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Begegnungen
Eine unglaubliche Geschichte aus Thailand
© Joicey McDonald 03/2010


Die silberne DC 10 der Condor setzte auf dem Bangkok International Airport erstaunlich sanft auf. So butterweich, dass viele der Passagiere spontan Beifall klatschten. Als Flugerfahrener schloß ich mich der, in meinen Augen, albernen Marotte natürlich nicht an. Ich will damit sagen, wenn ich beispielsweise zum Bäcker gehe und der mir frische, leckere Brötchen verkauft, dann klatsche ich doch auch nicht – oder?

Nachdem ich das übliche Procedere hinter mich gebracht und mit meinem Koffer den Zoll passiert hatte, entdeckte ich die Reiseleitung, die mit hochgehaltenen Tafeln auf sich aufmerksam machte. Als dann alle fünf Gäste beisammen waren, ging der Transfer nach Pattaya los. Auf mir lag eine bleischwere Müdigkeit. Die 15stündige Reisezeit inklusive der Zwischenlandung in Sharjah nagte an mir, wie  ein wasserloser Kamelritt durch die Wüste. Um genau 20:30 Uhr setzte sich der kleine Reisebus in südlicher Richtung in Bewegung. Und genau mit Beginn dieser Weiterbeförderung fing es an zu regnen. Regnen? Sintflutartig prasselte der Tropenregen auf das Dach des Transporters.

Da uns der Wolkenbruch bis nach Pattaya begleitete, kamen wir erst kurz nach Mitternacht in unserem Hotel an. An Schlaf war während der Fahrt nicht zu denken, denn ich fuhr in Gedanken ja selber. Achtung Gegenverkehr, geschafft. Nicht so schnell, da kommt, glaube ich, eine Kurve.

Ich checkte im Hotel ein und bezog mein Zimmer. Mit offenem Mund bestaunte ich die als riesig zu bezeichnende Unterkunft. Hier würde ich es während der vierzehn Tage prima aushalten. Von der Anlage des Wongamat Hotels konnte ich mir noch kein Bild machen, ich war ja froh, im Trockenen zu sein. Nachdem ich die Minibar inspizierte und mich für ein Shinga Bier entschied, legte ich mich todmüde, aber glücklich ins überdimensional große Bett.

Nachdem ich gut ausgeschlafen und mit frischen Augen und hungrigem Magen gefrühstückt hatte, erkundete ich am nächsten Morgen die Anlage. Alles war mindestens so schön wie im Prospekt, den ich wochenlang gewälzt hatte. Und ich war mir sicher, das war genau das, was ich gesucht hatte. Was ich brauchte. Am Nachmittag ging ich zu Fuß nach Pattaya rein. Dutzende Male kamen mir hupende Taxis entgegen und animierten mich zum Mitfahren. Das Wetter war schön und gesessen hatte ich im Flieger ja lange genug. Ich bummelte lieber und sah mir dabei die fremde, exotische Welt in Ruhe an.

Bereits am späten Nachmittag rüsteten die unzähligen Bars für den bevorstehenden Abend und die Nacht. Von der „Pattaya Beach Road“ zweigten massenhaft Seitenstraßen ab, die in die nächste größere „Pattaya 2 Road“ mündeten. In einer der Querstraßen stand ein Boxring. Auf einem der dort angebrachten Plakate las ich, dass ab 20 Uhr hier Kickboxen stattfindet. Da es sich um den Beginn eines mehrtägigen internationalen Turniers handelte, nahm ich mir vor, nach dem Essen, hier noch einmal vorbeizuschauen. Danach setzte ich mich an eine der vielen Bars, die zur Straßenseite hin offen waren. Genüßlich verzehrte ich ein Shinga und beobachtete das unglaubliche Treiben auf der Straße. Von einer der fahrbaren Garküchen bestellte ich mir etwas Undefinierbares zum Essen. Der pikante, süßsaure Snack ähnelte der einer großen Frühlingsrolle und mundete mir vorzüglich. Ich sah auf meine Armbanduhr und stellte erstaunt fest, dass es schon weit nach 20 Uhr war.

Nachdem ich gezahlt hatte, ging ich zu der Straße, wo dieser Thai Kick-Box-Abend veranstaltet werden sollte. Nach anfänglichen Umwegen, ich hatte mich doch glatt  verlaufen, fand ich mich eine Stunde später als geplant dort ein. An einen Sitzplatz um den Ring herum war nicht zu denken, und so betrachtete ich die ersten Kämpfe stehend. Die Jugend war dran und mit viel Enthusiasmus betrieben die Jungen ihren asiatischen Kampfsport. Zwischendurch versuchten sich auch junge Mädels zu besiegen. Das Engagement war genauso bemerkenswert, wie beim anderen Geschlecht. Vielleicht sogar noch ein bisschen verbissener. Aber mir begann dieser, allerdings recht harte Kampfsport, zu gefallen.

Die Altersstufe nahm mit der Zeit zu, ich fieberte häufig mit und hatte die Gegenwart völlig vergessen. Aber ich hatte ja auch Urlaub. Außerdem hatte ich zwischenzeitlich einen freigewordenen Sitzplatz in der ersten Reihe ergattert. Gegen 22 Uhr waren dann die jungen Männer um Mitte 20 dran. Da wurde es schon verwegener. Immer im Wechsel betraten dann die Mädels, eigentlich schon richtige Frauen, den Ring. Auch hier bemerkte ich einen Unterschied zu dem jüngeren Jahrgang. Es war kurz nach Mitternacht, als ich vorhatte, ein Taxi zu nehmen, um ins Hotel zu fahren, denn der Zeitunterschied machte mir noch ziemlich zu schaffen. In den Ring kletterten gerade zwei außergewöhnlich schöne Ladies. Ich entschied zu bleiben, um mir noch diesen Kampf anzusehen, denn er wurde als Fight des Abends angekündigt. Und er war Bestandteil eines Turniers, das nach den Muay Thai Regeln ausgetragen wurden. Das Turnier galt als sehr traditionsreich, und es wurde seit vielen Jahren auf den Straßen von Pattaya, und nicht in den Stadien Bangkoks ausgetragen. Ein ganzes Sponsoring hatte dafür gesorgt, dass dieses Turnier auf den Straßen von Pattaya blieb.

Sabai wurde vorgestellt, sie kam aus Thailand. Ihre Gegnerin, eine Blondine, als „Maya“ aus Deutschland. Sie war die Turnier-Siegerin der letzten vier Jahre und galt auch in diesem Jahr als klare Favoritin. Ich war verblüfft, eine Deutsche hier in Thailand im Boxring kämpfen zu sehen. Natürlich wusste ich sofort, wem ich die Daumen zu drücken hatte. Aber die Blonde mit den leuchtend blauen Augen hatte von Beginn an nicht viel zu melden. Sabai war in allen Aktionen den entscheidenden Moment schneller und wirkte auch athletischer. Mayas Oberschenkel und Waden waren bereits nach zwei Runden gezeichnet mit furchterregenden, blutunterlaufenen Striemen, die von den kräftigen Tritten ihrer Gegnerin herrührten. Nach einem erneuten kraftvollen und blitzartig ausgeführten Round-Kick an den Kopf ging die total überforderte Maya Ende der dritten Runde zu Boden. Sie lag schwer atmend auf der Seite, während der Ringrichter erbarmungslos zählte. Ich nahm plötzlich wahr, dass sich unsere Blicke kreuzten. Und zwar sehr intensiv. Für einen kurzen Augenblick nur, aber lange genug, um zu erkennen, dass in diesem Blick so unendlich viel Leid steckte. Und dass ihr Blick mir etwas sagen wollte. Was? Ich wusste es nicht. Ich wusste ja nicht einmal, ob dieser Blick unwillkürlich oder durchdacht war. Jedenfalls wühlte mich dieser Blick auf, und traf mein Innerstes. Gedanklich bat ich, ja forderte ich sie auf, aufzustehen. Ich musste ihr den Entschluss eingehaucht haben, denn kurz darauf stand Maya  auf wackligen Beinen und erreichte somit das Ende der Runde. Als sie von ihrem Sekundanten versorgt wurde, neigte sie ihren schönen Kopf und blickte mich erneut an. Dieses Mal erkannte ich in ihrem Blick tiefe Lethargie. In mir war nur noch Konfusion. Intuitiv schüttelte ich den Kopf, wohl um Maya so ein Zeichen zu geben, aufzugeben. Sie sollte doch bitte kapitulieren, bevor schlimmeres passierte. Sie sprach irgendetwas zu ihrem Betreuer, der darauf unmissverständlich den Kopf schüttelte. Ich mutmaßte, dass sie ihn gebeten hatte, das Handtuch zu werfen, was er offensichtlich abgelehnt hatte. Der Gong zur vierten Runde ertönte und Maya ging zaghaft auf Sabai zu. Die übernahm aber sofort wieder die Initiative und bearbeitete die Deutsche gnadenlos mit gezielten Faustschlägen und Fußtritten. Schon nach wenigen Sekunden lag Maya abermals im Ringstaub. Diesmal wurde sie ausgezählt. Mein Mitgefühl war grenzenlos. Sie hatte auf dem Boden liegend wohl nicht mehr die Kraft gehabt, die Augen zu öffnen, um mich nochmals anzusehen. Das überwiegend thailändische Publikum johlte. Der schönen Maya halfen einige Offizielle wieder auf die wackligen Beine. Sie wirkte immer noch ziemlich benommen. Nachdenklich verließ ich dann den Ort.

