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News & Infos

Heidi 9
(Jahre 1985 – 1995)
DINNER-NÄRRIN
© Joicey McDonald 03/2010



Die Zuschauer hatten sich von Beginn an auf die Seite der Landsmännin geschlagen und bejubelten jede Aktion von ihr mit frenetischem Gebrüll. Das jedoch nützte der jungen Tracey nicht viel. Bereits in der ersten Runde, des auf fünf Runden angesetzten Kampfes, musste sie nach einem wild vorgetragenen Angriff der Texanerin zu Boden. Tracey ließ sich auf den Knien hockend anzählen und schien zu überlegen, ob sie den Kampf aufgeben sollte. Mit einer zweiten Kamera wurde Janet eingeblendet, wie sie beinahe aufreizend lässig dabei zusah. Die Texanerin, die eine  Jeans anhatte, ging dann zu Tracey, die inzwischen vom Referee zur sinnvollen Aufgabe bekehrt wurde. Beide umarmten sich herzlich, dann wurde der Klamauk von einer weiteren Werbepause unterbrochen.
„Dass die sowas im Fernsehen zeigen“, echauffierte sich Marlene leicht.
„Wir sind im Land der unbegrenzten Möglichkeiten… Vergessen?“
„Nein…, aber ich hätte sowas trotzdem nicht für möglich gehalten…“
„Möchtest du dir das weiter angucken?“
„Und du?“
„Ich? Ja… Warum denn nicht?“ Kelly und Susan wurden vorgestellt. Beide waren achtzehn Jahre alt und sie erzählten dem Interviewer, dass sie Freundinnen sind. Und auch, dass diese Freundschaft für die Zeit pausieren würde, weil beide den Kampf gewinnen wollten.
„Freundinnen, genauso wie wir“, plapperte Marlene drauf los. Heidi antwortete nicht darauf. Sie sah, dass die geringfügig größere Kelly ihre Freundin sofort in den Schwitzkasten nahm und sie durch den Ring zog. Susan wurde dann auch rasch zu Boden gerungen, wo sie sich anzählen ließ. Auch die restliche Zeit der zwei Minuten dauernden Runde war Kelly die eindeutig bessere Kämpferin. Im zweiten Durchgang musste Susan gleich dreimal auf die Bretter, worauf der Referee ihr dringend riet, aufzugeben. Susan lehnte ab und wurde von ihrer Freundin in der dritten und vierten Runde noch weitere Male auf den Ringboden geschickt. Kurz vor Ende der fünften Runde wurde Kelly passiver. Sie hatte sich restlos verausgabt und keuchte und rang schwer atmend nach Luft. Auch Susan schien das Ende des Kampfes herbeizusehnen. Sie konnte im Grunde froh sein, überhaupt noch stehend im Ring zu weilen. Auch sie stand schwer schnaufend in der Ringecke und sah ihre Freundin erneut auf sich zukommen. Als Kelly sie erneut packen wollte, holte Susan wie im Reflex aus. Ihre Faust traf Kelly genau an der Kinnspitze. Wie vom Blitz getroffen, ging die zu Boden und blieb dort regungslos liegen. Der Ringrichter zählte Kelly, die bis dahin die eindeutige Siegerin schien, aus und kürte Susan zur Gewinnerin. Susan eilte sofort zu ihrer Freundin, die noch immer benommen am Boden lag. Sie schob den Rocksaum Kellys, der beim Knockout hochgeschlagen war, über deren Knie zurück. Danach fuhr sie ihr behutsam übers Gesicht. Kelly zeigte kaum Regung. Erst nachdem der herbeigerufene Arzt den Ring betrat und sich um Kelly bemühte, schlug sie die Augen auf und kam langsam wieder zu sich. Auf noch wackligen Beinen, wurde sie vom Publikum gefeiert. Sie hatte einen tollen Kampf abgeliefert und praktisch über die gesamte Zeit des Fights dominiert. Nur durch einen Zufallstreffer ihrer Freundin hatte sie den Kampf doch noch tragischer weise verloren.
„Damit hab ich nicht mehr gerechnet. Sie tut mir sogar ein bisschen leid.“, sagte Heidi beinahe fassungslos.
„Ja, mir auch… Diese Kelly war doch eindeutig die bessere…“
„Ja. Hast du gewusst, dass man dabei nicht nur Ringen, sondern auch Boxen darf?“
„Nein. Anscheinend… ist beides erlaubt…“ In Marlene brodelte es. Sie dachte daran, dass sie Heidi bei ihrem letzten Kampf auch kampfunfähig  geschlagen hatte. Zwar nicht durch einen Faustschlag, aber immerhin. Heidi hatte einige Minuten genauso dagelegen, wie eben die achtzehnjährige Kelly. Ihre zuletzt unterdrückten Gelüste drängten sich wieder nach vorne. Ganz nach vorne. Ihr war nicht verborgen geblieben, wie Heidi sich ihr diesbezüglich unzugänglich verhielt. Seit sie vor drei Tagen hier angekommen waren, kehrte ihre Freundin die Respektperson heraus. Heidi hatte sie wissen lassen, dass man ihr die Leitung über sie anvertraut hatte. Und sie traute sich nicht, diesen von den Eltern ausgehändigten Stellenwert zu durchbrechen. Marlene dachte an die ersten Minuten im Appartement, als sie Heidi in die Rippen geknufft hatte. Ihre Freundin hatte dermaßen autoritär reagiert, dass sie von weiteren Versuchen abließ. Erst die Fernsehübertragung machte sie wieder darauf aufmerksam, dass es doch etwas gab, was beide verband. Was beide gleichstellte. Sie korrigierte ihre Gedanken und schmunzelte innerlich. Was sie natürlich höherstellte. Aber sie hatte nichts davon. Nicht hier in Florida. Wo dann? Der Atlantik schien viel – oder alles? – von dem zwischen sich gelassen zu haben, was sie sich in der Heimat aufgebaut hatte.

