News & Infos
Heidi 10
(Jahre 1985 – 1995)
MARK
© Joicey Mcdonald 04/2010
„Ich? Sie, Heidi hat verloren…“ Marlene zeigte während der Worte beinahe entsetzt mit dem Zeigefinger auf ihre Freundin.
„Sie, Marlen, wirklich? Wie oft?“
„Wie oft wir gekämpft haben?“
„Ja…“
„Wir haben das ein paar Mal gemacht… Und dabei hab ich immer gewonnen…“ Das IMMER hatte Marlene mit sehr viel Schärfe betont.
„Stimmt das, Heide?“ Mark blickte Heidi erstaunt an. Noch ehe sie begriff, war sie mitten in das Gespräch involviert. Sie bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht aufzusetzen und nickte.
„Einmal hat sie allerdings auch gewonnen“, berichtigte Marlene. Sie erwog, dass sie es ihrer Freundin schuldig war, deren halbwegs geschenkten Sieg nicht unerwähnt zu lassen.
„Zu Hause?“, fragte Mark, der nicht auf Marlenes Anmerkung einging.
„Ja. Wenn wir gerangelt haben, dann haben wir das eigentlich immer zu Hause getan.“ Während Marlene die Worte sprach, spürte Heidi Marks Blicke auf sich gerichtet. Mitleid oder Schadenfreude? Beides war grausam. Heidi schwieg. Sie verwünschte die Idee, heute Abendessen gegangen zu sein, nicht erst jetzt.
„War ein Referee dabei?“
„Ein Referee …?“
„Ja… Ihr Freund… Oder Heides Freund…“
„Nein, war nicht. Wir haben’s immer nur getan allein, wenn wir alleine waren.“
„Woher wussten Sie dann, wer gewonnen hat?“
„Wir beide wussten es…“
„Ohne Schiebung?“
„Ohne Schiebung. Diejenige, die gesagt hat, dass sie aufgibt, hat dann automatisch verloren. Ist doch logisch – oder?“
„Yes, sure… Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ihr beiden gegeneinander kämpft.“
„Wir haben’s auch schon länger nicht gemacht... Heidi, wie lange ist es eigentlich her?“ Heidi zuckte desinteressiert mit den Schultern, blieb aber stumm.
„Na ja, sicherlich sind es drei Monate… oder vier…“
„Und Sie, Heide…?“
„Was meinen Sie?“
„Sie sind also diejenige, die dann immer aufgibt, wenn sie merkt, dass sie gegen Marlen verliert?“
„Ja…, ich bin diejenige.“ Eine muss es ja sein.
„Aber warum?“
Junge, du nervst. „Weil sie mich halt besiegt…“
„Ich wollte damit sagen… Sie sind die ältere und größere… Und Sie sehen sportlicher aus als Marlene.“
„Was hat das denn damit zu tun?“ Heidi nahm war, dass Mark nach Marlenes linker Hand tastete und sie behutsam zu streicheln begann. Der Abend war dabei, ihr unwiderruflich aus den Händen zu gleiten.
„Ist ja auch egal…“
„Genau.“ Heidi war froh, dass ein Schlusspunkt hinter dem Thema gesetzt schien. Während Mark seine Bemühungen um Marlene intensivierte, leerte sie das Glas und überlegte den weiteren Verlauf des Abends. Ihr gemeinsames Appartement befand sich nur eine Kreuzung von hier entfernt. Sollte sie vorzeitig hochgehen und Marlene mit dem verteufelt gutaussehenden Mark allein lassen? Dass ihre Freundin nicht ohne Proteste mitkommen würde, stand fest. Gerade jetzt, wo sie sich in Begleitung eines charmanten jungen Mannes befand, würde sie rebellieren. Und einen Aufstand das wollte sie, gerade nach dem heutigen Abend, natürlich nicht riskieren. Schließlich war sie es, die das Lokal mit mehr oder weniger absonderlichen Verhalten unterhalten hatte. „Mark, wie alt sind Sie?“
„Achtzehn.“
„Achtzehn? Nicht älter?“ Er fingerte in seiner Jeans herum und zog einen arg ramponierten Ausweis hervor. „Warum fragen Sie?“
„Nur so… Ich wollte eigentlich nach Hause gehen…“
„Jetzt schon?“, fragte Marlene leicht säuerlich.
„Ich muss mir dringend andere Klamotten anziehen.“ Und außerdem muss ich mir es nicht antun, zu sehen, wie du mit Mark…
„Kann ich gut verstehen“, sagte Mark. Heidi war, als hörte sie eine Erleichterung in seiner Stimmlage.
„Sie können ruhig gehen. Ich pass auf Marlen gut auf…“ Heidi ließ sich von Mark die Handynummer geben, sie hielt das für eine ausgezeichnete Idee. Danach erkundigte sie sich bei ihrer Freundin, ob die ihre Schlüssel dabeihatte. Marlene bestätigte das. Mit einem mulmigen Gefühl verabschiedete Heidi sich und wünschte den beiden noch ein paar schöne Stunden.
Dann trottete sie zum Sea-Coast-Tower zurück.
Marlene atmete innerlich auf, als ihre Freundin gegangen war. Die Liebkosungen hatte Mark inzwischen leicht gesteigert. Er nahm ihre Hände und hauchte gefühlvolle Küsschen darauf. Und sie sah ihm dabei in die Augen. Abgesehen von einigen kindischen Freundschaften mit Jungen aus der Schule, hatte sie nichts Derartiges erlebt. Dass sie es war, und nicht Heidi, die Mark für den Abend eroberte, war ein Gefühl, das vor allem anderen rangierte. Ihr war das gigantische Leuchten in Heidis Augen nicht entgangen, wenn sie Mark angesehen hatte. Marlene genoss es schwelgend, einmal die erste Geige gespielt zu haben. Aber Heidi hatte auch nichts unternommen, um positiv auf sich aufmerksam zu machen. Im Gegenteil, sie hatte sich dermaßen lächerlich benommen, dass das schon mit Tragikomik zu tun hatte. Auch Heidis sonst gewohnte überlegene Wortwahl, mit der sie stets brillierte, war ihr abhanden gekommen. Sie erinnerte sich an Heidis Gestammel von dem Hergang, der zu dem Sturz im Toilettenraum geführt hatte. Marlene war sich sicher, dass ihre Freundin viel von dem eingebüßt hatte, was sie sonst ausgezeichnete. Und dass sie selber bewiesen hatte, enorm aufgeholt zu haben. Dass das irgendwann mal kommen würde, hatte sie gehofft, dass das so schnell gehen würde, freute sie riesig. Dennoch war sie sich anfangs sicher gewesen, dass ihre Freundin das Herz des attraktiven Amerikaners im Handumdrehen erstürmen würde. Aber Heidis Missgeschick war ihr Glück. Oder hatte das damit gar nichts zu tun? Lag es einfach nur daran, dass sie Marks Typ war? Marlene war es egal, sie genoss die Zuneigung ihres schönen Verehrers.