Das Taxi brachte mich in gut zehn Minuten zum Hotel, wo ich meine Schlüssel von der Rezeption holte und auf mein Zimmer ging. Das Geschehene hatte mich ziemlich aufgewühlt, ja durcheinander gebracht. Gierig stürzte ich ein Shinga runter, um danach eine winzige Flasche Whisky aus der Minibar zu vertilgen. Ich tauschte meine lange Hose gegen eine Shorts und legte mich in vielen Gedanken versunken aufs Bett.

„Hallo Rainer.“
„Maya, was..., wie…, was machst du denn hier?“
„Ich habe gleich meinen Kampf.“
„Wieso? Du hast doch schon gekämpft.“
„Ich? Nein. Mein Kampf beginnt gleich.“
„Du hast aber doch verloren.“
„Ich verliere nie.“ Maya, die ein goldfarbenes Trikot anhatte und eine leuchtend rote kurze Satinhose darüber trug, stand auf einer schmalen Bühne, die von etlichen Scheinwerfern beleuchtet wurde. Als eine kurze Fanfare erklang, ging sie die Treppe vom Podium herunter. Nach einigen Schritten, die sie aufreizend galant hinter sich brachte, betrat sie den Ring. Bei der Vorstellung durch den Ringsprecher zwinkerte sie mir schelmisch mit den Augen zu. „Schau mich doch nicht so skeptisch an. Ich bin die Beste.“
Der Ringrichter gab den Kampf frei und ich hielt mir ängstlich die Hände vor die Augen.
„Sieh dir das an, es dauert wirklich nicht lange.“ Und in der Tat, der ungleiche Fight dauerte nicht lange. Maya besiegte ihre thailändische Gegnerin bereits in der ersten Runde.
„Siehst du? Es hat nicht lange gedauert.“

Schweißgebadet wachte ich auf. Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich mich befand. Nur langsam kam ich wieder zu mir, aber ich konnte die Situation nicht so richtig  einordnen. Es war 2:30 Uhr und ich genehmigte mir einen zweiten Whisky. Dabei sah ich aus dem Fenster auf das dunkel vor mir liegende Meer. Die fürchterliche Niederlage der echten Maya musste mir zugesetzt haben. Mehr, als ich es möglicherweise wahrhaben wollte.

Noch beim Frühstück, welches ich sehr spät einnahm, ertappte ich mich dabei, wie ich meinen Traum zu deuten versuchte. Für den Abend hatte ich vor, der berühmte Transvestiten – Show im „ALCAZAR“ einen Besuch abzustatten. Davor durchquerte ich die Stätte des gestrigen Abends und nahm zur Notiz, dass heute keine Kämpfe stattfanden.

Die Show der Transvestiten war sehr interessant, nur konnte ich nicht begreifen, dass das alles Männer sein sollten. Dass das Männer sind. Weit nach Mitternacht ging ich auf mein Zimmer, um in aller Ruhe ein Shinga zu trinken. Die Minibar hatte man wieder mit Whisky aufgefüllt und so legte ich mich entspannt aufs Bett.

„Hallo Rainer. Schön, dass du wieder da bist.“
„Guten Abend, Maya.“ Maya stand wieder auf der beleuchteten Bühne und sah hinreißend aus. Sie trug ein hellblaues, enganliegendes Trikot und darüber ein kurzes, weit ausladendes, dunkelblaues Röckchen. Ihre langen blonden Haare trug sie diesmal hochgesteckt.
„Ich habe gleich wieder einen Kampf. Willst du ihn dir ansehen?“
„Ja, Maya, aber nur wenn du mir versprichst, wieder zu gewinnen.“
„Das brauche ich dir nicht zu versprechen. Ich siege sowieso.“
„Viel Glück.“
„Paperlapp, viel Glück. Ich gewinne.“
„Gegen wen kämpfst du?“
„Gegen Natascha, eine Russin.“
„Oh, das wird schwierig.“
„Wird es nicht“, entgegnete Maya fast trotzig. Sie ging wieder die Treppe von der Bühne herunter und stieg in den Ring. Natascha sah schon ziemlich gefährlich aus und ich fing an, nervös zu werden. Allerdings musste die Russin in der ersten Runde auf die Bretter und ich atmete auf. Zu der zweiten Runde trat Natascha einfach nicht mehr an. Sie hatte genug. Mir ein zuversichtliches Augenzwinkern schenkend, verschwand Maya ebenso schlagartig, wie sie erschienen war.

Ich wachte auf. Was für ein Traum. Noch ganz im Banne der Illusion stand ich auf und ging auf den Balkon, wo mich eine drückende, schwüle Wand fast umwarf. Der Wind, der eigentlich den Namen nicht verdiente, kam träge aus dem Landesinneren und brachte keinerlei Erfrischung. Ich rieb mir die klatschnassen Haare aus dem Gesicht und zündete ein Zigarillo an. Ich musste an die Maya aus dem Traum denken. Sie sah genauso aus, wie die, die am ersten Abend so furchtbar entehrt worden war. Sie war ihr Spiegelbild. Was hatte das alles zu bedeuten?

Den gesamten Tag über hielt ich mich am hoteleigenen kleinen Strand auf. Um auf andere Gedanken zu kommen, ließ ich mich massieren, las in einem Buch und ging mehrmals ins Meer, um zu baden. Am Abend schlenderte ich wieder in die brodelnde Stadt, um natürlich den Ort des ersten Abends aufzusuchen. Schlagartig wurde ich aufgeregt, heute war wieder Kampftag. Das Turnier wurde fortgesetzt. Da es noch Zeit bis dahin war, ging ich eine Kleinigkeit essen und trank dazu mein inzwischen geliebtes Shinga.

Rechtzeitig, um ja noch einen Sitzplatz nahe beim Ring abzubekommen, fand ich mich dann dort wieder ein. In einer größeren Pause, nach den ersten Kämpfen, die wieder von den Jugendlichen bestritten wurden, besetzte ich meinen Platz mit einer leichten Jacke und versuchte einen Offiziellen der Turnierleitung zu erwischen. Als ich einen auffand, fragte ich den recht betagten Thai, ob er wisse, wie es der Maya ging, die vor zwei Tagen hier gekämpft und verloren hatte. Er erinnerte sich sofort und erzählte mir, dass sie die Siegerin der letzten vier Jahre gewesen sei. Er teilte mir ebenso mit, dass Maya auch in diesem Jahr zur Favoritin gezählt, aber einfach zu wenig trainiert hatte. Sie sei viel zu überheblich und sich ihrer Sache zu sicher gewesen. Er fügte schmunzelnd hinzu, dass auch er ihr diese Niederlage gegönnt hatte. Außerdem hatte das Volk ihr dieses Desaster gewünscht und sei nun restlos zufrieden. Maya sei ins Hochland gereist, um diese Blamage weit weg von hier zu verschmerzen.

Ich blieb, bis Sabai an der Reihe war. Sie verließ wieder als Siegerin den Ring und genoß erneut das Bad der jubelnden Menge. Danach, es war noch nicht einmal Mitternacht, fuhr ich mit einem Taxi ins Hotel. Ich war sehr neugierig, ob mich meine „Traum-Maya“ auch heute Nacht wieder besuchen würde. Genau wie die Abende vorher, zelebrierte ich mein Ritual und legte mich aufs Bett. Die schon obligate Flasche Shinga und der kleine Schluck Whisky taten mir gut und machten mich schläfrig.