Nachdem die Werbeunterbrechung vorbei war, wurde die bildschöne zwanzigjährige Jennifer vorgestellt. Ihre Gegnerin war die farbige zweiundvierzigjähre Wanda aus Atlanta, die recht stämmig wirkte. Deren verhärmter Gesichtsausdruck verriet nichts Gutes. Die langhaarige Jennifer, die im kurzen Cheerleader-Rock in den Ring gestiegen war, wurde sofort attackiert und regelrecht verprügelt. Nach nicht einmal dreißig Sekunden brach der Referee den ungleichen Kampf ab.

Danach zeigte der Sender eine kurze Wiederholung des Fights zwischen Kelly und ihrer Freundin Susan, die in Super-Zeitlupe über die Mattscheibe schlich. Es waren die entscheidenden Sekunden des vorletzten Kampfes. Man sah, dass Kelly deckungslos in ihr Verderben torkelte. Als sie beide Arme hob, um Susan ein letztes Mal zu packen, holte die aus. Auch ein letztes Mal. Und wohl auch mit allerletzter Kraft. Ihre geballte Faust schob sich Zentimeter für Zentimeter dem Ziel näher. Und als sie Kellys Kinn traf, sah das in der Super-Slomo so aus, als wäre darauf gerade eine Bombe eingeschlagen. Schweißperlen auf ihrem Gesicht, schossen nach dem Aufprall wie mächtige Fontänen in alle Richtungen. Kellys halblange Haare stoben wild durcheinander, als wären sie mitten in das Auge eines Hurrikans geraten. Der Zeitlupeneffekt enthüllte den entscheidenden Treffer, der in Echtzeit nur den Bruchteil einer Sekunde dauerte, wie eine kleine Geschichte. Wie eine erschütternde Tragödie. Kellys Kopf federte langsam von links nach rechts. Und wieder in entgegengesetzter Richtung. Bis er dem Körper folgte, der gleich einem gesprengten Haus in sich zusammenfiel.

Intuitiv hatten sich Heidi und Marlene auf der Couch umarmt und mit bestürzten Mienen den Zeitlupen-Aufnahmen zugesehen. Schweigend und verwirrt. Beide unterhielten sich über den Sinn solcher Veranstaltungen. Beide fanden keine richtige Erklärung, führten das eher auf das extrem auf Show ambitionierte amerikanische Volk zurück. Aber beide schauten sich die nächsten Gegnerinnen an, die gerade dem Publikum vorgestellt wurden. Sheila, eine fröhliche achtzehnjährige Kalifornierin mit einer lustigen Stupsnase, sollte es mit der dreißigjährigen Mary aus South Carolina zu tun kriegen. Marlene animierte Heidi dazu, einen Tipp abzugeben.
„Meine Favoritin ist Sheila“, sagte Heidi spontan.
„Sheila? Warum Sheila? Ich setze auf Mary…“ Die Gegnerinnen belauerten sich eine ganze Weile und wurden auch bald darauf vom Ringrichter ermahnt, mehr Aktion zu zeigen. Die im geblümten Straßenkleid kämpfende Mary wurde dann auch aktiver, wirkte dabei aber ziemlich ungeschickt. Sheila nahm die zwölf Jahre ältere Mary in den Schwitzkasten und hielt sie bis zum Ende der ersten Runde darin fest.
„Hast du gesehen, dass die Mary…?
„Was?“, unterbrach Heidi ihre Freundin.
„Sie trägt unter ihrem Kleid einen Unterrock…“
„Einen Unterrock? Nein, hab nicht darauf geachtet.“
„So wie du…“
„Ich kämpfe aber nicht…“ Die Kamera zeigte Mary in der Ecke. Sie atmete bereits tief und schwer. Der zugeteilte Sekundant wedelte ihr mit einem kleinen Propeller frische Luft zu. In der zweiten Runde zeigte die Dreißigjährige mehr Aktionen und brachte Sheila mit ihren kurzen Shorts in Schwierigkeiten. Die dritte Runde war eher ausgeglichen, während die vierte wieder an Sheila ging. In der letzten Runde merkte man Mary Konditionsmangel an. Sie floh förmlich vor der Achtzehnjährigen, die das durch Scheinangriffe erreichte. Die Punktsiegerin in einem recht langweiligen Kampf hieß dann auch Sheila. Sie verabschiedete sich mit einem niedlichen Knicks aus dem Ring.