Heidi ging der frühe Abend nicht aus dem Kopf. Nicht die Serie der Pannen. Und auch nicht die Tatsache, dass Mark sich für Marlene entschieden hatte. Marlen…, wie er immer sagt. Das alles nagte an ihr. Sie nahm ein Duschbad und kam währenddessen auf die Idee, sich anschließend auf den großzügigen Balkon zu setzen.
Um neun Uhr machte sie es sich dort gemütlich. Die trüben Gedanken wollten allerdings nicht verschwinden. Ein Glas Rotwein, schoss es ihr durch den Kopf. Da auf dem großen Balkon immer noch drückende Wärme herrschte, tauschte sie ihren halblangen Rock gegen einen frechen kürzeren Volantrock. Danach setzte sie sich ein einen der bequemen, weich gepolsterten Liegestühle. Heidi nippte an Rotwein und schickte ihre Gedanken auf eine Heimatreise. Dort war Andreas jetzt ganz allein und vermisste sie. Hoffentlich. Sie dachte an die vielen gemeinsamen Besuche in der Disco. Aber auch an die Fahrten nach Hamburg. Als ihre Gedanken bei Lydia hängenblieben, nahm sie einen größeren Schluck Rotwein. Der hatte den weitaus besseren Nachgeschmack als die Erinnerung an Andreas‘ Ex-Freundin. Heidi wollte den Albtraum loswerden. Sie stand auf und lehnte sich an das Geländer, um die leichte Brise, die vom Atlantik herüber wehte, einzuatmen. Schneller als gewollt, hatten sie die Ereignisse im Restaurant wieder eingeholt, die ihr wie ein einziger schlechter Traum vorkamen. Noch ein Albtraum. Marlene war jetzt gerade mit Mark zusammen. Und sie? Sie hockte hier auf dem Balkon herum und haderte mit sich. Sie war von einer Tollpatschigkeit in die andere getapst. Sie hatte sich benommen wie eine dumme Gans. Wie er mich angesehen hat, als Marlene ihm von den Balgereien erzählt hat. Dabei fiel ihr ein, dass Mark von einer Catfight-Sendung erzählt hatte, der heute noch auf irgendeinem Kanal übertragen würde. Dass Mark sich so etwas auch gern ansieht.
Sie ging ins Wohnzimmer und zappte sich durch die vielen Programme. In der Vorschau des siebten Kanals wurde sie fündig. Heidi rollte den Fernsehwagen zur Balkontür und stellte ihn so hin, dass sie vom Liegestuhl aus gucken konnte. Bis dahin war es aber noch Zeit und so vertiefte sie wieder ihre Gedanken an Mark. Er hatte wirklich außergewöhnliche Augen. Seine Blicke hatten sie sofort betört. Aber auch Marlene schien davon betört. Und sie ließ sich wahrscheinlich gerade von ihm betören. Es tat ihr weh, auch wenn sie ihrer Freundin gönnte, auch einmal einen jungen Mann gefunden zu haben, der auf sie stand. Aber musste es ausgerechnet Mark sein? Und ausgerechnet Mark wusste davon, dass sie sich von Marlene – Marlen…, wie albern – besiegen ließ. Besiegen lassen musste. Dass Mark erst achtzehn Jahre alt ist, hatte sie überrascht. Er machte einen reiferen Eindruck – aber vor allem, einen äußerst charmanten.
Bald, nachdem Heidi gegangen war, hatte Mark Marlene gefragt, ob sie nicht zusammen ein wenig spazieren gehen wollten. Arm in Arm schlenderten beide die Collins Avenue entlang. Marlene dachte dabei des Öfteren an Heidi. Was sie wohl gerade macht?
„Und du willst auch mal bei diesen Mädchenkämpfen mitmachen?“
„Ja… Aber warum fragst du das jetzt?“
„Weil ich dir gern mal zeigen möchte, wo das am Wochenende immer stattfindet…“
„Au ja…“
„Da vorne steht mein Wagen. Wir könnten dahin fahren…“
„Ist es denn weit von hier?“
„Im Stadtteil Coconut Grove.“
„Hab schon einiges davon gehört… Da soll‘s etliche Discotheken geben…“
„Genau, Marlen.“ Als beide über eine der Brücken, die Miami Beach mit Miami verband, fuhren, fragte Mark, ob Heidi wohl auch dabei mal mitmachen würde.
„Das glaub ich nicht…“
„Sie würde bei ihrem Aussehen gut beim Publikum ankommen.“
„Du magst sie leiden…?“
„Nein. Sie sieht gut aus, ist aber ziemlich tollpatschig. Außerdem macht sie auf mich eher einen arroganten Eindruck.“
„Arrogant? Ja, manchmal… ist sie es.“ Und tollpatschig war sie heute, wie nie.
„Siehst du? Meine Menschkenntnis… Außerdem bist du mir viel lieber.“
„Wirklich? Heidi ist sowieso schon verlobt.“ Heidi, verzeih mir.
