klasse absolvierte sie es mit einer Traumnote. Heidi war auch glücklich, dass Marlene – wenn auch mit Hängen und Würgen – ihren Realabschluss schaffte. Die bevorstehende gemeinsame Reise mit ihr nach Florida wurde nur getrübt durch die daraus entstehende einjährige Trennung mit Andreas. Der wollte im Herbst ein Jurastudium in seiner Heimatstadt beginnen. Zu der Entbehrung gesellte sich die Befürchtung, dass ihr Freund nun wieder in der Nähe von Lydia leben würde, auch wenn er sie immer wieder mit Worten beruhigte. „Ich bin mit dir glücklich. Mit Lydia wird das niemals wieder etwas… Versprochen.“ Aber auch er sorgte sich, dass Heidi in den USA einen anderen kennenlernen könnte. Das wiederum wies Heid entschieden zurück. Beide versprachen sich wöchentlich zu schreiben und einander treu zu bleiben.
In Miami Beach hatte der Freund und Geschäftspartner von Heidis Vater eine recht noble Unterkunft für die beiden jungen Damen angemietet. In der Collins Avenue, im „Sea-Coast-Tower“, bezogen die Freundinnen ein geräumiges Appartement im siebten Stockwerk. Beide waren schlichtweg begeistert, als sie auf den großen Balkon traten und unter sich den Strand und den Atlantik erblickten. Da Heidi sich erst nach vier Wochen im Betrieb von Michael Cohen, dem Geschäftsfreund ihres Vaters, umsehen sollte und auch Marlene ihre Stellung als Au-pair- Mädchen später anzutreten brauchte, stand beiden eine unbeschwerte Anfangszeit bevor.
Marlene war’s dann auch, die ohne Verzug herauszufinden versuchte, ob die gleichen Bedingungen galten wie in der Heimat. Gleich nachdem Michael Cohen das Appartement verlassen hatte und die Freundinnen allein ließ, knuffte sie Heidi übermütig in die kurzen Rippen. Heidi, der die Reisestrapazen deutlich anzusehen waren, da sie während des langen Fluges kaum geschlafen hatte, bat Marlene, sofort damit aufzuhören.
„Kannst du keinen Spaß mehr ab?“, fragte die Sechzehnjährige leicht verstimmt.
„Findest du das witzig?“
„Heidi, was ist los mit dir?“
„Was soll schon los mit jemand sein, der während des gesamten Fluges kein Auge zugemacht hat…“
„Nun hab dich nicht so… Außerdem ist es nicht meine Schuld, dass du nicht schlafen konntest.“
„Dann lass mich jetzt auch in Ruhe…“
„Oh, Madame hat aber schlechte Laune…“ Heidi blickte ihre Freundin nachsichtig an und schlug vor, erst einmal die Koffer auszupacken. Nachdem geklärt wurde, wer welches Schlafzimmer bezog, machte sich jede in ihr neues Reich auf.
Heidi, die sich während des Abiturs so sehr gewünscht hatte, wieder einmal mit ihrer Freundin zu balgen, wurde beim Abschied auf dem Hamburger Flughafen von ihren und Marlenes Eltern mit dem Auftrag überrascht, ab nun eine gewisse Verantwortung für die Sechzehnjährige zu tragen. Bereits einige Abende vorher hatte sie mit ihren Eltern ein längeres Gespräch, das um die Vorfälle des gewissen Wochenendes ging. Ihr Vater hatte sie gefragt, ob es danach schon mal wieder eine Tätlichkeit zwischen beiden gegeben hätte. Heidi hatte die Unwahrheit erzählt und beinahe beleidigt reagiert. „Papa, das war damals eine einmalige Entgleisung, die sich nicht wiederholen wird.“ Ihr Vater hatte erleichtert reagiert und nicht verzichtet, darauf hinzuweisen, dass die Erkenntnis daraus ja auch nicht unbedingt für sie sprach. Heidi hatte danach ihre Worte nochmals intensiviert und gesagt, dass so etwas den Jungens vorenthalten bliebe. „Für Mädchen oder junge Damen schickt sich das doch nicht.“ Ihre Mutter hatte sie darauf liebevoll in den Arm genommen und gemeint, dass das bei Mädchen wirklich nicht üblich sei. „Dass so etwas natürlich mal vorkommen kann, will ich gar nicht bestreiten. Aber die Normalität ist das jedenfalls nicht“, hatte ihr Vater ergänzt.