Der Kommentator ergriff das Mikrofon und animierte die weiblichen Zuschauer nochmals zum Mitmachen bei dieser Veranstaltung. In den Ring stieg gerade eine üppig gebaute Blondine, die in einer sehr kurzen knappen Hose und einer etlichen Nummern zu kleinen Bluse den männlichen Zuschauern zuwinkte und damit massenhaft Applaus einheimste. Clarissa küsste sich auf die Handinnenfläche und hauchte sie dem Publikum zu. Frenetischer Beifall der vornehmlich männlichen Zuschauer. Ihre Gegnerin hatte inzwischen unbeachtet den Ring betreten. Nancy, ein kleines drahtiges, eher unscheinbares Latino-Girl, stand mit geschlossenen Augen in der Ringecke, um sich zu konzentrieren.
„Ich setze auf Nancy“, sagte Heidi.
„Bleibt mir nur noch die Sexbombe…“
„Wie sieht’s mit einem Budweiser aus?“, fragte Heidi ihre Freundin.
„Gern“, antwortete Marlene artig.
„Pass gut auf… Ich bin gleich wieder da.“ Heidi ging in die Küche und nahm aus dem Kühlschrank zwei Flaschen Bier. Beim Öffnen schäumte das Bier aus dem Flaschenhals und lief auf den Boden. „Mist.“ Sie wischte die Flüssigkeit weg und schenkte die Gläser voll. Danach ging sie ins Badezimmer, um sich die Hände zu waschen.
„Wo bleibst du denn…?“
„Komme schon.“
„Die Sexbombe hat schon die Hucke vollbekommen…, das hättest du sehen sollen.“ Heidi starrte auf den Fernseher. Clarissa hockte auf den Knien und blickte beleidigt zum Referee, der sie anzählte. „Was ist passiert?“
„Na, deine Nancy hat…“
„Meine Nancy…?“
„Ja. Nancy hat sie irgendwie unfair angegriffen… Ich glaube, sie hat ihr in die Augen gegrabscht.“
„Das ist doch gar nicht erlaubt… Hat der Moderator doch vorhin erklärt…“
„Man konnte es nicht genau erkennen.“ Clarissa stand wieder auf und ging gleich einer Furie auf Nancy los. Das Latino-Girl stand an den Ringseilen und wich der blind anstürmenden Blondine flink aus. Clarissa prallte in die Seile und wäre um ein Haar zwischen den gespannten Tauen aus dem Ring gestürzt. Orientierungslos wankte sie durch den Ring und musste einen rechten Haken ihrer Gegnerin einstecken.  Ihr üppiger Körper klatschte lautstark auf den federnden Ringboden. Sie krabbelte auf den Knien zu den Ringseilen und zog sich daran hoch. Der Gong rettete sie. Schwer mitgenommen setzte sie sich auf den Hocker in ihrer Ecke. Erregt gestikulierend zeigte sie immer wieder auf ihre Augen. Der Ringrichter begutachtete deren Gesicht und ging anschließend in die Ecke, in der Nancy saß. Anscheinend hatte er genug gesehen, denn er hob beide Arme und zeigte damit an, dass er das Latino-Girl soeben disqualifiziert hatte. Unbeschreiblicher Jubel im Publikum. Clarissa sprang vom Hocker auf und warf Kusshände ins Publikum. Die Zuschauer hatten ihren Liebling des Abends.
„Was sollte das?“, fragte Heidi. „Eine Verwarnung hätte es doch auch getan…“ Nancy beschwerte sich auch ziemlich massiv, erntete für ihren Protest aber etliche Pfiffe. Sie zuckte mit den Schultern, rückte ihre Jeans zurecht und verschwand nahezu unbemerkt aus dem Ring, während Clarissa sich im Jubel des Publikums zu sonnen schien. Kurz darauf beendete der Moderator die Sendung, jedoch nicht ohne darauf hinzuweisen, dass am Samstag und Sonntag weitere Kämpfe in der Disco stattfinden werden und bettelte abermals um rege Beteiligung.