„Oh… Dann hab ich, ohne zu wissen, auf das richtige Pferd gesetzt.“
„Ich bin ein Pferd?“
„Mein Pferd.“
Nach weiteren Gesprächen hielt er dann plötzlich vor dem „Blue Fox“. „Hier ist es“, sagte Mark mit beinahe stolzer Stimme. „Ab Freitag geht’s hier wieder zur Sache.“
„Versteh ich nicht…“
„Was verstehst du nicht, Marlen?“
„Heute ist doch Mittwoch… Heute war eine Sendung von hier im Fernsehen…“
„Aufzeichnungen… Das sind doch Aufzeichnungen vom Wochenende. Die suchen die attraktivsten Kämpfe aus, und übertragen die immer mittwochs. Außerdem soll damit vermieden werden, dass allzu vulgäre Fights über den Bildschirm flimmern.“
„Ach so… Die werden dann also rausgeschnitten.“
„Ja. Übrigens, die Einschaltquoten sind immer ziemlich hoch…“
„Das glaub ich… Du guckst dir das ja auch gern an…“
„Natürlich… Ich verpass nur selten eine Sendung. Wollen wir trotzdem rein? Ein bisschen tanzen?“
„Gern.“
Um zehn Uhr begann die Sendung, von der Mark erzählt hatte. Der Moderator erklärte die Modalität. Heidi erfuhr, dass existente Probleme aus dem Alltag hier in der Disco „Vibration“ ausgetragen werden konnten. Wenn eine der weiblichen Konfliktpersonen sich meldet und die andere sich zu einem Wettkampf bereit erklärt, dann hätten beide die Möglichkeit, diesen hier auszutragen. Klingt einleuchtend und verspricht unterhaltsam zu werden.
Die ersten beiden Kontrahentinnen wurden per Standbild vorgestellt. Die zweiunddreißigjährige Lehrerin Kathy hatte des Öfteren eklatante Meinungsverschiedenheiten mit ihrer achtzehnjährigen Schülerin Liza. Die Lehrerin hatte Liza häufig Prügel angedroht, was die jedoch mit einer Beschwerde beim Rektor geahndet hätte. Kathy hatte Liza herausgefordert, ihre Differenzen im „Vibration“ auszutragen. Liza hatte nur eingewilligt, wenn ihre Lehrerin ihren Zweikampf nicht mit schlechteren Zensuren bestrafen würde. Kathy hatte es ihr natürlich versprechen müssen. Amerika, du bist in der Tat ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Von einer fanfarenähnlichen Aufmarsch-Musik begleitet, betrat Kathy den von Scheinwerfern erhellten Ring. Sie trug einen relativ engen, dezent geblümten Rock, der ihr bis unterhalb der Knie reichte. Die einfache, schneeweiße Bluse verlieh ihr eine energische Eigenschaft, die der Knoten in ihren straff zurückgekämmten Haaren nachdrücklich hervorhob.
Kurz darauf erschien Liza, die einen kurzen, rot-weiß geringelten Cheerleader-Rock, passende Söckchen und ein weißes Sweatshirt trug. Ihre langen mittelblonden Harre hatte sie zu beiden Seiten mit roten Schleifen gebunden, was ihr ein besonders mädchenhaftes Aussehen verlieh. Beide wurden interviewt, in dem sie den Grund der heutigen Auseinandersetzung nochmals darlegten. Natürlich nahmen beide für sich in Anspruch, im Recht zu sein, was jede durch grimmige Blicke unterstrich.
Marlene und Mark saßen sich an einem runden Zweiertisch gegenüber und hielten sich die Hände. Sie fragte ihn, ob er noch zur Schule ging oder bereits einen Beruf ausübte.
„Ich bin Autoverkäufer in der Nähe von Aventura.“
„Ah, deshalb dein schicker Chevrolet…“
„Nun…, ja. Wir haben schon die Möglichkeit, den einen oder anderen Wagen auch privat zu nutzen.“
„Toll. Ich werde wohl auch Autoverkäufer… Verkäuferin.“
„Mach das.“
„Und dann fahre ich hier vor und verkloppe alle Mädchen…“ Mark musste herzhaft lachen und drückte ihr einen schmachtenden Kuss auf die Lippen. „Ich mag selbstbewusste Mädchen“, sagte er und sah ihr tief in die Augen. „Das scheint deiner Freundin weitestgehend zu fehlen…“
„Ja, Mark…, die fehlt ihr. Wahrscheinlich hab ich zu viel davon.“
„Das ist okay so… Für mich kannst du gar nicht genug davon haben.“
„Du magst keine Verlierer… Verliererinnen…?“
„Nein! Bewahre mich davor. Mit Versagerinnen kann ich nichts, aber auch gar nichts anfangen. Ich mag dich.“ Er lächelte Marlene an und fuhr ihr übermütig durch die roten Haare. „Willst du mir von euch erzählen…?“
„Von uns? Wie meinst du das?“
„Wie ist sie so? Ich meine, wenn ihr… beide… Du weißt schon.“
„Ach Mark, ich glaube darüber zu sprechen, wäre Heidi gegenüber nicht fair, …“
„Wenn du es nicht möchtest, akzeptiere ich das natürlich…“
„Ja…, außerdem gibt’s da nicht so viel zu erzählen… Irgendwann fing sie selbst damit an…“
„Heide? Willst du mir damit sagen, dass Heide es war, die auf die Idee kam, mit dir zu kämpfen?“
„Ja. Irgendwann wollte sie feststellen, wer die Stärkere von uns ist… Das ist jetzt fast ein Jahr her.“
„Heide hat einfach mal so den Wunsch gehabt, mit dir zu fighten…?
„Ja, sie sagte damals, dass sie mir beweisen wollte, dass sie mich besiegt.“
„Es ist ihr missglückt…“
„Und wie… Natürlich hat sie niemals damit gerechnet…, sonst wäre sie wohl niemals auf die Idee gekommen, mit mir zu prügeln. Und ich hatte eigentlich keine Bock darauf…, weil ich natürlich damit gerechnet hatte, von ihr verhauen zu werden.“
„Das will ich wohl glauben… Wer euch nicht kennt…, der würde wohl auch kaum auf die Idee kommen, dass du es bist, die Heide besiegt…“
„Du meinst, weil Heidi größer und älter ist?“ Marlene stockte einen Augenblick. Sie war dabei, einem im Prinzip wildfremden Menschen aus ihrer beider intimsten Leben zu erzählen. Ihre Geltungssucht verlangte danach. Das Gewissen riet ihr davon ab. Der Rest war sich uneinig. Die Uneinigkeit paarte sich mit der Geltungssucht und verdrängte kurzerhand das Gewissen.