„Schön, dass du wieder da bist.“
„Maya… Maya, musst du heute schon wieder antreten?“ Wir sahen uns tief in die Augen, dabei lächelte sie sanft.
„Ja, es sind noch sieben Kämpfe, bis ich wieder einmal Meisterin bin. Im Grunde könnten die mir diesen Titel schon jetzt aushändigen.“
„Wieso bist du dir deiner Sache so sicher?“
„Warum nicht? Hatte ich dir nicht bereits gesagt, dass ich einfach die Beste bin?“
„Ja, aber...“
„Nichts aber. Heute ist eine Französin dran. Die Kleine tut mir jetzt schon leid.“
„Maya, ich kann in nächsten zwei Tage nicht kommen.“
„Warum nicht? Ist es dir zu langweilig? Soll ich es ein bisschen spannender für dich machen?“
„Nein, nein. Bring es bitte schnell hinter dich, dann schonst du meine Nerven.“
„Wie süß von dir. Du brauchst dir aber wirklich keine Sorgen zu machen. Wo bist du denn die nächsten Tage?“
„Ich mach eine zweitägige Rundreise mit.“
„Wo bist du denn da genau?“
„In Bangkok. Von da aus geht es weiter in nordöstlicher Richtung. Ich weiß nicht genau, wohin noch.“
„Meine Mutter und ich wohnen in Buri Ram. Vielleicht besuchst du ja auch diese kleine aber schöne Stadt. Wenn, dann grüße alle von mir. Ich muß hier ja noch das langweilige Turnier zu Ende bringen.“ Maya ging die Treppen herunter, sie trug ein schneeweißes Trikot mit einer kurzen goldfarbenen Satinhose. Sie sah umwerfend aus und genauso benahm sie sich im Ring. Miriam, die etwas kleinere Französin ging in der ersten Runde zweimal zu Boden und wurde in der nächsten ausgezählt. Maya schickte mir eine Kusshand zu, wünschte mir viel Spaß auf der Rundreise und verschwand.

Wie die Abende vorher, wachte ich unmittelbar danach auf. Wieder ging ich auf den Balkon und zog Gedanken verloren an einem Zigarillo. Die echte Maya war Meisterin, konnte ihren Titel jedoch nicht verteidigen. Die „Traum-Maya“ war es auch, würde ihren Titel aber behalten. Es war schon verrückt, aber ich konnte mir auf alldem keinen vernünftigen Reim machen.

In Bangkok besuchte unsere Gruppe einige Tempelanlagen, fuhr mit dem Boot auf einem Klong und besichtigte die weltgrößte Krokodilfarm. Fakultativ wurde ein Ausflug mit dem Flugzeug angeboten. Diese Exkursion führte in die hochgelegenen Wälder um die Gegend von Buri Ram. Ehrensache, dass ich diese Stadt, in der Maya zu Hause war, sehen musste. Während wir zu dritt, mehr wollten den Ausflug nicht mitmachen, durch die Stadt fuhren, sah ich aufmerksam aus dem Fenster des Jeeps. Bei einem Halt, bei dem wir uns die Beine vertreten konnten, kaufte ich eine Zeitung. Schon auf der Titelseite sprang mir ein Bild von Maya entgegen. Maya lag seitlich auf dem Ringboden und sah direkt in das Objektiv des Fotografen, der dieses Bild aufgenommen hatte. Dieser Blick. Ich wurde schlagartig nervös. Es war derselbe apathische  Blick, mit dem sie mich vor Tagen angesehen hatte. Ich verglich ihn mit dem eines verwundeten Tieres. Den Text konnte ich nicht lesen, da er in der Landessprache geschrieben war. Aber erraten konnte ich ihn, es musste sich um den Sturz einer Heldin oder ähnlichem gehandelt haben. Hastig blätterte ich die Zeitung durch, bis ich den Sportteil gefunden hatte. Mein Gott, hier waren zwei Seiten davon, voll mit vielen Bildern von ihrem Niedergang. Sie, eine Deutsche, schien in dieser Gegend eine Art Mythos zu sein. Ich fragte den nächstbesten Thailänder, den ich traf und erkundigte mich nach Maya. Im perfekten Englisch fing er zu erzählen an. Sie war die Tochter eines deutschen Vaters und einer thailändischen Mutter. Maya war, nachdem sich die Eltern in Deutschland trennten, mit ihrer Mutter nach Thailand zurückgekehrt. Mit elf Jahren fing sie mit dem Thai-Boxen an, das hier auch bei Mädels sehr populär ist. Der Fahrer, der unsere kleine Gruppe fuhr, rief nach mir und bedeutete, dass die kleine Rast vorbei sei. Schnell fragte ich den Alten, wie es ihr ginge. Man habe sie seit ihrem Desaster nicht mehr gesehen, aber sie solle sich hier ganz in der Nähe aufhalten. Auch hätte sie vor, erzählte er weiter, in zirka einer Woche in Pattaya wieder einen Kampf zu bestreiten. Mehr zu sich sprechend, meinte der Alte abschließend, dass sie im Norden des Landes wie eine Göttin verehrt wurde. Und dass das Geschehene eine Tragödie für die gesamte Region sei. Danach rannte ich zum ungeduldig hupenden Fahrer. Während der Fahrt blickte ich kaum noch aus dem Fenster, immer wieder sah ich mir dieses eine Foto an. Das Bild mit ihrem Blick. Den Blick, mit dem auch sie mich angesehen, und mein Mitleid und meine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Den Blick, den sie im Wissen ihrer drohenden Niederlage gebraucht hatte. Der Blick, mit dem sie die ganze Welt anzusehen schien. Ich strich die ganze Welt aus meinem Gedächtnis und begrenzte Mayas Blick nur auf mich.

Die zweite Nacht verbrachte ich wieder in Bangkok. Da die „Traum-Maya“ mich wohl nur in Pattaya erreichen konnte, freute ich mich auf die morgige Heimfahrt dorthin, wo wir am späten Nachmittag eintrafen. Nachdem ich ins Meer ging, um zu schwimmen, machte ich mich für den Abend fertig. Ich ging den Weg zur Stadt wieder zu Fuß, und hatte abermals diverse Taxifahrer davon zu überzeugen, die Strecke lieber zu gehen. Das Turnier, das am Abend fortgesetzt wurde, sah ich mir selbstverständlich an, bis Sabai dran war. Die Bezwingerin von Maya setzte ihre Siegesserie fort und süchtig nach der imaginären Maya, fuhr ich gleich nach Beendigung des Kampfes ins Hotel.

Ich war gespannt, zu erfahren, ob meine andere Maya heute wieder erscheinen würde. Die meisten hatten gar keine, ich aber gleich zwei Mayas.

„Wie war dein Ausflug?“
„Hallo Maya, schön dich zu sehen. Es war alles ganz schön, nur ein bisschen anstrengend.“
„Warst du in Buri Ram?“
„Ja.“ Ich machte eine längere Pause, bevor ich weiter sprach. „Alle sind dort sehr traurig.“
„Warum?“
„Weil, weil du keine Meisterin mehr bist“, antwortete ich mutig und war gespannt auf ihre Reaktion. Sie führte die beiden Innenflächen ihrer Hände zusammen, wie es die Asiaten machen, um zu grüßen oder Ehrerbietung zu beweisen. Dabei lächelte sie mich von Mitleid erfüllt an.
„Hier steht die Meisterin. Was erzählst du für einen Unfug? Ich habe, während du weg warst, in zwei Fights nur drei Runden gebraucht. Ich bin die Beste, also was soll das?“
„Maya, ich weiß es nicht.“ Ich kam auf die Idee, die Zeitung zu holen. Als ich ihr die Titelseite hinhielt, fing sie an, laut und grell zu lachen.
„Was, wo steht etwas davon?“ Als ich einen prüfenden Blick darauf warf, traute ich meinen Augen nicht. Nichts, kein Bild von Maya. Als ich auf das Datum sah, verstand ich gar nichts mehr. Das Datum war vom Tag vor der Niederlage.
„Maya, vergiß es. Hast du heute...? Na du weißt schon.“
„Ja, Rainer. Heute wird eine Chinesin verspeist. Ann-Lee ist die Glückliche.“ Danach stolzierte sie mit erhobenem Haupt die Treppe runter und schritt die wenigen Meter zum Ring.
„Maya“, rief ich ihr hinterher, „viel Glück.“ Mit einem nie vorher gesehenen Augenaufschlag kokettierte sie mir zu und stieg in den Ring. Maya war unglaublich. Geradeso, als wolle sie mir meine Fehleinschätzung unmißverständlich nachweisen, fing sie an, die Chinesin zu beherrschen. Ann-Lee wurde schon in der ersten Runde ausgezählt. Ein kurzer aber sehr tiefer Blick von Maya traf mich fast so wie eine Pistolenkugel.

Ich lag wach auf meinem Bett. Das heißt, ich schlug die Augen auf, aber ich wusste im Moment nicht, wo ich mich befand. Nach einiger Zeit des Grübelns stand ich auf und wankte zum Fenster. Ich öffnete die Balkontür und trat in die stickige Nacht. Tropischer Regen prasselte senkrecht auf die Erde. Der Regen erfrischte nicht, er machte die Luft nur noch unerträglicher. Ich zündete mir ein Zigarillo an und holte die Zeitung. Das Bild von ihr, von Maya war wieder da und sah mich an. Sie sah mich an. Auf der Seite liegend. Auf dem Boden und auf der Seite liegend, sah sie mich an. Mit dem Blick vom ersten, vom allerersten Abend. Teilnahmslos, apathisch und mit dem Wissen ihrer Entthronung.