Heidi und Marlene sahen sich an. Sie waren beide der Meinung, dass diese Veranstaltung von einer nicht unbeträchtlichen Portion Klamauk bestimmt wurde.
„Allerdings sollte man diese Art Unterhaltung auch nicht überbewerten und zu ernst nehmen“, verbesserte Heidi die eben begonnene, vorsichtige Betrachtung.
„Nein… Wir hatten doch auch Spaß daran…“
„Ja. Außerdem will der Sender eindeutig die jugendlichen Zuschauer ansprechen. Und denen ist der Spaßfaktor dem Anschein nach wichtiger als irgendwelche sportlichen Ziele. Außerdem sieht man das an der Werbung, die ganz offensichtlich auf diese Zielgruppe ausgerichtet ist. Die Mädel, die sich hier melden, tun das freiwillig. Sie wissen also, auf was sie sich dabei einlassen…“
„Ja… Aber die Mädchen oder auch Frauen wollten schon…“
„Natürlich. Sonst hätten wir nicht diese teilweise verbissenen Szenen gesehen. Im Grunde war der Spektakel auch recht unterhaltsam… Das ist jedenfalls meine Meinung…“
„Meine auch… Würdest du dabei mitmachen?“
„Ich…?“
„Ja.“
„Ausgerechnet ich…? Du hast sie doch nicht mehr alle. Warum sollte ausgerechnet ich mich vor so vielen Zuschauern lächerlich machen…“
„Wir könnten uns doch beide melden… und gegeneinander…“
„So wie die anderen beiden… Kelly… und Susan…?“
„Ja, warum denn nicht…“ Marlene hatte längst wieder Hoffnung, den in der Heimat zurückgelassenen Herzenswunsch fortzusetzen. In ihrer Fantasie kämpfte sie bereits mit Heidi – vor  Fernsehkameras. Und vor ihnen würde sie ihre Freundin besiegen. Sie würde danach in eine der Kameras blicken und vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Und die vielen Fernsehzuschauer würden sie staunend verehren.
„Ich kämpfe nicht vor Publikum und laufenden Kameras gegen dich“, erwiderte Heidi entschieden.
„Warum denn nicht?“
„Warum nicht? Tickst du nicht mehr richtig…? Das weißt du doch ganz genau… Es muss ja nicht eine ganze Nation mitkriegen, wie ich von dir verkloppt werde…“
„Und gegen ein anderes Mädel?“
„Auch nicht… Das schon gar nicht.“
„Schade. Gegen eine wie Clarissa hättest du aber eine echte Chance.“
„Mach du’s doch. Ich mach mich da jedenfalls nicht lächerlich.“
„Du meinst…, du hättest nichts dagegen, wenn wir da mal hinfahren und ich mich melden würde?“
„Nein. Was sollte ich dagegen haben? Hauptsache, ich muss da nicht in den Ring…“
„Und wenn ich verliere?“
„Dann verlierst du eben… Na und? Außerdem kennt dich da ja keiner. Aber wie ich dich kenne, wirst du schon nicht verlieren.“
„Ich hab schon so lange nicht mehr gekämpft…“
„Worauf willst du hinaus?“
„Ich sollte vorher trainieren.“
„Mit mir?“
„Zum Beispiel…“
„Marlene… Mit mir zu trainieren würde dir wohl nicht allzu viel bringen. Denk doch nur an das letzte Mal…, als ich minutenlang bewusstlos auf dem Boden lag…“
„Ja, tue ich. Und davor…? Im ersten Kampf war ich es, die von dir ziemlich schnell erledigt wurde.“
„Das eine Mal… Dafür hab ich es dreifach von dir zurückgekriegt.“
„So einfach hast du es mir nun auch wieder nicht gemacht.“ Marlene erinnerte sich, wie Heidi es ihr auch im zweiten Fight sehr schwer gemacht hatte. Und daran, wie erst ein Trick ihre Freundin zur Unbesonnenheit geführt und sie dadurch letztlich profitiert hatte.
„Sag doch gleich, dass du mal wieder Lust hast, mich zu verhauen.“
„Wie du das sagst…“
„Es ist so wie es ist… Ich nenne es nur beim Namen.“
„Du musst mir glauben… Ich hab keine Lust dich zu verprügeln.“
„Nein?“ Marlene glaubte, bei Heidis Frage ein leichtes neckisches Lächeln bemerkt zu haben, was sie irgendwie erleichterte. Seit der Ankunft in Miami hatte sich ihre Freundin distanziert, fast schon zugeknöpft gegeben. Sie schien ihre von beiden Eltern aufgetragene Rolle ziemlich wichtig zu nehmen. Auch bei dem Gespräch war Heidi nicht von ihrer bisherigen Linie gewichen. Hatte sie eben nicht doch, wenn auch nur ansatzweise, die Rolle gespielt, die ihr eigentlich zustand? Dieses schelmische „Nein?“ deutete Marlene vorsichtig als mögliche Rückkehr zu heimischen Verhältnissen. „Nein.“
„Aber wenn du vorhast, da mal mitzumachen…, mitzumischen, dann solltest du wohl in der Tat mit dem Training beginnen.“
„Wann?“
Heidi hatte während der Catfight-Sendung ein leichtes Kribbeln verspürt, wich aber fahrig aus. „Heute auf gar keinen Fall.“ Sie sah auf die Uhr und sagte ergänzend: „Ich denke, wir sollten heute essen gehen…“
„Wollen wir nicht kochen?“
„Wir haben nicht mehr viel im Kühlschrank… Also, lass uns heute auswärts essen.“
„Ach, Heidi, wir werden schon irgendetwas finden…“
„Marlene, treib es nicht zu weit… wenn ich dir sage, dass wir essen gehen, dann  gehen wir essen.“
„Du könntest doch alleine…“
„Kommt gar nicht infrage, wir gehen zusammen… Schon vergessen, dass ich es bin, die auf dich aufpassen soll?“
„Pluster dich bloß nicht so auf, du, du… Respektsperson…“
„Respektperson…? Nun ja, eine von uns muss es ja sein. Und die bin ich eben. Basta.“


Beim Essen bei „Denny‘s“, einem Fastfood-Restaurant fragte Heidi, die ihrer Freundin gegenübersaß, ob sie es wirklich ernst gemeint hatte, mit ihrer Äußerung, bei solcher Veranstaltung mal mitzumachen. Marlene stocherte mit der Gabel lustlos in einem Berg Pommes herum und bestätigte ihre Bereitschaft. Heidi fühlte, dass Marlene unzufrieden war. Dass sie vermutlich erwartet hatte, hier nahtlos an die Verhältnisse in der Heimat anzuknöpfen. Aber dazu war sie noch nicht bereit. Die fremde Umgebung, das andere Klima, und die von beiden Elternpaaren aufgetragene Verantwortung hatte aus ihr eine Heidi gemacht, die nichts oder nicht viel  von der hatte, die sie in der Heimat war. Sie sah diesen Auftrag als Würde an, und sie würde ihn mit Würde, solange es möglich war, ausüben. Heidi ahnte aber auch noch nicht, was binnen weniger Minuten auf sie zukommen sollte.