„Ja…, natürlich.“
„Das machte und macht noch heute den Reiz aus…“
„Heute? Heißt das, ihr…? Vorhin sagtest du, dass ihr schon länger nicht mehr…“
„Unsere Schulabschlüsse kamen dazwischen. Es gab viel zu tun. Aber es wird wieder passieren, dass wir uns prügeln… Hoffentlich bald.“
„Obwohl Heide weiß, dass du diejenige bist, die… Und dir bringt es natürlich Spaß…“
„Natürlich.“ Marlene strahlte übers ganze Gesicht. Im Grunde konnte ihr gar nichts Besseres passieren, als einen männlichen Zuhörer zu finden. Einen, der sie, und den sie mochte. Einen, der ihrer Freundin nicht gleich um den Hals gefallen war. Einen, der Heidi sehr viel kritischer sah als andere. Er hatte Heidi von deren bedauernswertesten Seite kennengelernt hatte. Ihr gingen die peinlichen Momente im Restaurant durch den Kopf, als Heidi sich zur Närrin gemacht hatte. Und nun musste die in Abwesenheit auch noch Schmähgespräche über sich ergehen lassen.
„Ich hab Heide beobachtet, als du anfingst, davon zu erzählen.“
„Und?“
„Sie schaute ziemlich bedrückt aus.“
„Mark, es muss unter uns bleiben, was wir hier reden…“
„Ja natürlich. Versprochen.“
„Heidi hat es mittlerweile nicht nur akzeptiert…“
„Das musste sie wohl auch… Was blieb ihr auch anderes übrig.“
„Viel besser, Mark… Sie scheint nicht nur ihre Unterlegenheit anzuerkennen …“
„Das sagtest du eben.“
„Ja. Nein, ich meinte, sie weiß, dass sie sich mir unterzuordnen hat… und sie ordnet sich mir unter.“
„Scheint wirklich ziemlich eigenartig zu sein…, deine Freundin. Reichlich crazy.“
Der Kampf ging los, und Heidi war gespannt, wer hier gewinnen würde. Sie drückte der Lehrerin die Daumen. Kathy hatte den Rocksaum ein wenig angehoben, um dadurch mehr Beinfreiheit zu haben. Sie nahm einen breiten Stand ein, und wirkte demzufolge unbeweglich. Liza schien abzuwarten, und nur ihr aufmerksamer Blick verriet, dass sie vorbereitet war. Beide fingen an zu streiten, indem sie sich gegenseitig Vorwürfe machten. Plötzlich packte die Lehrerin mit beiden Händen den Hals ihrer Schülerin. Sie zerrte so heftig daran, dass Lizas Kopf bedenklich wackelte. Ihre lustigen Zöpfe schwangen hin und her. Kreischend gelang es ihr, aus der Umklammerung zu kommen. Beide standen sich wieder schimpfend gegenüber. Liza schnappte nach den Haaren ihrer Lehrerin, der dieses ebenfalls gelang. Jede von ihnen versuchte die andere am Schopf niederzudrücken. In dieser Stellung befanden sie sich immer noch, als der Gong die erste von fünf Runden beendete. Kathy hatte nach Heidis Meinung den ersten Durchgang knapp gewonnen.
Gleich zu Beginn der zweiten Runde, überraschte Liza ihre Lehrerin mit einer schallenden Backpfeife. Nachdem die den Schock überwunden hatte, schnappte sie mit hochrotem Kopf den Arm ihrer Schülerin und zog sie zu sich. Liza holte mit dem freien Arm aus und schlug Kathy erneut die flache Hand ins Gesicht. Die ließ Lizas Arm augenblicklich los und hielt beide Hände schützend vors Gesicht. Liza nutzte die passive Haltung ihrer Kontrahentin und packte deren Haare erneut. Die wehrte sich kreischend mit wild gestikulierenden, ruderähnlichen Armbewegungen. Einer dieser unkontrollierten Schläge traf das Gesicht der Schülerin. Liza wandte sich ab, worauf Kathy über sie herfiel und sie zu Boden rang. Die Lehrerin blickte zufrieden auf ihre Schülerin herb, die Arme in die Hüften gestemmt. Der Referee beugte sich zu der am Boden liegenden und fragte, ob sie aufgeben wolle. Liza schüttelte mit dem Kopf. Die zweite Runde war zu Ende. Heidi erwog, auch diesen Durchgang der Lehrerin gutzuschreiben.
In der dritten Runde packten sich beide an den Hüften und versuchten einander niederzuringen. Dabei passierte zunächst nichts Entscheidendes. Beide schoben sich in dieser plump aussehenden Haltung durch den Ring. Liza schien etwas ausgeheckt zu haben. Sie hob ihre Lehrerin hoch. Deren glatter Stoff des Rockes rutschte dadurch nach oben. Wild mit den Beinen zappelnd offenbarte Kathy den Zuschauern in der Disco und vor den Fernsehern, dass sie einen gelben Unterrock trug. Gelächter. Im nächsten Augenblick ließ die Schülerin los und die Lehrerin plumpste unsanft zu Boden, wo sie rücklings liegenblieb. Auch diesmal erkundigte sich der Referee nach deren möglichen Aufgabe. Kathy wollte nicht. Heidi gab diesen Durchgang der Schülerin.
In der vierten Runde bauten sich beide wie Kampfhähne voreinander auf und stritten um die Dinge, die diese Auseinandersetzung ermöglichten. Liza verabreichte ihrer Lehrerin erneut einige Schläge ins Gesicht. Danach zerrten sich beide an den Haaren, wobei sich Kathys Dutt löste. Gelächter. Gleich einer Furie ging sie auf Liza los und drosch auf sie ein. Die Schülerin flüchtete regelrecht vor ihrer Lehrerin. Die vierte Runde wertete Heidi unentschieden.