Am Tag unternahm ich eine Angeltour. Das Boot, welches langsam in Richtung einer Insel fuhr, diente dabei als Angelplatz. Sogar einen winzigen Hai zogen wir aus dem Wasser. Auf der Insel angekommen, wurde uns der Fang abgenommen, um in der Küche zubereitet zu werden. Später verzehrten wir die selbst gefangenen Fische direkt am kleinen Sandstrand. Es war ein launiger Ausflug, der nur bei der Heimfahrt getrübt wurde. Das recht kleine Boot geriet in ein ziemlich schweres Gewitter. Der „Kapitän“, ein unbedarfter junger Thai, blickte recht skeptisch auf das offene Meer, welches sich drohend und aufgewühlt vor uns auftat. Kein noch so kleines Fleckchen Land war in Sicht und ich hörte ihn leise fluchen. Nicht, dass ich dachte, es hätte meine letzte Stunde geschlagen und ich würde keine meiner Mayas mehr wiedersehen, aber risikoreich fand ich es schon. Viel später als geplant machten wir dann in der Nähe des Hotels fest.

Nach diesem Abenteuer verspürte ich keine Lust auf einen Besuch in Pattaya. Ich speiste im Restaurant des Hotels und ging zeitig auf mein Zimmer. Erstmals schaltete ich den Fernseher ein. Die Klimaanlage surrte leise vor sich hin, als ich die Nachrichten aus dem Inland sah. Sah, denn den Text dazu verstand ich nicht. Wie elektrisiert fuhr ich aus dem Sessel. Bilder von Maya. Von welcher? Meine inzwischen durchlebte Scheinwelt ließ mich für kurze Zeit in Ungewißheit. Seitlich, den Blick auf mich gerichtet, nur auf mich, sah sie aus wie ein Zebra oder ein anderes verängstigtes Beutetier, das den Löwen anfleht, schnell Schluss zu machen. Ich schaltete den Fernseher aus, denn ich hatte ja noch ein Meeting mit Maya.

„Hallo Rainer.“
„Schöne Maya“, antwortete ich recht nonchalant, „was beschert uns dieser Abend?“
„Ein Latino Girl aus Kuba.“
„Schwierig?“
„Esmeralda hat’s schon zweimal probiert, gegen mich zu gewinnen. Das Mädel ist nicht schlecht, aber mehr als drei Runden gebe ich ihr nicht.“
„Wenn du’s sagst. Übrigens, hast du überhaupt jemals verloren?“
„Das ist eine gute Frage. Vor vier Jahren, damals in Hua Hin, wurde ein Turnier gesteuert, besser gesagt manipuliert. Ich musste gegen eine betagte Lady von den Philippinen verlieren. Das war eigentlich unmöglich, aber ich hab mich dann in der letzten Runde auszählen lassen müssen.“
„Ging es um Manipulationen der Wetten?“, fragte ich Maya. Allerdings ohne besonderes Interesse, denn die Wahrheit war mir ziemlich egal.
„Der thailändische Verband wollte dem Philippinischen ein Gastgeschenk anbieten und ausgerechnet ich musste dran glauben. Ich, die Beste.“ Maya sah mich mit funkelnden, leuchtend blauen Augen an. Sie schien selbst bei der Erinnerung daran noch unerträgliche Reflexionen zu haben.
„Wir wohnten damals alle in demselben Hotel. Bei dem gemeinsamen Bankett, spät abends, war meine Niederlage das Gesprächsthema. Ausgerechnet ich, der Star der Thailänderinnen, das bis dahin ungeschlagene Aushängeschild,  hatte verloren und immer wieder musste ich erzählen, wie das passieren konnte. Ich kam mir dabei wie eine Versagerin vor und es war mir äußerst peinlich.“
„Du hast ihr diesen Triumph nicht gegönnt?“
„Triumph, pah… Nein. Ich bin spät am Abend in ihr Zimmer gegangen und habe sie zu einem privaten Duell gefordert. Nach gut einer Minute bat sie um Gnade.“
Maya musste in den Ring. Wieder zwinkerte sie mir kess zu und stolzierte von der Bühne. Der ungleiche Fight dauerte drei Runden, genau wie Maya prophezeit hatte, dann hatte Esmeralda genug und ließ sich auszählen.
„Bis morgen“, rief Maya mir zu und kurz darauf lag ich wieder wach auf meinem Bett. Dieser Traum schien mir noch intensiver als die vorhergegangenen. Nachdenklich stand ich auf und ging auf den Balkon, wo mich die drückende Schwüle der Nacht umklammerte, wie Mayas Dominanz ihre Gegnerrinnen.

Am nächsten Morgen buchte ich einen Fallschirmflug, den ich am frühen Nachmittag wahrnahm. Das Boot zog mich vom kleinen Strand aus in luftige Höhen und gleich einem Vogel konnte ich fast die gesamte Bucht überschauen. Es war schon ein unglaubliches Gefühl, welches ich vorher und auch nachher nie mehr so empfunden habe. Danach ging ich in die Stadt und schlenderte durch die Straßen. Erregt entdeckte ich eine Ankündigung, dass Maya am 16. November ein Comeback versuchen wollte. Einen Tag vor meiner Abreise, das beschäftigte mich sehr, und ich wusste, dass ich mir diesen Fight nicht entgehen lassen durfte. Drei Tage waren bis dahin noch Zeit. Früh ging ich ins Hotel, um dort zu Abend zu essen. Ich speiste Lobster, dabei schweiften meine Gedanken immer wieder zu meinen Nächten hier in Thailand. Besser gesagt, zu meinen Traumbegegnungen. Wie hatte ich das alles einzuordnen? Und ich freute mich auf diese Treffen mit Maya. War das der Beginn, schizophren zu werden? Ich hatte in der einen Woche, die ich jetzt hier war, keinen Menschen näher kennengelernt, einige kurze Gespräche ausgenommen. Ich lebte ja nur mit einer Figur aus meinen Träumen. Gründlicher überlegen, dass es diese Person ja auch substantiell gab, durfte ich nicht. Ich ließ es, da ich es ohnehin nicht begreifen würde.

Um auf andere Gedanken zu kommen, setzte ich mich auf einen Drink an die Bar. Die Aircondition war ziemlich kalt eingestellt, sodass ich zu frösteln begann. Ein jüngeres Ehepaar setze sich neben mich und es dauerte nicht lange, bis eine Unterhaltung zustande kam. Dabei stellte sich heraus, dass die Frau in derselben Stadt wie ich geboren und aufgewachsen war. Die beiden waren sehr sympathisch und bereits das siebte Mal in diesem Hotel. Sie waren aber auch sehr durstig. Immer wieder landete ein neuer Cocktail auf dem Tresen, so dass ich ziemlich angetrunken die Zeit vergaß. Mitten in unserem kleinen Gelage tranken wir dann auch noch Brüderschaft.  Es war bereits nach drei Uhr, als ich mich dann von Isabel und Dieter verabschiedete. Vorher  verabredeten wir uns noch für den morgigen Abend, um gemeinsam ins „ALCAZAR“ zu gehen.

„Mein Gott Rainer, wo bleibst du denn?“ Maya sah mich dabei traurig, aber auch ein wenig böse an.
„Entschuldigung Maya“, war alles, was mir einfiel.
„Wo warst du denn? Ich dachte, du kommst gar nicht mehr.“
„Ich habe nette Leute kennengelernt, da ist es eben ein bisschen später geworden.“ Sie stand auf der Bühne und sah hinreißend aus.
„Mußt du heute gar nicht...?“
„Schon erledigt. Auch ohne dich.“ Maya wirkte ziemlich ungehalten und ich bekam prompt Schuldgefühle.
„Du hast dich ja so fein gemacht“, sagte ich.
„Ich wollte mit dir ausgehen.“
„Mit mir ausgehen? Wohin?“
„Ins Shangri La. Komm jetzt, sonst lohnt sich das nicht mehr.“
„Du meinst ich soll...?“
„Nun komm schon.“
Ich ging auf sie zu und auf der Bühne angekommen, nahm sie mich in ihre Arme. Sie duftete betörend. Ich nahm an, dass es sich um Lotus oder Jasmin Duft handelte. Viel Ahnung von schönen Odeurs hatte ich ja nicht. Mit ihrem Auto fuhren wir in die Disco „Shangri La“ und verbrachten eine romantische Stunde, die jedoch viel zu schnell vorbei ging. Maya fragte mich danach, ob sie mir ihr Haus zeigen dürfe, was ich gerne annahm. An der anderen Seite der Bucht Pattayas hielt sie vor einem prächtigen Haus, das eher einer Villa ähnelte. Sie bat mich herein, wo mich augenblicklich eine angenehme Kühle umgab. Maya bedeutete mir, auf einem der riesigen Polster Platz zu nehmen, während sie dabei war, uns zwei Drinks zu mixen. Ich beobachtete sie währenddessen und nahm war, dass ihre Bewegungen äußerst anmutend und geschmeidig waren. Aber ich glaubte auch zu bemerken, dass ein gewisser Stolz darin nicht abzuerkennen war. Ich entdeckte eine üppig geschnitzte Anrichte, auf der eine ganze Menge kleinerer und größerer Pokale aufgebaut waren. Darüber hingen gerahmte Bilder, auf denen Maya in Siegerpose in die Objektive lächelte.