„Pst, Heidi… Nicht gleich hingucken… Ein paar Tische hinter dir sitzt jemand, der ständig zu uns rüber sieht.“
„Ja? Na und…?“ Heidi musste sich beherrschen, sich nicht gleich umzudrehen. „Wie sieht er denn aus?“
„Nicht schlecht…“
„Und das Alter?“
„Das Alter? Du bist doch in festen Händen…“
„Bist du mein Wachhund?“
„Ja…, Andreas hat mich gebeten, auf dich aufzupassen…“
„Wirklich? Wie aufmerksam von ihm… Und was gedenkst du zu tun, falls ich doch mal…?“
„Was wohl…“ Heidi blickte Marlene betont besorgt an, führte ihre Hand horizontal zum Hals und deutete damit einen Kill an. „Ja…, darauf kannst du dich verlassen.“
„Ich hab sowieso nicht vor, hier irgendjemanden kennenzulernen.“ Dennoch hatte sie das Bedürfnis, sich den anzusehen, der sie angeblich anstarrte. „Ich geh mir mal kurz die Hände waschen…“
„Damit du ihn dir angucken kannst…“
„Quatsch.“ Heidi stand auf und ging in Richtung der Waschräume. Ihr Blick kreuzte sich kurz mit den ausdrucksvollsten dunkelbraunen Augen, die sie je gesehen hatte. Sie schätzte den gutaussehenden Mann auf Anfang zwanzig. Wenn nicht, dann ganz knapp unter zwanzig. Starr ihn bloß nicht so an. Sie stockte kurz und ging dann überhastet weiter. Verwirrt stellte sie sich vor den großen beleuchteten Spiegel und schüttelte mit dem Kopf, weil sie ihre Handtasche am Tisch vergessen hatte. Mit nervösen Fingern fuhr sie sich durch die Haare und bemerkte, dass ihr Herz schneller schlug. Und lauter. Der Blick ging ihr nicht aus dem Sinn. Er hatte was. Was? Sie wusste es nicht. Niemals vorher hatte sie in solche Augen gesehen. Sie haben etwas, etwas Emotionales, auch Trauriges? Weshalb bin ich hier? Ihr fiel ein, dass sie zu Marlene gesagt hatte, dass sie sich die Hände waschen wollte. Sie drehte am Wasserhahn. Eine Fontäne schoss aus der Leitung und bespritze nicht nur ihr Gesicht. Auch das noch. Noch bevor sie den Hahn wieder zudrehen konnte, war auch ihre Bluse und Rock vom Leitungswasser durchnässt. In dem Augenblick betrat eine ältere Frau den Waschraum und riet ihr, den Hahn vorsichtig aufzudrehen. „Er ist nämlich defekt, junge Frau. Und das schon seit gestern. Die hier haben es ja nicht für nötig gehalten, das Ding hier zu reparieren.“
„Danke für den Hinweis.“
„Großer Gott, Sie sind ja bereits pudelnass.“
„Ach, ist nicht so schlimm.“ Heidi zog sich Papiertücher aus dem Automaten und begann damit ihre Bluse abzutupfen.
„Würd ich nicht tun… Gibt nur große und hässliche Flecken. Außerdem fusseln die Papiertücher, das sieht dann nicht so schön aus“, sagte die ältere Frau, die am Nachbarbecken stand und sich die grauen Haare ordnete.
„Danke…“
„Lassen Sie’s einfach so trocknen, ist ja nicht gerade kalt heute.“
„Ja… Werd ich machen.“ Ich kann doch nicht so an ihm vorbeigehen. Heidi zog sich die Bluse aus und fächerte sie gegen den zum Händetrocknen an der Wand angebrachten Föhn. Das muss genügen…, sonst ist er möglicherweise schon weg…. Sie zog die Bluse wieder über und stopfte sie hastig in den Rock, den sie anschließend lupfte, um diese Prozedur zu wiederholen. Ohne ihre Kleiderordnung noch mal im Spiegel zu überprüfen, ging sie zur Tür und verließ den Waschraum. Dass die gepflegte ältere Dame ihr etwas hinterherrief, hörte sie nicht mehr.

Als erstes nahm sie wahr, dass der junge Mann mit den außergewöhnlichen Augen noch am Tisch saß. Sie war froh, dass er mit dem Rücken zu ihr saß, als sie an ihm vorbeiging. Der hintere Teil des Rockes und der Bluse hat ja nichts abgekriegt… Gott sei Dank.
„Wo bleibst du denn…? Wie siehst du denn aus?“, fragte Marlene und sah an ihr herunter.
„Der Wasserhahn war defekt…“
„Ach du meine Güte… Bist du ins Waschbecken gefallen?“
„Sieht das so aus?“
„Schlimmer… Aber was hast du um Gottes Willen mit deinem Rock gemacht?“
„Was meinst du…?“
„Na, dein Unterrock. Er guckt dir meilenweit heraus.“ Heidi sah zu sich herab und bekam schlagartig ein rotes Gesicht. Sie setzte sich schnell auf die Bank und pfriemelte ihn behelfsmäßig unter den Rock. „Das muss passiert sein, als ich… Ich hab meine Bluse ausgezogen…“
„Du hast deine Bluse ausgezogen? Warum?
„Sie war nass…
„Sie ist noch immer nass. Und dein Rock auch.“
„Ja.“ Marlene schüttelte mit dem Kopf. Das war Heidi egal. Sie dachte an den jungen Mann mit den außergewöhnlichen Augen. Und daran, dass diesen Augen mit Sicherheit nicht entgangen waren, dass… „Was ist das?“
„Eine Bloody Mary…“
„Eine Bloody Mary?“
„Ja…“
„Was soll das… Warum bestellst du uns Cocktails?“
„Hinter dir“, sagte Marlene und zeigte mit den Fingern auf den Platz, wo der junge Mann mit den außergewöhnlichen Augen saß.
„Zeig da nicht so auffällig hin“, schimpfte Heidi.
„Sei doch nicht so zickig. Er ist wirklich total charmant… Und Augen hat er… Die hättest du mal sehen sollen…“
„Ach ja…? Findest du?“
„Nun dreh dich schon um“, drängelte Marlene, „und bedank dich bei ihm…“
„Wofür?“
„Für den Drink.“ Heidi wandte sich um, und blickte wieder in seine Augen. Diese Augen.
„Mit dem Glas. Nimm es und nick ihm zu“, polterte Marlene.
„Na… natürlich.“ Ohne sich umzusehen, suchte Heidi nach dem Glas. Ihre nervösen Finger bekamen es nicht zu fassen. Sie kippten es um. Der Cocktail ergoss sich über Heidis hellen Rock und ihre Bluse. Der darin beinhaltete Tomatensaft erzeugte riesige rote Flecken. Die Katastrophe war komplett.
„Schnell… unter heißes Wasser.“ Vorbei an dem Tisch, an dem er saß, eilte Heidi – nur nicht hinsehen – wieder in Richtung der Waschräume.