Das Gespräch und die Übertragung der Verantwortung hatte sie während des Fluges immer wieder beschäftigt. Und es hatte sie auf eine Art nachdenklich gemacht. Man hatte ihr also die Verantwortung für Marlene erteilt. Und man legte Wert darauf, dass ihrer Freundin nichts zustieße. Sie hatte demzufolge die Sechzehnjährige zu beschützen, die im gemeinsamen Leben eher die Hüterin spielte. Die ihr sagte, wo es langging. Zumindest in ihrer kollektiven Welt. Diese Gedanken hatten sie grüblerisch gemacht. Und viel von dem genommen, was ihr noch vor vielen Tagen wichtig schien. Und das Erstaunliche war, sie hatte gerade eben genauso reagiert, wie von einer verlangt wurde, der man so viel Bürde auferlegt hatte. Sie hatte ihre erste Pflichtübung mit Bravur hinter sich gebracht. Mit garstigen Worten hatte sie Marlene zu verstehen gegeben, dass sie in Ruhe gelassen werden wollte. Der Zauber vieler spannender Erlebnisse lag irgendwo verborgen hinter einem Stapel Verantwortung – und hinter dem anderen Teil des Atlantiks. Heidi sann, dass möglicherweise die neue und fremde Umgebung hinzukam. Und sie wusste nicht, ob sie den Zauber jemals wieder hervorkramen sollte. Oder auch wollte.
Am Nachmittag machten die Freundinnen sich auf, um die nähere Umgebung zu entdecken. Staunend betrachteten sie die mondänen Hotels an der Straße und die vielen Yachten, die festgezurrt an den Anlegeplätzen auf den Wellen tanzten. Mit dem Linienbus fuhren sie in das nahegelegene Miami und bummelten durch das exklusive Einkaufzentrum „Bayside“, das direkt am Hafen der Millionenstadt lag. Heidi, die sich ziemlich gründlich auf den Wohnsitz für ein Jahr vorbereitet hatte, sparte auch nicht damit, ihrer Freundin die eine oder andere Erklärung zu vermitteln. Sie hatte die Rolle der Ratgeberin eingenommen und ging darin auf. Und sie hatte den Eindruck, dass Marlene das auch durchgängig akzeptierte. Sie schien sich ob der fremden Welt an sie anzulehnen. Das, was in der Heimat Bestand hatte, galt hier für sie nicht. Die Karten waren neu gemischt und verteilt. Geschickt setzte Heidi ihre nahezu perfekten Englischkenntnisse ein und verbuchte bei ihrer Freundin Punkt um Punkt. Die Zeit, als sie sich von Marlene schlagen ließ, lag hinter einem geheimnisvollen Schleier, der Entfernung hieß. Räumliche Entfernung und auch zeitliche. Heidi schätzte, dass es nun bereits drei oder auch vier Monate her war, dass sie mit Marlene gerangelt hatte. Als sie von ihr komplett gedemütigt worden war. Das Gefühl, das sie damals empfunden hatte, waberte nur noch diffus in ihren Gedanken. Es war genauso weit weg und hatte irgendwie mit Behaglichkeit zu tun. Sie urteilte, dass in ihr zwei Personen leben mussten. Die, die sie damals verkörperte und dem Anschein nach nicht widerwillig, hatte sie jenseits des Atlantiks gelassen. Heidi begann eine neue Zeitrechnung in ihrem Leben einzurichten.
Während der nächsten zwei Tage erkundeten die Freundinnen immer mehr die Lebensart der Amerikaner. Vieles war freizügiger als in der Heimat. Und so waren sie nicht einmal sonderlich überrascht, als sie am noch frühen Mittwochabend beim Zappen der Fernsehprogramme auf eine Sendung stießen, die sich, unterbrochen von sehr viel Werbung, mit dem Thema „Catfight“ beschäftigte. Ein lokaler Sender übertrug eine Aufzeichnung aus einer großen Disco von einer Veranstaltung des vergangenen Wochenendes. Mit viel Gejohle, vornehmlich von den männlichen Zuschauern, traten Mädel gegeneinander an, um sich zu besiegen. Heidi und Marlene beendeten das Zappen und schauten interessiert auf die Mattscheibe. Das Motto des Abends hieß frei übersetzt: „Rein in die Disco – rein in den Ring“. Die Mädel, die es wagten, sich mit anderen zu messen, hatten sich bei dem Organisator zu melden. Der entschied dann über eine mögliche Teilnahme. Die einzigen Bedingungen waren die Entrichtung eines geringen Startgeldes, die Bereitschaft, so zu kämpfen, wie sie die Disco betreten hatten und die Einhaltung vorher genannter Spielregeln.
„Wie damals auf der Kirmes“, befand Marlene.
„Na…, nicht ganz so… Geprügelt wurde da ja Gott sei Dank nicht.“
„Das ist wahr.“ Die nächsten Kämpferinnen wurden vorgestellt. Jeanette, eine siebenundzwanzigjährige Texanerin, die hier in Miami arbeitete, trat gegen Tracey an, die angab, einundzwanzig Jahre alt zu sein und aus Orlando, Florida zu kommen. Gebannt verfolgten die Freundinnen den Verlauf.
Fortsetzung folgt
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