Maya stellte die gefüllten Gläser auf den Tisch, setzte sich neben mich und prostete mir zu. Sie schlug ihre langen Beine übereinander, sodass ihr geschlitztes, seidenes Kleid eine fantastische aber gefährliche Ansicht offenbarte. Dieser Anblick und ihr hinreißender Duft berauschten mich. Machten mich fast wahnsinnig.
„Erzähl mir von dir“, sagte sie und holte mich aus meinen extravaganten Gedanken zurück.
„Was soll ich dir..........es gibt nicht viel von mir zu erzählen.“ Ich räusperte mich und antwortete, dass sie lieber von sich erzählen sollte, weil ich das viel interessanter fand. Maya stand auf und setzte sich kurz darauf mit einem Fotoalbum wieder neben mich. Ich erfuhr das, was ich längst wusste. Dass sie in Deutschland geboren wurde, später dann nach der Trennung ihrer Eltern mit ihrer Mutter nach Thailand ging, und mit elf Jahren mit dem Kickboxen anfing. Dabei zeigte sie mir Bilder aus ihren Kindertagen in Dortmund, sowie welche von ihrer sportlichen Aktivität. Obwohl sie schon als Teenager eine kleine Persönlichkeit war, gefielen mir die neueren Bilder viel besser.
„Wie alt bist du?“, fragte ich ziemlich dreist.
„Nächsten Monat werde ich vierundzwanzig, und du?“
„Einunddreißig“, antwortete ich, und verschwieg mein wahres Alter von 36, da man mich ohnehin immer für jünger hielt.

Maya legte ihren Arm über meine Schulter und rückte gefährlich nahe an mich heran. Ich ließ es geschehen und sah ihr tief in die Augen. Ihr wunderschönes Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. Behutsam näherten sich unsere Lippen auf denen Leidenschaft geschrieben stand. Eine Glut der Erregung erfasste mich, dann wurde es plötzlich Nacht.

Schweißüberströmt und mit offenen Augen lag ich auf meinem Bett, allerdings ohne genau zu wissen, wo ich war. Wo war Maya? Mein Kopf schmerzte und ich verspürte ein unbeschreibliches Durstgefühl. Ich weiß heute noch nicht, wie lange ich so auf dem Bett gelegen hatte. Als ich zum ersten Mal auf die Uhr sah, war es kurz vor fünf Uhr. Ich trottete ins Bad, stellte mich unter die Dusche und erfrischte mich mit kaltem Wasser. Ich sah in den Spiegel und bedauerte mein Gegenüber. Nachdem ich gierig eine Flasche kaltes Mineralwasser getrunken hatte, legte ich mich wieder schlafen. Traumlos wachte ich gegen 10 Uhr auf und fühlte mich etwas besser. Die Kopfschmerzen waren noch da. Für Spätaufsteher hatte man ein kleines Büfett direkt am Pool aufgebaut, wo ich mich gegen 11 Uhr einfand. Immer wieder suchten meine Gedanken Zusammenhänge mit dem Traum der vergangenen Nacht. Alles war so real. Fast greifbar. Dieser Traum war zweifellos der Höhepunkt aller bisher durchlebten. Was würde in den letzten vier verbleibenden Nächten noch alles passieren? Ich fand auf alle von mir gestellten Fragen keine Antworten und versuchte gewaltsam an andere Dinge zu denken. Mitten in meine Bemühungen hinein, traten die beiden Deutschen von gestern Abend an meinen Tisch. Ohne zu fragen, setzten sie sich auf die beiden freien Stühle und erkundigten sich vertraulich nach meinem Befinden. Da ich morgens nicht gerne redete, fielen meine Antworten entsprechend knapp aus.
„Oh, schau mal, Dieter, er hat das Zimmer 456. Das ist doch dein Schlüssel, oder, Rainer?“ Ich hatte meinen Zimmerschlüssel auf mein Zigarillo-Päckchen gelegt, wie ich es jeden Morgen tat.
„Ja, wieso, was ist damit?“ Dieter rückte näher zu mir heran.
„Du weißt nicht, was für eine prominente Person immer in diesem Zimmer wohnte?“
„Nein.“ Mir war’s auch ziemlich egal.
„Das war immer Mayas Zimmer. Jahrelang...“ Schlagartig war die Lethargie aus mir gewichen.
„Welche Maya?“, antwortete ich betont gelangweilt, obwohl es in mir hin und her wog. Natürlich musste ich mehr wissen.
„Maya, die Meisterin. Maya, die unglaubliche Kick-Boxerin. Sie hatte bis vor zwei Jahren immer im Zimmer 456 gewohnt, wenn hier in Pattaya das große Turnier stattfand. Nun hat sie sich vor einem Jahr an der gegenüberliegenden Bucht, unweit von hier, eine kleine Villa gebaut. Eigentlich schade, denn es war immer toll, mit ihr zu plaudern.“
„Ja, schade“, bestätigte Isabel.
„Rainer, du musst wissen, dass sie ein bildhübsches Mädel ist und alle Männer es gern hatten, wenn sie sich in diesem Hotel aufhielt.“
„Maya, ich hab schon einiges von ihr gehört“, mischte ich mich ein. „Ich glaube, sie kämpft in zwei oder drei Tagen hier in Pattaya.“
„Ja, das haben wir auch schon gehört“, ergriff Dieter wieder das Wort. „Wollen wir alle zusammen dort hingehen?“ Ich nickte stumm, war mir aber nicht sicher, ob ich das auch wirklich wollte.

Während der Unterhaltung bekam ich leichte Bauchschmerzen. Ich teilte den beiden dies mit und entschuldigte mich, weil ich das Verlangen hatte, auf mein Zimmer zu gehen.
„Isabel hat etwas in ihrer Reiseapotheke, sie bringt dir nachher etwas gegen deine Bauchschmerzen.“

Als ich auf dem Bett lag, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Alle drehten sich um Maya. Hatten meine Träume mit der Tatsache, dass sie einige Male in diesem Zimmer wohnte, zutun? Viel weiter kam ich mit meinen Überlegungen nicht, denn mir wurde zusehends unwohler. Fast fiebrig schlief ich ein und wachte immer nur für ganz kurze Augenblicke auf. In einem dieser Momente klopfte es auch an der Tür. Isabel und Dieter brachten mir Tabletten. Natürlich sagte ich den gemeinsamen Abend im „ALKAZAR“ ab, wofür die beiden auch Verständnis hatten.
Zwischen Fieberträumen und unklaren, wachen Momenten litt ich den gesamten Tag und die Nacht still vor mich hin. Erst am nächsten Morgen ging es mir etwas besser. Unter der Dusche fiel mir ein, dass ich in der Nacht gar kein Date mit Maya hatte. Ging es mir denn so schlecht?

Ziemlich geschwächt ging ich zum Frühstück. Ich trank eine Tasse Tee und aß ein winziges Stück Toastbrot, zu mehr war mein Körper noch nicht bereit. Unter Palmen, gut geschützt vor der Sonne, legte ich mich danach auf eine dick gepolsterte Liege. Halb dösend, halb wach liegend, verbrachte ich dort den Vormittag. Isabel und Dieter kamen währenddessen vorbei, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Sie erzählten mir, dass an der Küste zurzeit ein Virus wütete und ich mir den vermutlich eingefangen hatte. Als ich die beiden fragte, warum in der Hotelanlage ein für mich unerklärliches, reges Treiben herrschte, klärten sie mich auf, dass das die Vorbereitungen für Loy Krathong sei, welches morgen gefeiert werden soll. Der Rest des Tages verlief ereignislos. Immer noch unfähig, irgendetwas zu unternehmen, verrannen die Stunden. Auch die Nacht verbrachte ich annähernd traumlos. Das heißt, ich konnte Maya  schemenhaft, wie im dichten Nebel erahnen. Sekundenlang glaubte ich zu erkennen, wie sie mit beiden Armen winkte und mir dabei zulächelte.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie neugeboren. Mächtig hungrig machte ich mich ans Frühstücksbüfett. Isabel und Dieter zeigten sich darüber erleichtert und zu dritt spazierten wir durch die Hotelanlage und sahen zu, wie die Vorkehrungen zum Fest der Lichter vollzogen wurden. Die beiden, die dieses Fest schon mehrere Male erlebt hatten, schwärmten unaufhörlich davon. Sie machten mich richtig neugierig darauf. Beim Nachmittags-Kaffee fragten sie mich, ob es dabei bleibt und ich morgen Abend mitkommen wollte, wenn Maya ihr Comeback in Pattaya versucht. Ich sagte natürlich zu, denn insgeheim fieberte ich diesem Abend ja schon herbei.