Marlene sah ihrer Freundin nach und schüttelte erneut den Kopf. Heidi hielt den Rock bis knapp zu den Oberschenkeln gerafft. Nur der rosafarbene Unterrock bedeckte die Beine ihrer Freundin. Peinlich, dachte die Sechzehnjährige. Ihr entging auch nicht, dass viele der Gäste ihrer Freundin verblüfft hinterher sahen. Eine schöne Respektperson, sann sie.

Heidi drückte die Türklinke nieder, um hastig in den Waschraum zu gelangen. Im selben Augenblick wurde die Tür energisch von innen geöffnet. Heidi wurde ins Innere katapultiert und landete unsanft mit den Knien auf den Fliesen des Waschraumes.
„Sorry.“ Die ältere Dame blickte auf die bedauernswerte Gestalt unter sich. „Da sind Sie ja wieder… Ist Ihnen was passiert?“



Marlene sah, dass der junge Mann, der die Cocktails spendiert hatte, auf ihren Tisch zukam.
„Was ist mit ihr passiert?“
„Sie ist sonst nicht so… Heidi ist eigentlich ganz okay…“
„Heide…?“
„Heidi.“ Marlene räusperte sich und kaschierte damit ihre eigene Unsicherheit. Der junge Mann machte Anstalten, sich auf die gegenüberliegende gepolsterte Bank zu setzen. Marlene gestattete ihm das mit entsprechenden Gebärden. Jetzt musste sie beweisen, dass ihr  englisch gut genug ist, ein geistreiches Gespräch mit dem Amerikaner zu führen.
„Sie sind aus…?“
„Deutschland… Germany.“
„Oh, fein.“
„Und Sie?“
„Miami, Florida.“
„Wie dumm von mir… Natürlich… Schön.“
„Und Ihre…, die Heide…?“
„Heidi. Heidi kommt auch aus Deutschland.“
„Und was ist mit ihr?“
„Was meinen Sie?“
„Nun…, sie kam aus dem Waschraum… Ähm…“
„Sie hatte sich nassgespritzt.“
„Wie geht das?“
„Ich…, ich… Ich weiß es nicht. Sie sagte der…“ Marlene stockte. Ihr fiel das englische Wort für Wasserhahn nicht ein. Stattdessen bedankte sie sich geschwind für den Cocktail.
„Ach ja… Ich sollte für Heide gleich noch einen bestellen.“
„Für Heidi? Ja.“ Er rief nach der Bedienung und orderte eine weitere Bloody Mary. „Heide mag ihn doch?“
„Ja… Sicherlich. Ganz bestimmt.“
„Und Sie?“
„Ich?“
„Ja.“
„Ich auch.“
„Cheers.“ Er nahm sein Glas und stieß es sanft gegen Marlenes. Beide nippten am Cocktail.