Im fünften Durchgang wurde es ein verbissen geführtes Duell. Zunächst hatte Kathy die Achtzehnjährige im Schwitzkasten, bald danach war es umgekehrt. Jede von ihnen probierte, was ihnen gerade einfiel. Sie drehten einander die Arme und sie zerrten sich gegenseitig an den Haaren. Zum Schluss schlugen sie sich, gleich einem offenen Schlagabtausch. Und keine hörte den Gong, der diese letzte Runde und damit das Kampfende einläutete. Erst als der Referee dazwischen ging, keuchten und hechelten die Kontrahentinnen um die Wette. Heidi wertete diese letzte Runde wieder remis. Und sie lag mit ihrem Urteil genau richtig. Die Lehrerin gewann den Kampf mit 3:2. Zwei Runden hatte sie gewonnen und dafür jeweils einen Punkt bekommen. Für die beiden unentschiedenen Runden kassierte sie jeweils einen halben Punkt. Liza hatte eine gewonnen und zwei Unentschieden erreicht.
Nun wurden die Streithähne gebeten, sich die Hände zu reichen und zu erklären, dass beide das Ergebnis akzeptierten und künftig einander mehr zu respektieren. Liza versprach das und erklärte keuchend, dass sie ihrer Lehrerin diese sportliche Leistung niemals zugetraut hatte. Kathy bescheinigte ihrer Schülerin auch eine gute Leistung. Auf die Frage nach ihrem für diesen Fight ungeeignetem Outfit, verriet sie, dass sie in genau derselben Kleidung kämpfen wollte, die sie auch in der Schule trug. An die Schüler gerichtet, die dieses Spektakel im Fernsehen verfolgt hatten, wandte sich abschließend der Moderator mit den Worten, dass die nun auch wüssten, was deren Lehrerin darunter trage. Gelächter. Auch Heidi schmunzelte. Sie konnte die Lehrerin gut verstehen.
Der zweite und letzte Kampf des Abends wurde angekündigt. Der zweiundzwanzigjährigen Jennifer wurde von ihrer zwei Jahre jüngeren Freundin Carol der Freund ausgespannt. Sie suchte auf diese Weise Vergeltung und hoffte durch einen Erfolg, ihren Freund zurückzugewinnen. Dann wurde die Sendung von einer Werbepause unterbrochen. Heidi freute sich auf die Auseinandersetzung und stellte sich ans Geländer des Balkons. Dabei inhalierte sie das Rauschen des Meeres, nippte am Rotwein und dachte an Mark.
Mark hatte sich als talentierter Tänzer erwiesen. Marlene war von seinen geschmeidigen Bewegungen dermaßen angetan, dass sie ihn während des Tanzes immer wieder küsste. Sie fühlte sich glücklich wie nie zuvor. Ihr gingen Heidis Blicke und auch nicht deren aufgeregte Stimme aus dem Kopf, als sie sich im Restaurant unterhielten, dass zwei Tische weiter ein äußerst attraktiver Mann saß. Sie stellte sich vor, dass ihre Freundin sich bereits Hoffnungen auf eine weitere schnelle Männereroberung gemacht hatte. In der Heimat flogen der die Herzen nur so zu. Allein Heidis anspruchsvoller Geschmack und ihre ständige Zurückweisung der Jungs, war es zu verdanken, dass sie viel Zeit mit ihr verbringen durfte. Und nun war ihre Freundin es, die abserviert worden war. Mark steht nicht auf sie – Mark steht auf mich. Für Marlene war diese Erfahrung neu. Und dafür hatte sie alles getan, um Heidi kleinzuhalten. Sie hatte nicht einmal Lügen dafür gebraucht. Das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt. Das war‘s. So einfach war das. Das hatte gereicht, um Heidis Stern zumindest bei Mark nicht strahlen zu lassen. Heidis Stern ist in Florida noch nicht aufgegangen. Obwohl sie ihre Freundin immer noch mehr mochte, als sonst wen, durfte das eine Zeitlang auch so bleiben. Sie verglich ihr Glück mit einer antiken Waage aus der Vergangenheit. Heidi war eine Schale, sie die andere. Selten befanden sich beide Schalen auf gleicher Höhe.
Dass sie mit Mark allerdings auch noch über diese pikanten anderen Dinge sprechen konnte, machte die Gesamtsituation perfekt. Warum mag Mark Catfights? Sie hatte sich in all den Jahren keine Gedanken über Mädchenfights gemacht. Die einen und anderen Mädel haben sich gelegentlich mal auf dem Schulhof oder sonst wo geprügelt. Na und? Sowas kam bei den Jungs täglich vor. Und als Heidi sich vor einem dreiviertel Jahr unbedingt mit ihr kloppen wollte, hatte sie erst einmal mit dem Kopf geschüttelt. Was ihre Freundin damit genau bezwecken wollte, ist ihr bis heute noch nicht ganz klar und bleibt wohl auch deren Geheimnis. Heidi hatte von einer Art Revanche gesprochen. Dass sie ihre Freundin dann geschlagen hatte, hatte sie schon erstaunt. Nein, es hatte beide erstaunt. Richtig interessant wurde es für Marlene erst, als die stolze Heidi ihr etwas später beichtete, dass sie chancenlos gegen sie sei. Sie erkannte schon damals darin eine Perspektive, die ihr einen ganz anderen Stellenwert in der Partnerschaft einräumte. Als am selben Abend auch noch beide begannen, die Hierarchie der Freundschaft zu verschieben, wurde es zu dem was es heute war. Eine Freundschaft der anderen, der besonderen Art. Das kam ihrer immer schon stark vorhandenen Geltungssucht sehr entgegen. Das machte sie allerdings auch unsicher, weil sie Heidis Nutzen nicht richtig einordnen konnte. Dieses zu ergründen, gelänge ihr ja möglicherweise in dem Jahr des Zusammenlebens in Florida. Dass Männer gern Mädchenkämpfe sahen, war auch etwas, was sie noch zu erforschen hätte. Aber dass ein Mann wie Mark sich gern auf die Seite der Siegerinnen begibt, hatte sie erst durch das Gespräch mit ihm erfahren. Er hatte sie das in einem gewissen Maße spüren lassen. Dann hatte sie zusätzlich Wasser in die Mühlen gegossen. Sie hatte nicht einmal übertreiben müssen, um definitiv festzustellen, dass er nicht der Typ war, der sich Schwächeren zuwandte. Das alles machte sie zufrieden und überzeugt, überhaupt etwas, und dann das genau Richtige gesagt zu haben.