Kurz nach dem Einsetzen der Dämmerung begann dann Loy Krathong, das Fest der schwimmenden Lichter. Am Strand hatten sich unzählige Thais versammelt und ließen lotusförmige Schiffchen mit brennenden Kerzen, Räucherstäbchen und kleineren Münzen ins Wasser. Diese dienten als Opfergabe für die Wassergeister. Es war ein beindruckendes Bild, als Hunderte dieser aus Papier gefertigten Schiffchen in die Weite des Meeres trieben. Die Lichter der Kerzen, die hin und herwogten,  vermittelten mir ein märchenhaftes Bild, welches ich niemals vergessen werde.

Wir setzten uns nach dem Höhepunkt noch eine Weile an die Bar. Meine Erkrankung vorschiebend, verschwand ich zeitig, um in mein Zimmer zu gehen. Ich vollzog vorsichtshalber mein Ritual, trank ein Shinga und legte mich aufs Bett.

„Hallo Rainer, geht es dir wieder besser?“
„Ja, Maya. Woher weißt du?“
„Erinnerst du dich denn nicht mehr an den Abend bei mir zu Hause?“
„Doch...“
„Da fing es doch an. Schade, dass es dir nicht so gut ging, es wäre bestimmt noch sehr schön geworden.“
„Ach Maya...“
„So, heute noch die Mexikanerin vernaschen“, unterbrach sie mich, „und dann ist morgen das Finale.“
„Ich wünsch dir viel Glück, Maya.“
„Hm“, erwiderte sie und tippelte von der Bühne. Es war wieder einer dieser ungleichen Fights, der mitten in der dritten Runde plötzlich vorbei war. Maya zwinkerte mir mit einem Auge zu, und danach lag ich wach auf meinem Bett. Wie viele Male zuvor, ging ich auf den Balkon, um die Schwärze und die Ruhe der Nacht zu genießen, und über den Traum nachzudenken. Morgen ist mein letzter vollständiger Tag, dachte ich bedrückt, übermorgen irgendwann am Nachmittag startet der Transfer nach Bangkok. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass dann alles vorbei sein sollte. Ich ahnte auch, dass meine Nächte in Deutschland ohne Maya stattfinden würden, dass möglicherweise eine Zeit der Leere beginnen könnte. Ich ging zurück ins Zimmer und legte mich schlafen, denn am letzten Tag wollte ich gut ausgeruht sein.

Als ich am Morgen aus dem Zimmer trat, ließen gleißende Sonnenstrahlen meine Augen zu einem Spalt schließen. Der erdrückenden Schwüle war einer trockenen Hitze gewichen, die einlud zu einem Tag zwischen Liege und Ozean. Meine zwei deutschen Freunde waren auf einer halbtägigen Tour unterwegs und so genoß ich diese Stunden ohne Geschwätz. Kurz nach dem Nachmittags-Kaffee kehrten sie von ihrer Exkursion wieder ein und trafen mich auf der Liege dösend vor. Dieter sah bedeutungsvoll auf seine Uhr und schlug vor, rechtzeitig nach Pattaya zu fahren.
„Fahren? Wollen wir nicht lieber zu Fuß gehen?“, versuchte ich ihn zu überreden.
„Fühlst du dich denn schon wieder so fit?“
„Ich kann’s kaum erwarten, ein wenig zu gehen.“
Und so machten wir uns zu dritt auf den Weg. Dabei wurden die beiden nicht müde, mich auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam, die ich vorher nicht beachtet hatte. Gegen 18 Uhr trafen wir in der Straße ein, in der das Spektakel stattfinden sollte, und in der für mich eigentlich alles begann. Noch war hier allerdings nicht viel los, oder wies darauf hin, dass sich in gut drei Stunden ein Event ereignen würde, das die Menschen hier sicherlich erhitzte. Wir wurden bei unserer Standortbesichtigung von einem Offiziellen angesprochen, dass hier noch keine Zuschauer erbeten seien und außerdem für dieses Spektakel Eintritt zu zahlen sei. Da die Kasse erst in einer Stunde öffnete, schlug ich vor, dass ich hier vor dem Kassenhäuschen warten wollte, während die zwei etwas Essen oder Trinken gehen könnten. Nachdem mir die Freunde sagten, dass sie gleich in der ersten Querstraße einkehren würden, wartete ich und zündete mir ein Zigarillo an.

Schon 35 Minuten später wurde die Kasse geöffnet und so war es unkompliziert, drei Karten in der ersten Reihe zu beschaffen. Da die Plätze nummeriert waren, ging ich geradewegs zu dem Straßenlokal, in das Isabel und Dieter gehen wollten. Frohlockend hielt ich den beiden die Karten entgegen, setzte mich neben sie und bestellte ein Shinga.

Gegen 21 Uhr trafen wir erneut am Ort der Handlung ein. Erste unbedeutende Kämpfe waren bereits in Gange und kribbelig nahm ich neben meinen Freunden Platz. Ich war verblüfft, denn ich saß exakt auf dem gleichen Sitz, zu dem ich mich vor knapp zwei Wochen vorgekämpft hatte. Meine Unruhe stieg.

Kurz nach 22 Uhr begann dann eine monströse Vorstellung. Sabai, die neue Meisterin, wurde als Abgöttin und Protagonistin dieser Veranstaltung glorifiziert. Sie, die es gar nicht nötig gehabt hätte, eine Revanche zu geben, sich aber trotzdem dazu entschlossen hatte, wurde von den Massen bejubelt, obwohl noch nichts von ihr zu sehen war. Maya, als Herausforderin, bestieg, begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert, als erste den Ring. Ich kniff die Augen zu einem Schlitz zusammen, um Unähnlichkeiten auszumachen, die darauf hinwiesen, dass es sich um eine andere Maya handelte, als die in meinen Träumen. Es gab keine für mich erkennbaren Abweichungen. Diese Maya sah so aus, wie die, die ich aus meinen Träumen kannte.

Von tosendem Jubel begleitet betrat Sabai danach den Ring. Als sie den Zuschauern Kusshände zuwarf, brodelte die Masse. Die meisten hielt es nicht mehr auf den Sitzen, sie stiegen darauf und einstimmig fiel die Menge in rhythmische „Sabai-Sabai-Sabai“ Rufe. Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken, und das bei über 30 Grad. Die Vorstellung der beiden Kämpferinnen begann. Maya wurde als die Vorgängerin der „Größten“ präsentiert und musste abermals lautstarke Pfiffe erdulden. Unbeherrscht schrie ich ihren Namen und spürte augenblicklich mehrere hundert Blicke auf mich gerichtet. Isabel und Dieter machten es mir nach, aber die Erwiderung ließ nicht lange auf sich warten. Natürlich hatten wir keine Chance, gegen die deutliche Mehrheit der Einheimischen anzukommen.

Die Kontrahentinnen betraten zur kreischenden Musik den Ring. Die Meisterin wurde zuerst vorgestellt. Ein Fahnenmeer, vermengt mit dröhnenden Sabai Rufen tauchten den Ort in einen Hexenkessel, unvorstellbaren Formats. Alle Thais formten eine Faust und zeigten mit den Daumen nach oben. Parallel dazu wurden auf einer über dem Ring angebrachten Leinwand die Schlüsselszenen des letzten Fights gezeigt. Maya lag auf der Seite auf dem Ringboden und blickte teilnahmslos ins Leere.  Dieser Blick. Das Brodeln erreichte seinen Höhepunkt. Ich empfand diese gezeigten Bilder als unfair und rücksichtslos gegenüber Maya.

Der Ring leerte sich, das Spektakel stand kurz bevor. Sabai trug ein goldfarbenes Trikot, mit gleichfarbiger Shorts. Maya hatte sich für die Farbe Grün entschieden. Die Farbe der Hoffnung? Der Ringsprecher erklärte noch mal, worum es in diesem Kampf ging. Sabai gab ihrer Vorgängerin eine Revanche, in der es um eine freiwillige Titelverteidigung geht. Dann ertönte drohend und laut der Gong zur ersten Runde. Ich ertappte mich dabei, wie meine Beine unruhig hin und her wippten.