Die ältere Frau hatte Heidi wieder hochgeholfen. „Ist Ihnen auch wirklich nichts passiert?“
„Nein… Vielen Dank. Ich denke nicht…“ Heidi fasste sich an beide Knie, die ihr wehtaten.
„Ihre Knie…“
„Ach, das ist nicht so schlimm…“ Heidi sah, dass sie sich beide Knie beim Sturz aufgeschürft hatte. Die aufgerauten, rutschfesten Fliesen und die ziemlich breiten Fugen hatten zu der prompten Verletzung geführt.
„Und was haben sie mit ihrer Bluse und den Rock gemacht?“
„Eine Bloody Mary…“
„Erst der Wasserhahn, und dann eine Bloody Mary…? Wenn überhaupt, dann sollte es in umgekehrter Reihenfolge sein.“
„Ja… Es ist ganz sicher nicht mein Tag heute.“
„Was wollen Sie tun?“
„Heißes Wasser…“
„Gut so. Aber nehmen Sie um Gottes Willen das andere Waschbecken..“
„Ja, mach ich…“ Heidi zog sich Rock und Bluse aus und hielt die befleckten Teile unter heißes Wasser. Mit Seife aus dem Spender rieb sie die Stellen so gut es ging sauber. Währenddessen musste sie daran denken, dass sie sich vor diesen außergewöhnlichen Augen bis auf die Knochen blamiert hatte. Sie ließ sich beim Säubern ihrer Kleidung Zeit, weil sie hoffte, dass er das Restaurant inzwischen verlassen würde. Und sie sann, dass das alles auf ihre Neugier zurückzuführen war. Wenn es sie nicht interessiert hätte, wie der Mann aussah, von dem Marlene erzählt hatte, dass er sie die ganze Zeit anstarrte, wäre das alles nicht passiert. Sie wäre nicht zum Händewaschen gegangen und hätte sich nicht nassgespritzt. Und sie hätte nicht ihre Bluse ausziehen müssen, um sie zu trocknen. Ich hab’s aber getan und sie hektisch unter den Rock gestopft. Dabei muss es passiert sein, dass der Unterrock so weit runterrutschte, dass er… Schrecklich. Und nur, weil ich Angst hatte, er könnte schon weg sein. Warum? Und wenn schon. Ich hab doch gar kein Interesse… Und ein solch schöner Mann an mir? Wohl erst recht nicht. Nein? Ist ja auch egal. Wirklich? Warum hab ich mich eigentlich umgedreht? Weil Marlene sagte, ich soll mich bei ihm für den Cocktail bedanken. Und dann hab ich das Glas mit meinen Fingern umgestoßen. Blöde Bloody Mary. Hätte er nicht etwas anderes bestellen können? Einen Mai Thai – ein Glas Weißwein…, oder sonst was.
„Kommen Sie allein zurecht?“
„Ähm… ja. Ja, klar. Vielen Dank für die Hilfe.“
„Ich geh denn jetzt.“ Heidi spülte die gewaschenen Stellen vorsichtig ab und hielt sie vor den Händetrockner.



„Und Heide ist Ihre Schwester…?“
„Heidi. Ja… Ich meinte nein. Nein, Heidi ist meine Freundin…“
„Sie sind beide sehr schön“
Ich auch? „Danke…“ Du bist aber auch ein schöner Mann. Heidi, wo bleibst du, verdammt noch mal.
„Wie ist Ihr Name?“
„Mein Name…? Marlene Schulze.“
„Nice.“
„Und wie heißen Sie?
„Mark…“
„Und weiter?“
„Cunningham. Mark Cunningham…“
„Ein schöner Name.“ Und ein schöner Mann.
„Dafür kann ich nichts. Und Ihre Freundin, die Heide… Hat sie große Probleme?“
„Warum? Ja…, hat sie… Sie hat… Sie hatte… Sie haben bestimmt mitgekriegt, dass…, dass… Naja, ihr Rock. Sie hat Probleme…“ Was erzählst du bloß für einen Blödsinn. Heidi, wo bleibst du, verdammt noch mal. Lass mich doch hier nicht allein.
„Sie ist ein kleines bisschen crazy…“
„Eigentlich ist sie wirklich ganz okay… Das heute mit ihrem…, ähm…, Unterrock…, der…“
„Es sah ganz interessant aus…“
„Interessant?“
„Yes. So charming.“
„Was? Ach so… Wirklich?“
„Ja.“
„Sie trägt immer so einen…“
„Immer so einen…?
„Unter all ihren Kleidern und Röcken.“
„Ah! Really charming.“
„Aber das heute…, das heute… Das passiert ihr sonst nie. Fast nie.“
„Nice…“
„Heidi?“
„Absolute… Sie beide.“
„Danke. Ich geh mal kurz… nach ihr sehen. Komme gleich wieder.“
„Fine.“

Marlene traf ihre Freundin, wie die gerade dabei war, die Bluse überzuziehen. „Was machst du denn so lange hier drinnen?“
„Marlene, hast du mich erschreckt…“
„Bist du wieder okay? Deine Knie sehen ja gefährlich aus.“
„Meine Knie? Das wird schon wieder…“
„Und sonst? Geht’s…?“
„Naja, so einigermaßen. Ist er noch da?“
„Wer? Der Traumboy? Ja… Er sitzt an unserem Tisch…“
„Was?“ Auch das noch.
„Wir haben uns ganz ausgezeichnet unterhalten…“
„Worüber?“
„Über dich…“
„Über mich?“
„Ja. Und über deine Unterröcke…“
„Was?“ Das darf doch alles nicht wahr sein.
„Sagte ich eben…“
„Du willst mir doch nicht weismachen, dass ihr euch über meinen Unterrock unterhalten habt…“
„Doch...“
„Doch?“
„Du hast ihn ja allen gezeigt…“
„Übertreibst du nicht ein bisschen?“
„Nein! Heidi, du hast vielleicht eine delikate Nummer hier abgezogen…“
„Eine delikate Nummer…? Mir ist das alles schrecklich peinlich… Ich fühle mich schrecklich blamiert.“
„Das glaub ich dir. Er mag aber anscheinend Unterröcke.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil er ständig davon sprach…“
„Wirklich?“
„Ja… Er benutzte den Ausdruck charming…“
„Wie peinlich.“ Heidi stieg in ihren Rock und ließ sich von Marlene bestätigen, dass diesmal alles korrekt war.
„Komm jetzt.“
„Ich möchte am liebsten hierbleiben.“
„Gut, dann gehe ich alleine. Zu Mark.“
„Mark?“
„Ja. So heißt er.“
„Ach ne…, du kennst schon seinen Namen…“
„Und seinen Nachnamen… Cunningham…“
„Mark Cunningham…“ Heidi ließ den Namen zwischen den Lippen zergehen wie zartschmelzende Eiskrem. „Und…, ist er nett?“
„Und wie!“
„Wie du das sagst…“
„Eifersüchtig?“
„Warum sollte ich?“ Heidi blickte Marlene leicht schnippisch an. „Ich bin schließlich schon vergeben…“
„Dann kann ich ja mit ihm…“
„Natürlich. Gern. Klar.“
„Jetzt komm aber.“ Schweren Herzens folgte sie ihrer Freundin.