Heidi haderte in der ziemlich langen Werbepause mit der Situation, die neu für sie war. Sie machte einzig und allein ihre täppischen Verfehlungen dafür verantwortlich. Und sie war sich sicher, dass Marlene und Mark während des Abends noch ausgiebig darüber sprechen würden. Sie konnte es ihnen nicht einmal verdenken.
Der Kampf der Rivalinnen begann. Die zweiundzwanzigjährige Herausforderin Jennifer betrat zu der obligaten Musik den Ring. Sie trug einen schlichten, dunkelroten Rock, der aus Chiffon hergestellt sein musste. Der Saum endete knapp oberhalb ihrer Knie. Dazu hatte sie eine stahlblaue Bluse gewählt, was ihr ein beinahe feierliches Charisma verlieh, nicht aber nach einem bevorstehenden Kampf aussah.
Die zwei Jahre jüngere Carol hatte sich wesentlich praktischer für diesen Fight gekleidet. Sie trug weite hellgelb glänzende Boxershorts und eine kurze weiße Leinenbluse, deren unteres Ende sie keck zusammengeknotet hatte. Beide Mädel hatten mittelblonde Haare. Während die Kontrahentinnen vorgestellt wurden, sahen sich beide böse an. Der Moderator wies noch einmal auf die Brisanz der Konstellation hin und erklärte den neueren Zuschauern, dass es nicht erlaubt war, hier in reiner Sportkleidung anzutreten. „Der Streit ging aus einer Situation des Lebens hervor, und genauso sollte der Kampf stattfinden.“ Für Heidi war das nicht vollständig nachvollziehbar, dennoch nicht völlig absurd. Jennifer hatte genauso wie vorher die Lehrerin um den Kampf gebeten, und den zu gewinnen hatte sie vor. Sie ließ bei dem Interview auch keine Gelegenheit aus, dies in die Tat umsetzen zu wollen. „Ich mach Carol so fertig, dass sie es bereuen wird, mir meinen Freund ausgespannt zu haben.“ Heidi verglich die Situation mit ihrem zerrütteten Verhältnis zu Lydia. Nur, dass sie niemals Freundinnen waren oder werden würden, und dass sie sich niemals trauen würde, gegen Andreas‘ Ex-Freundin anzutreten. Schon gar nicht vor Publikum und laufenden Kameras.
Carol erwies sich von Beginn an als diejenige, die die Initiative übernahm. Sie hatte Jennifer bereits nach wenigen Sekunden im Schwitzkasten, aus dem sie nicht wieder herauskam. Erst eine unfaire Attacke der Zwanzigjährigen veranlasste den Ringrichter die beiden zu trennen. Sie hatte bei der Umklammerung mit ihren Fingern in Jennifers Augen gegriffen, was vor dem Kampf unter Androhung einer Disqualifikation untersagt worden war. Der Referee beließ es bei einer Verwarnung, beendete aber die erste Runde und gab diese energisch begründet an Jennifer.
In der zweiten Runde ließ Carol ihre ganze Wut über den Verlust des ersten Durchgangs aus. Sie ohrfeigte Jennifer, die vergeblich versuchte, eine der auf sie einschlagenden Hände zu packen. Erst als die Zweiundzwanzigjährige regelrecht in die andere Ringecke floh, war ihre Pein zu Ende. Vorerst. Carol ging langsam aber zielstrebig auf ihre Gegnerin zu. Die wurde nun erstmals aktiv und schnappte nach dem Haarschopf der Ankommenden. Carol schrie hysterisch auf und ging in die Knie. Dort packte sie das rechte Bein Jennifers und zog sie zu sich runter. Kniend rangen die beiden. Mehr zufällig gelang es Jennifer, Carols Arm in ihren Händen zu halten. Sie drehte daran, worauf die Zwanzigjährige laut aufschrie. Die Runde war vorbei. Heidi sann, dass man diese unentschieden werten könnte, weil Carol zu Beginn eindeutige Vorteile hatte.
Der dritte Durchgang begann kurios. Carol bekam Jennifer schnell in den Schwitzkasten und hielt deren Kopf zwischen ihren Armen. Jennifer wusste sich nur zu helfen, indem sie sich an der kurzen Shorts ihrer Gegnerin festhielt. Sekunden später stand Carol im Höschen im Ring. Der Referee unterband den Fight, ermahnte Jennifer, dieses sein zu lassen und forderte Carol auf, die Shorts wieder ordnungsgemäß überzuziehen. Die Zuschauer brüllten vor lachen. Und auch Jennifer sah man an, dass sie Spaß an der Situation hatte. Aber der Spaß sollte ihr schnell vergehen. Nachdem der Ringrichter den Kampf wieder freigegeben hatte, griff Carol ihre Rivalin sofort an. Ohne Zweifel übrig zu lassen, wer hier die Chefin im Ring war, verabreichte sie der Zweiundzwanzigjährigen serienweise Ohrfeigen. Jennifer stand in der Ringecke zurückgedrängt und hielt sich die Arme schützend über das Gesicht. Ansonsten nahm sie die Schläge wehrlos hin. Den Kopf tief gebeugt und von ihren Händen geschützt, wollte sie dann endlich vor den zahlreichen Schlägen in die andere Ecke des Ringes flüchten. Eine Affekthandlung von Carol beendete den Fluchtversuch auf tragische Weise. Sie hob das Bein, fuhr geschwind den Fuß aus und schnellte ihn zwischen Jennifers Schritt. Die flog, gleich einem Geschoss, durch den Ring und landete mit der Vorderseite unsanft auf dem Boden. Der Referee unterband jegliche weitere Aktion der Zwanzigjährigen und zog den weit hochgerutschten Rocksaum Jennifers über deren wahrnehmbar gewordene Wäsche. Er verwarnte Carol zum allerletzten Mal und gab die Runde an Jennifer, die inzwischen wieder auf den Beinen war. Heidi schüttelte vor dem Fernsehgerät mit dem Kopf. Die eigentlich Unterlegene lag nach der dritten Runde mit 2,5:0,5 in Führung.
Mit hochrotem, aber entschlossenem Gesicht ging Jennifer zu Beginn der vierten Runde auf Carol zu und verhöhnte sie lautstark: „Dir fallen doch nur fiese Tricks ein…, du Schlampe…“
„Und dir stopf ich gleich dein viel zu großes Maul.“
„Was für krumme Sachen hast du dir diesmal überlegt?“
„Lass dich überraschen…“
„Du bist viel zu schwächlich…, mich mit sportlichen Mitteln zu besiegen“, tönte Jennifer.