Vorsichtig kam Maya aus ihrer Ecke, während Sabai despektierlich ihre Arme ohne Deckung nach unten baumeln ließ. Blitzschnell hatte sich Maya gedreht und mit dem rechten Fuß einen Angriff simuliert. Sabai reagierte vorsichtig, sie nahm ihre Deckung nun auch hoch. Beide standen sich ziemlich nahe gegenüber, ohne dass die eine oder andere dabei größere Aktivität zeigte. Wie aus heiterem Himmel schoss Mayas rechte Faust vor und stieß exakt in eine kleine Lücke. Es schlug ein in Sabais Gesicht. Die sitzenden und stehenden Zuschauer stöhnten geräuschvoll. Sabai stolperte einige Schritte zurück, bis in die Ringseile. Maya setzte nach und bearbeitete die Waden ihrer Gegnerin mit gezielten Fußtritten. Wir drei johlten frivol. Viel mehr passierte in dieser ersten Runde nicht, in der ich Maya nach Punkten leicht vorne sah.

Zu Beginn der zweiten Runde wurde Sabai dann aktiver, ohne jedoch besondere Vorteile daraus zu erarbeiten, denn Mayas Deckung war ungleich besser als im ersten Fight. Erst als die Herausforderin eine Ellenbogen-Attacke erfolgreich zu Ende brachte und Sabai Trefferwirkung zeigte, hatte ich den Beweis, dass Maya ihren Titel unbedingt wiederhaben wollte. Ein anschließender Round-Kick Sabais, erschütterte Maya und ließ mich wieder bangen. Ich denke, dass man diese Runde unentschieden werten konnte.

In der dritten Runde, die zunächst wieder ausgeglichen war, versuchte Maya einen Round-Kick. Ihr Rundumschlag mit dem ausgestreckten Fuß misslang, sie verfehlte Sabai nur knapp. Die nutze die kurze Zeit nach Beendigung der gescheiterten Aktion und landete eine knallharte und präzise Rechte an das Kinn der Herausforderin. Mir wurde heiß, denn Maya landete auf dem Ringboden und wurde angezählt. Das Volk tobte. Maya atmete tief durch. In ihrem Blick erkannte ich jedoch Entschlossenheit. Sie stand Gott sei Dank wieder auf und machte mit eindeutigen Gesten klar, dass sie wohlauf sei. Ich vermutete aber, dass sie schon beeindruckt war. In der Pause, in der ich meine (meine?) Maya genau beobachtete, atmete sie ziemlich tief. Dann traf mich unvermittelt ein Blick von ihr. Mayas leuchtend blaue Augen sahen mich den Bruchteil einer Sekunde an. Und ich diagnostizierte diesen Blick, er war nicht leer, nicht teilnahmslos, wie vor knapp zwei Wochen. Er war entschlossen. Fest und zuversichtlich. Dennoch war das eine Runde für die Thailänderin.

In der vierten Runde war Sabai die eindeutig bessere Kämpferin. Sie marschierte nach vorne, ohne dass Maya dagegenhalten konnte. Ich hatte einige Male Angst um sie, denn Maya wirkte in dieser Runde kraftlos. Ihr langer blonder Zopf, nur noch locker von grünen Schleifenbändern gehalten, geriet in Unordnung. Einem von Sabai angesetzten Fußfeger und einer anschließenden Knie-Attacke, die Mayas kurze Rippen trafen, besiegelten diese Runde. Die Blonde ging laut aufschreiend auf die Bretter. Als sie mit gequälten Gesichtszügen aufgestanden war und sich der Referee nach deren Befinden erkundigte, kam der Gong. Ich denke, dass Maya in dieser Runde keine weiteren 60 Sekunden durchgehalten hätte. Nun hoffte ich auf rasche Genesung, aber Punkten lag Sabai nun klar vorne.

„Packt sie’s noch?“, fragte ich in der Pause die beiden.
„Ich weiß nicht. Sabai scheint zu stark“, antwortete Dieter.
„Du magst sie?“, fragte Isabel fast gleichzeitig.
„Ja, und wie!“
„Sie ist hier aber nicht besonders beliebt.“
„Weil sie keine reinrassige Thailänderin ist?“
„Ja.“

Jubelgesänge der Thais begleiteten die ersten Sekunden der fünften und letzten Runde.  Sabai übernahm sofort die Initiative. Sie drängte Maya in die Seile und bearbeitete sie mit vielen Aktionen. Ich biss mir aufgeregt auf die Zunge und schrie unwillkürlich „Aua.“ Erst als Maya diese Angriffslawine überstanden hatte, atmete ich etwas entspannter durch. Maya gelang es, sich aus der gefährlichen Ringposition zu befreien und Sabai in die Ringmitte zu treiben. Und dann setzte Maya plötzlich zu einem Round-Kick an. Die Seite ihres Fußes hämmerte regelrecht auf den Brustkasten ihrer Gegnerin. Sabai schien nicht nur beeindruckt, sie war erschüttert. Bis auf ein vereinzeltes Aufstöhnen war es Mucksmäuse still um mich. Ich presste mich auf meinen Sitz und umklammerte mit meinen Fingern die Stuhlunterkante. Noch während Sabai probierte, den gezielten Angriff zu verarbeiten, hatte Maya sich ihr  genähert. Sie setzte zur Knie-Attacke an und rammte diese erneut an deren Brustkorb. Sabai gluckste kurz, und fiel dann vornüber zu Boden. Ich kniff mir fest in den Arm. War das wieder einer meiner Träume? Nein, das Zwicken tat weh. Es war kein Traum. Sabai wurde angezählt. Ich hörte, wie das Publikum stöhnte. Sabai erhob sich, kurz bevor der Referee  sie ausgezählt hatte. Er sah ihr in die Augen und fragte, ob sie weitermachen könne. Sabai schüttelte mit dem Kopf und reichte ihrer Bezwingerin weinend die Hand. Maya umarmte die Besiegte und schickte Kusshändchen ins Publikum. Möglicherweise war es Einbildung, aber mir war, als schenkte sie mir für einen kurzen Augenblick einen listigen Augenaufschlag. Danach sah ich mich um, betretenes Schweigen hatte die tumultähnliche Szenerie abgelöst. Bestenfalls ein kurzzeitiges Raunen konnte ich wahrnehmen. Viele Thais standen auf und schlurften stumm in allen Richtungen davon.

Im Ring wurde das offizielle Ergebnis bekannt gegeben. Maya lächelte erschöpft, aber glücklich, während Sabai ihre Besiegung nicht fassen konnte. Mit Tränen in den Augen ließ sie sich von ihrem Betreuer in den Arm nehmen und trösten. So gut es eben ging. Maya warf uns (mir?) Kusshändchen zu, denn wir schienen hier die einzigen Anhänger von ihr zu sein. Als die neue Meisterin den Ring verließ, drehte sie kurz den Kopf und sah mich an. Ein Augenaufschlag kurz nur, aber real, und es traf und elektrisierte mich.

Dann kehrte eine Art endgültige Ruhe an diesen Ort zurück und auch wir gingen. In der nächstbesten Bar tranken wir ein Shinga und analysierten noch einmal den Kampf. Isabel machte aus ihrer Verwunderung darüber, dass ich mich während des Fights so engagiert gezeigt hatte, kein Geheimnis. Auf ihre vielen Fragen gab ich immer nur zu verstehen, dass meine gezeigten Sympathien für Maya mit ihrer Herkunft zu tun hatte. Ich konnte im Nachhinein natürlich nicht zugeben, dass ich bereits den ersten Kampf gesehen hatte, und von meinen Träumen wollte ich erst recht nichts erzählen. Wir ließen uns ins Hotel fahren, wo wir kurz vor Mitternacht eintrafen. Dieters Frage, ob ich noch mit an die Bar käme, verneinte ich mit der Notlüge, dass mir mein Magen wieder etwas Probleme bereitete.

Mit besten Genesungswünschen verabschiedeten mich Isabel und Dieter, ich sah zu, dass ich schnell auf mein Zimmer kam. Mein obligates Shinga stand halb geleert auf dem Nachttisch, während ich schläfrig die Augen schloß.