Heidi sah, wie Mark schmunzelte. Und wie er einen Teil seines Blickes an ihren Rocksaum heftete. Du kannst gucken, soviel du willst, diesmal gibt’s nichts zu sehen. Ende der Vorstellung. Marlene, die vorangegangen war, nahm auf der Bank neben Mark Platz. Heidi war es unangenehm, diesen Augen nun gegenüberzusitzen. Und diese Augen fraßen sie buchstäblich. Ließen ihre letzten klaren Gedanken quasi auflösen. Nachdem er sich vorgestellt hatte, fragte er, was sie mit ihren Knien gemacht hatte.
„Ach, die… Als ich die Türklinke in die Hand nahm, ging sie auf…“
„Yes“, nickte ihr Gegenüber.“
„Ich meinte, sie ist von innen… Da stand… Da war eine Frau…, da drinnen. Die wollte die Tür gerade in dem Moment… Jedenfalls lag ich plötzlich auf den Fliesen… Und die Fugen, die haben…“
„Schlimm? Tut’s sehr weh?“
„Nein! Natürlich nicht.“ Heidi durchzog bei den Worten ein brennender Schmerz.
„Sie sind so tapfer…“
„Lappalien.“ Was bleibt mir auch anderes übrig.
„Marlen sagte mir, dass Sie den Cocktail mögen…“
„Ähm… Ja, natürlich… Sorry.“ Heidi nahm das Glas fest in die Hand und prostete ihm und Marlene zu.
„Und dass Sie aus Germany kommen.“
„Ja…, ja. Das stimmt.“ Und was hat sie dir sonst noch alles erzählt?
Als hätte er Heidis Gedanken gelesen, teilte er ihr mit, dass Marlene ihm einiges erzählt hatte. Er kannte unter anderem die Gründe für deren Aufenthalte. „Marlen sagte, dass Sie beide ein Jahr in Florida bleiben.“
„Ein Jahr. Ja. Das ist richtig…“
„Und was machen Sie abends, wenn Sie sich nicht gerade mit Wasser… Sie wissen schon…“ Heidi konnte mit der Frage nicht viel anfangen. Sie wusste nicht, was er damit bezweckte. Daher überlegte sie, um nichts Falsches zu sagen. Marlene zuckte mit den Schultern. Da sie dem Sinn nach verstanden hatte, was sie gemacht hatten, bevor sie ins Restaurant gekommen waren, sagte sie: „Wir haben uns vorhin die Catfight-Sendung im Fernsehen angesehen.“
„Marlene!“
„Wieso? Das stimmt doch…“
„Marlen, das hab ich mir auch schon angeschaut… Sehr oft sogar.“
„Wirklich?“
„Ja, it’s very interesting…“
„Fanden wir auch.“
„Irgendwann heute Abend zeigt ein anderer Sender noch mehr Catfights… Ich hab vergessen, welcher…“

Heidi hörte zu, wie ihre Freundin sich mit Mark ausführlich über das Thema unterhielt. Und wie sein Interesse daran nicht gespielt schien. Ihr war es recht, dass sie bei dem Gespräch erst einmal draußen war. Sie nippte am Cocktail und tat gelangweilt.

Marlene erzählte von einigen Kämpfen und deren Resultaten. „Die haben heute Abend sogar eine disqualifiziert. Solch ein Busenwunder hat gewonnen, obwohl die klar die Hucke vollgekriegt hat.“
„Ja, das wird schon mal gemacht, weil die Jury ein Gespür dafür hat, wen das Publikum siegen sehen will.“
„Dann wird dabei geschoben?“
„Hin und wieder schon.“
„Und ich wollte dabei auch mal mitmachen…“
„Marlen? Wirklich?“
„Ja, warum denn nicht?“
„Sind Sie denn gar nicht ängstlich?“
„Mark, was ich bislang gesehen habe… Da mach ich mir keine Sorgen.“
„Aber Sie sind nicht so…“
„Nicht so… Wie bin ich nicht?“
„Sie sehen nicht so athletisch aus…“
„Lassen Sie sich nicht täuschen…“
„Haben Sie so etwas denn schon mal gemacht?“
„Ja.“ Heidi ahnte, was jetzt kommen würde. Das weitere Gespräch würde sich nahtlos in die Pannen des heutigen Abends einreihen.
„In Germany?“
„Ja.“
„Im Fernsehen?“
„Nein“, lachte Marlene, „solche Sendungen gibt’s bei uns nicht.“
„Nein? Warum nicht?“
„Das weiß ich nicht. Aber das wäre bei uns unmöglich.“
„Schade…“
„Ja.“
„In der Schule?“
„Was?“
„Haben Sie mal in der Schule gefightet?“
„Auch nicht.“ Marlene zeigte mit dem Finger auf Heidi.
„Mit ihr? Mit Heide?“
„Ja, mit Heidi.“
„Und?“
„Was und?“
„Nun, da haben Sie doch ganz sicherlich verloren?“

Fortsetzung folgt

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