„Ladies, hört mit dem Gekeife auf… Kämpft“, unterband der Referee die üblen Beschimpfungen. Carol ließ sich das nicht ein zweites Mal sagen, ihre Faust traf Jennifer direkt unters Kinn. Die drehte sich einmal um sich selbst und ging glucksend auf die Bretter. Der Ringrichter zählte die Zweiundzwanzigjährige an und fragte, ob sie nicht lieber aufgeben wolle.
„Niemals“, schrie sie beinahe hysterisch, „jetzt fang ich erst richtig an… Die mach ich fertig.“ Jennifer stand auf und stürmte auf Carol zu. Die trat blitzschnell einen Schritt zurück und ließ ihre Gegnerin in die Ringseile laufen. Dann reagierte Carol blitzschnell und nahm die orientierungslose Jennifer in den Schwitzkasten. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Rivalin ein zweites Mal in dieser Runde am Boden hatte. Jennifer stand umständlich auf und wurde kurz darauf von Carol am Haarschopf gepackt. Die arg gebeutelte Zweiundzwanzigjährige zappelte und ließ sich kurz darauf in die Knie drücken, wo sie hemmungslos weinend verharrte. Der Referee hatte genug gesehen, er beendete den ungleichen Kampf und erklärte Carol zur Knockout-Siegerin.
Zur anschließenden Stellungnahme war Jennifer nicht mehr bereit. Schluchzend verließ sie den Ring. Carol ließ wissen, dass sie den Fight nicht gewollt hatte. Nur die fortwährend gehässigen und provozierenden Beleidigungen Jennifers hatte sie letztendlich doch bewogen, sich mit ihr zu messen.
Heidi atmete tief durch. Das, was sie gerade gesehen hatte, erinnerte sie an ihre Kämpfe mit Marlene. Sie war ihrer Freundin genauso wenig gewachsen, wie Jennifer ihrer Rivalin Carol. Sie unterschied dabei, dass die beiden, die eben gegeneinander gekämpft hatten, in etwa gleich groß waren. Marlene ist fünfzehn Zentimeter kleiner als ich. Heidi schaltete seufzend den Fernsehapparat aus, da die Sendung vorbei war. Sie stellte sich an das Geländer und nippte am Glas. Ihre Gedanken streiften die inzwischen umfangreiche Kampfhistorie mit Marlene, die genau genommen mit dem Armdrücken auf der Kirmes begann. Damals hatte sie sich, siebzehnjährig, geradezu lächerlich gemacht, und nicht einmal den Hauch einer Chance gegen ihre vierzehnjährige Freundin gehabt. Am Badesee hatte sie nicht die Courage gehabt, ihr entsprechend entgegenzutreten, nachdem sie von ihr auf die Knie gezwungen wurde. Das hatte sie sich für das bewusste Wochenende aufgehoben. Aber auch da hatte sie komplett versagt. Sie war von ihrer Freundin dreimal buchstäblich verprügelt worden. Und von da an… Was genau war von da an? Sie erinnerte sich an Gefühle, die sie seinerzeit empfunden hatte. Und auch noch Tage später. Wochen? Ja, auch Wochen später noch. Masochismus? War es Masochismus? Es hatte sich so angefühlt, damals. Und heute, einige Monate später? Ihr war die Wahrnehmung des Gefühls irgendwann abhanden gekommen. Ob dieses Gefühl wiederkommen würde, und ob sie dies auch wünschte, wusste sie nicht.
Heidi seufzte tief und trank das Glas leer.
Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass es bereits 22:30 Uhr war. Ihr fiel ein, dass sie mit Marlene keine Zeit abgemacht hatte. Hoffentlich verliert sie ihre Schlüssel nicht. Der Abend war eigentlich nicht geschaffen, um hier allein auf dem Balkon rumzusitzen. Irgendwohin wollte sie aber auch nicht. Wohin auch? Mit Marlene wäre das etwas anderes. Mit ihr könnte sie beispielsweise zur Bayside. Aber ihre Freundin war mit ihrem Verehrer unterwegs. Bahnte sich zwischen ihr und Mark wirklich etwas an? Heidi mochte nicht daran denken, dass ihre Pannen dafür verantwortlich waren, dass es nicht sie war, die sich nun mit Mark amüsierte. Die Gedanken begannen wehzutun. Sie hatte ihm aber auch zu keiner Sekunde Grund geliefert, den Abend mit ihr zu verbringen. Während sie von einem Fettnäpfchen ins andere getreten war, hatte Marlene sich untadelig verhalten. Zu guter Letzt hatte ihre Freundin Marks Frage nicht richtig verstanden, und mit ihrer Antwort für das nächste Fiasko gesorgt. Er war sofort auf das Thema eingegangen. Warum? Weil er sogenannte Catfights auch gerne sieht. Warum? Weil wohl viele Männer gern sehen, wenn Mädchen sich prügeln. Und dann kam Marlenes großer Auftritt. Während ihre Freundin Mark erzählte, dass sie das auch dann und wann machen, hatte Heidi ihn aus den Augenwinkeln beobachtet und seine großen staunenden Augen erkannt. Und das war‘s dann endgültig mit Mark. Er scheint mit Verlierern nicht viel anfangen zu können. Sein Pech… Oder eher meins. Auf jeden Fall noch eine Person mehr, die davon wusste, dass Marlene im Kampf die erfolgreichere war.
Es klingelte an der Wohnungstür. Marlene…, sie kommt schon…? Gott sei Dank. Heidi drückte auf die Sprechanlage, erhielt aber keine Antwort auf ihre Frage, wer da sei. Sie sah durch den Spion und erschrak. Ein Unbekannter stand vor der Tür. Heidi öffnete vorsichtig und fragte, was er wünschte.