„Ich dachte, du kommst heute gar nicht mehr“, begrüßte mich Maya leicht melancholisch.
„Warum sollte ich nicht?“, entgegnete ich mit einer Gegenfrage.
„Heute ist mein Tag. Heute werde ich wieder Meisterin.“
„Maya, du siehst wunderschön aus.“ Und in der Tat, sie trug ein recht kurzes rosafarbenes Satin-Höschen mit enganliegendem, schwarzem Oberteil.
„Du hast solch ein Grinsen im Gesicht, freust du dich mit mir?“
„Wer ist deine Gegnerin?“
„Eine Schwedin, ich glaube Sandra oder so...“
„Du kennst nicht mal ihren Namen?“
„Warum, ist doch auch nicht so wichtig. Allerhöchstens vier Runden gebe ich ihr.“
„Maya, warum bist du so hochnäsig?“
„Ach Rainer.“ Dabei atmete sie kurz ein und aus. „Es wird langweilig. Diesen Titel, dann den nächsten und so geht das immer weiter.“
„Dann mach doch Schluß. Reise durch die Welt und amüsier dich.“
„Du hast ja recht, nur da ist dieser Vertrag, er läuft noch drei Jahre.“
„Puh, das hab ich nicht gewußt.“ Maya, angestrahlt von den vielen Scheinwerfern, schritt aufrecht und stolz die Treppe herunter. Dieser Gang hatte schon etwas arrogantes, aber sie konnte es sich erlauben. Was ich bisher von ihr gesehen hatte, war brutal dominant.

Die beiden fast gleichgroßen, blonden Kontrahentinnen standen sich gegenüber, der Kampf war freigegeben. Die Schwedin, als Sonja und nicht als Sandra vorgestellt, hielt die Fäuste, die in roten Handschuhen steckten, sofort zu einer engmaschigen Deckung zusammen. Maya versuchte mit Bein- und Armkombinationen die blonde Gegnerin zu locken. Leichtfüßig tänzelte die jedoch um Maya herum und verteilte erste zaghafte Fußtritte an Mayas Schienbein und Wade. Eine gerade Faust, wie ein Florett gestoßen, traf Sonja mitten auf die Nase. Sie hatte für Sekundenbruchteile ihre Deckung geöffnet, was Maya sofort bestrafte. Die Schwedin taumelte einige Meter rückwärts in die Ringseile, während Maya sofort nachsetzte. Geschickt gelang es der Schwedin ihre Gegnerin zu clinchen. Die Runde ging mit ganz leichten Vorteilen für Maya relativ ereignislos zu Ende. Maya sah zu mir und zwinkerte wieder listig mit dem Auge.

Auch in der folgenden Runde gelang es Maya nicht, ihre gewohnte Überlegenheit zu demonstrieren. Ich hatte das Gefühl, dass sie mit der konzentriert  ausgeführten Deckungsarbeit Sonjas nicht zurechtkam. Als Maya zu einem Fußfeger ansetzte, fiel sie prompt auf ihr Hinterteil. Der Ringrichter wertete dies als Ausrutscher. Aber die Schwedin machte deutlich, dass sie eine Gegnerin war, die sich nicht so ohne Weiteres abschlachten ließ. Ich war sogar ein wenig gespannt darauf, wie es weitergehen würde, wenn es der Schwedin gelänge, den Fight länger offen zu gestalten. Die zweite Runde wertete ich unentschieden.

In der dritten Runde ließ Maya bewusst lässig ihre Arme nach unten baumeln, um so die Schwedin zu locken. Sonja ließ sich jedoch nicht provozieren, sondern blieb ihrer defensiven Taktik treu. Der Kampfstil der Schwedin erwies sich als unattraktiv, bislang aber effektiv. Kaum spürbar näherte sie sich Maya, die dies falsch einschätzte, oder nicht darauf eingehen wollte. Urplötzlich stieß Sonja eine linke vor, die mitten im Gesicht Mayas explodierte. Meine Maya knickte ein und ging in die Knie, kam aber sofort wieder hoch, um sich im Stehen anzählen zu lassen. Währenddessen lamentierte sie, dass sie nur ausgerutscht sei. Als der Ringrichter den Fight wieder freigab, lachte Maya ihre Gegnerin arrogant aus. Das wirkte natürlich unsportlich, was der Referee auch sofort beanstandete und sie ansprach, so etwas zu unterlassen. Maya, die nicht gewohnt war, angezählt zu werden, reagierte nun völlig falsch. Sie stürzte sich nun wütend auf Sonja und prügelte wild und unkonzentriert um sich. Die Schwedin behielt jedoch unterkühlt den Überblick und verstärkte ihr Tackling mit den Füßen. Maya, die wieder einmal eine rechte Faust ins Leere fliegen ließ, verlor bei einem Tritt von Sonja die Balance und kam ins Straucheln. Die Schwedin setzte sofort nach und verlagerte ihre Aktionen in die Fäuste. Ein wahres Trommelfeuer ging auf die blonde Maya nieder. Nach diversen Schlägen ging Maya erneut zu Boden. Was war hier denn los? Als die Meisterin wieder stand, ertönte der Gong. Maya blinzelte zu mir und flüsterte mir zu, dass die Schwedin dies in der nächsten Runde bitter bereuen würde.

Zu Beginn der vierten Runde versuchte Maya sich auf ihr Können zu besinnen. Ein Round-Kick verfehlte die Schwedin nur knapp. Danach setzte sie, meines Erachtens viel zu überstürzt, eine Knie-Attacke an, die Sonja jedoch ahnte und mit einer blitzschnellen und kraftvollen Geraden auf Mayas Stirn abschloss. Maya torkelte in die Seile, wo sie von Sonja gestellt wurde. Die Schwedin packte Mayas Kopf und drückte sie auf die Bretter, und der Referee begann sofort mit dem Zählen. Die Blonde kam ächzend wieder hoch, der Ringrichter gab den ungleich gewordenen Kampf wieder frei. Maya war erschüttert, denn nun war sie es, die sich hinter einer Doppeldeckung verschanzte. Sie hatte viel einstecken müssen und schien mir mit ihren Kräften ziemlich am Ende. Und dann traute ich meinen Augen nicht, Maya begann vor der Schwedin regelrecht davonzulaufen. Sonja trieb Maya nun vor sich her, und wollte dem Ganzen nun ein Ende bereiten, denn in ihren Augen flackerte es. Die bislang ungeschlagene Meisterin wirkte ängstlich. Dann setzte die Schwedin zu einer Knie-Attacke an. Maya versuchte mit der Führhand zu stören. Aber im nächsten Augenblick wurde ihr Kopf von Sonjas Knie getroffen. Lautlos fiel Maya rücklings auf die Bretter und blieb dort regungslos liegen. Mit weit ausgestreckten Gliedmaßen wurde sie ausgezählt. Ich erkannte, dass sie versuchte ein Auge zu öffnen, was ihr jedoch nicht gelang.

Ich wachte auf. Klitschnass und hastig atmend, lag ich auf meinem Bett. Unfähig, mich zu bewegen, lag ich so für längere Zeit da. Irgendwann stand ich auf und öffnete die Balkontür, ich musste raus. Ich hörte die dumpfen Bässe aus der Hotel-Diskothek, und sah auf meine Armbanduhr. Es war kurz vor 2 Uhr. Allmählich entknoteten sich meine zuvor wirren Gedanken und ich fing an, diesen langen Abend zu analysieren. Die existente Maya hatte ihren Titel zurückerobert, völlig überraschend. Die Traum-Maya hatte völlig sensationell verloren, das erste Mal in ihrem Leben, abgesehen von dem manipulierten Kampf, vor einigen Jahren. War dieser letzte Traum die logische Konsequenz auf den Ausgang des Fights in Pattaya? Gab es überhaupt eine Logik? Von welcher Seite ich dieses alles auch durchleuchtete, ich kam zu keiner Erklärung. Gegen 8 Uhr wachte ich im Korbsessel auf dem Balkon auf.

Die letzten Stunden meines Urlaubs waren angebrochen. Nach dem Frühstück ging ich zum Strand. Ich badete, ließ mich von einer jungen Thailänderin massieren, und unterhielt mich mit Isabel und Dieter. Danach packte ich meinen Koffer und trug sie zur Rezeption. Ich beglich meine Hotelrechnung, deren Betrag vornehmlich von dem Verzehr der Getränke aus der Minibar bestand. Der übliche Adressenaustausch mit den beiden Deutschen war dann der letzte Akt im Hotel. Die lange Fahrt nach Bangkok fand bei strahlendem Sonnenschein statt, ganz im Gegensatz zum Transfer vor zwei Wochen.  Nachdem ich mein Gepäck eingecheckt hatte, bummelte ich ein wenig durch die vielen Boutiquen des Flughafens und kaufte die eine und andere Buddha-Figur, sowie andere Souvenirs.

Mein Flug wurde aufgerufen. Ich hatte Glück und setzte mich wenig später auf meinen Fensterplatz. Während immer mehr Menschen in das Flugzeug kamen, bereitete ich mich gedanklich auf die Heimat vor. Ich dachte an die Arbeit, an die ich so lange keine Gedanken verschwendet hatte. Ich überlegte, wie wohl das Wetter in Deutschland sein würde. Und, und, und...

„Hallo Rainer.“ Ich blickte hoch und sah, dass Maya neben mir Platz genommen hatte.

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