„Ich wohne schräg über Ihnen…“
„Ja…? Und?“
„Ich hab Sie gesehen, wie sie ganz allein auf dem Balkon standen. Und… Und da hab ich mir gedacht…“
„Sie beobachten mich…?“
„N… Nein… Entschuldigen Sie…“
„Was wollen Sie…?“
„Ich… Ich… Ich hab ’ne Flasche Wein mitgebracht…“
„Schön für Sie…“
„Ich meine… Wir… Ich… Sie…“
„Ich weiß nicht was Sie wollen.“ Heidi schlug die Tür zu, um im nächsten Augenblick zu überlegen, dass sie eben sehr unhöflich gewesen war, und nur Gast in dem Land ist. Sie riss die Tür wieder auf und rief dem vermeintlichen Nachbarn zu, dass ihr es Leid täte. Er war nicht mehr zu sehen. „Hören Sie… Entschuldigung…“, rief sie in den Gang, dass die Worte laut widerschallten. Sie hörte Schritte, und sie rief ihnen hinterher: „Nun warten sie doch…“ Keine Antwort. Heidi lehnte die Tür an und lief den Gang entlang zum Aufzug. Dort stand er und wollte gerade den Fahrstuhl betreten. Ihr entging ein leichtes Rumsen nicht.
„Entschuldigen Sie… bitte. Aber…“
„Schon gut… Sie können schließlich nicht jeden einlassen, der vor Ihrer Tür steht.“
„Andererseits sind wir Nachbarn… Und es ist doch gut und interessant zu wissen, wer so alles hier wohnt…“
„Donald Perkins… Aber ich wollte wirklich nicht aufdringlich sein.“
„Nein… Ich war zu abscheulich. Entschuldigung.“
„Okay…“
„Haben Sie denn jetzt noch Lust… auf ein Gläschen Wein… Bei mir auf dem Balkon?“
„Wenn Sie mögen…“ Heidi ging neben dem Nachbarn, den sie auf Mitte bis Ende zwanzig schätzte.
Heiß und kalt wurde ihr, als sie vor ihrer verschlossenen Appartementtür stand. Mist. „Vielleicht die Zugluft, die sie zugeschlagen hat“, sagte sie deprimiert und fand, dass das ganz gut zu dem bisherigen Abend passte.
„Und nun?“
„Ich weiß nicht.“ Heidi überlegte angestrengt und fuhr dann fort: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehen wir nun zu Ihnen hoch…“
„Ähm…, natürlich. Gern.“
„Darf ich bei Ihnen eine Nachricht für meine Freundin, mit der ich hier wohne, schreiben. Ich hefte den Zettel dann an die Tür…“
„Klar… Gute Idee.“
Wenig später saß Heidi auf dem Balkon des Nachbarn und trank dessen Weißwein. Hin und wieder blickte sie von dort auf ihren Balkon herab und wunderte sich, wie gut man sie von hier oben beobachten konnte. Spannen? Sie sah zu sich herab und erstarrte. Sie hatte vorhin den Rock gewechselt. Und dieser war viel zu kurz für den Unterrock, den sie darunter trug. Sie wies ihrem Nachbarn auf das Missgeschick hin, indem sie auf die Spitze deutete und mit den Schultern zuckte. Im Grunde hätte sie im Boden versinken mögen.
„Hab ich noch gar nicht gemerkt“, sagte Donald diplomatisch. „Ich hab schon wesentlich unerfreulichere Dinge gesehen“, ergänzte er lächelnd. Heidi fing an, unsicher zu lachen. Sie trank das Glas aus und fühlte sich etwas wohler. Ihr gefiel, sich mit ihm zu unterhalten. Donald hatte zwar nicht den gewissen Witz, zeichnete sich aber durch eine nicht unbeträchtliche Portion Warmherzigkeit aus. Sie erfuhr, dass er ein Fitnessstudio im Norden von Miami Beach besaß. „Ich hab es vor gut einem Jahr übernommen und noch eine ganze Menge Schulden abzubezahlen“, sagte er, und sah dabei sehr ehrlich aus.
„Das hört sich doch aber doch vielversprechend an.“
„Ja, die Geschäfte laufen auch ganz gut… Vielleicht mögen Sie auch mal…“
„Kann gut sein… Ich hab lange nichts mehr getan.“ Er schlug vor, sich beim Vornamen zu nennen und schenkte die Gläser voll.
Marlene wünschte, der Abend, der inzwischen zur Nacht geworden war, würde niemals vergehen. Sie tanzte mit Mark und sie saßen und unterhielten sich. Ihr Schulenglisch wurde gefordert und es klappte von Minute zu Minute besser damit. Die Gedanken an Heidi, die anfangs ziemlich existent waren, verblassten von Stunde zu Stunde. Nur hin und wieder dachte sie an ihre Freundin, die jetzt, kurz nach Mitternacht, wohl schon schlafen gegangen war. Einerseits konnte sie ihr Glück nicht fassen, mit einem äußerst attraktiven Mann in einer Disco verbringen zu dürfen. Andererseits ahnte sie, dass dieses Glück eventuell nicht von großer Dauer sein könnte. Ziemlich selbstkritisch wog sie ab, dass Mark Möglichkeiten hatte, mit den allerschönsten Frauen Floridas zusammen zu sein. Für sie zählte jedoch nur der Moment – und der gehörte ihr. Und sie genoss ihn.
Mark hatte während des Abends mit dem Manager der Disco gesprochen und gefragt, ab welchem Alter die Mädels mitmachen dürfen. Der beleibte Organisator hatte ihm geantwortet, dass die Teilnehmerinnen achtzehn Jahre alt sein mussten. Mark hatte dies Marlene verschwiegen und ihr geraten, mit der Teilnahme noch ein bis zwei Wochen zu warten.
„Warum denn…?“
„Schau dir die Kämpfe und die Mädels ein bisschen an. Lass dir einfach noch Zeit. Du kannst bestimmt daraus lernen.“ Marlene hatte dann unfreiwillig eingewilligt und versprochen, zu warten. „Wir sind ja noch so lange da.“ Sie hatte dann geäußert, dass sie überrascht von der Vielzahl der Mädchen und Frauen, die bereit waren, sich vor Zuschauern und laufenden Kameras gegenseitig zu bekämpfen.
„Was glaubst du… Die Fights haben einen Turnier-Charakter…“
„Wie – Turnier?“
Fortsetzung folgt
Alle Rechte der Story liegen beim jeweiligen Verfasser!
Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Autors
Comment article (Number of comments:0) |