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Heidi 11
Jahre 1985 – 1995
TERRASSEN-KAMPF
© Joicey Mcdonald 05. 2010
„Die Siegerinnen kommen alle weiter… Meistens müssen sie, wenn sie denn mögen, schon zwei Wochen danach wieder ran…“
„Gegen andere Gewinnerinnen?“
„Ja… Und so geht es immer weiter…, bis…“
„Bis nur noch eine übrigbleibt?“
„Zwei.“
„Natürlich, wie dumm von mir. Aber im letzten Kampf gibt es ja auch eine Siegerin, die dann…“
„Ja… Allerdings wird das gesamte Turnier in Klassen aufgeteilt… Ist gerechter.“
„Nach Alter?“
„Nein, nach Gewicht. Man hat die Competition in drei Gewichtsklassen eingeteilt.“
„Aha.“
„Je weiter eine Lady kommt, umso mehr Dollars kann sie dabei verdienen.“
„Dollars? Echtes Geld?“
„Ja, Geld.“ Marlene war sichtlich aufgeregt und teilte Mark mit, dass sie bald schon trainieren werde.
„Aber doch nicht mit Heide?“
„Doch… Ich hab doch keine andere.“
„Sie scheint nicht geeignet für dich…“
„Warum nicht?“
„Du sagtest vorhin doch selber, dass du sie locker schlägst… Bis auf einmal, wenn ich recht erinnere.“
„Ja…, und da hab ich sie gewinnen lassen.“
„Warum?“
„Weil sie auch mal erleben sollte, wie es sich anfühlt zu gewinnen. Ich meine, wer verliert schon gern ständig…“
„Du bist so lieb.“ Mark drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. „Aber Heide ist wirklich nicht geeignet, mit dir zu trainieren.“
„Du meinst, weil sie zu schwach für mich ist?“
„Ja. Du bräuchtest eine, die dich wirklich mehr fordert.“
„Woher nehmen?“
„Ich weiß es nicht… Werde mich mal umschauen.“
„Echt?“
„Vielleicht kann meine Schwester dir weiterhelfen.“
„Du hast eine Schwester?“
„Ja, Julia. Sie ist allerdings schon einundzwanzig.“
„Mark, ich möchte mich nicht mit deiner Schwester…“ Sie befürchtete, dass dies nur Komplikationen bringen würde.
Ohne zu merken, hatten Heidi und Donald die Flasche Weißwein geleert. Die extrem angenehm warme Sommernacht hatte die Zeit wie im Fluge vergehen lassen. Heidi hatte sich mit dem Nachbarn gut und angeregt unterhalten. Wenn der Siebenundzwanzigjährige auch nicht das Aussehen von Mark hatte, sympathisch war er allemal. Und bescheiden. Für Heidi war diese Tugend sehr wichtig. Seine Zurückhaltung empfand sie als angenehm, zumal sie die, gerade nach den Vorkommnissen der zurückliegenden letzten Stunden, dringend benötigt hatte.
„Soll ich uns noch ein Glas Wein holen?“
„Danke, für mich nicht mehr.“ Heidi spürte den Genuss des schweren kalifornischen Weines längst im Kopf und in den Knochen. „Meine Freundin wird sicherlich bald kommen.“ Sie hatte ihm in der Zwischenzeit erzählt, dass sie mit Marlene hier ein Jahr lang wohnen würden. Er hatte geantwortet, dass er sie bereits zusammen gesehen hatte. „Von hier oben…, als ich mit ihr auf dem Balkon war?“, hatte sie gefragt. Als er betreten genickt hatte, und sogar leicht rot im Gesicht geworden war, war sie ihm mit der Hand durch das Haar gefahren und hatte ihn auf die Wange geküsst. Danach hatten sich beide geduzt.
„Deine Freundin Marlene bleibt aber ziemlich lange fort… Für ihre gerade mal sechzehn Jahre.“
„Dafür hatten wir Gelegenheit, uns richtig gut kennenzulernen.“
„Stimmt. Es war sehr schön mit dir.“
„Donald, mir kommt es vor, als kenne ich dich schon mein Leben lang.“ Heidis beinahe frivol anzügliche Bemerkung hatte mit dem Weinkonsum zu tun und war ihr deshalb auch nicht peinlich. „Du bist so ein Typ, vor dem man keine Geheimnisse verbergen kann.“ Sie stand aus dem gemütlichen Korbstuhl auf und merkte, dass der Wein ihr mehr in den Gliedern steckte als gedacht. Vorsichtig schlich sie zur Balkonbrüstung und starrte auf den schwarzen Ozean, von dem eine leichte Brise herauf wehte. Dass Donald kurze Zeit später neben ihr stand, empfand sie anregend. Genau in dem Augenblick, als ihr Gesicht sich seinem näherte, klingelte es an der Haustür. „Marlene. Das wird Marlene sein.“
Marlene stand mit ermittelndem Gesichtsausdruck vor der Tür. Heidi erklärte ihr in umständlichen Worten und mit schwerer Zunge den Umstand ihres Hierseins. „Komm doch kurz rein…“
„Es ist zwei Uhr nachts, mach lieber, dass du schnellstens mitkommst“, entgegnete Marlene ziemlich gereizt und tat keinen Schritt über die Türschwelle.
„Die Herrin hat gerufen“, sagte Heidi spaßend zu Donald und zwinkerte ihm mit den Augen zu. „Und die Dienerin hat zu gehorchen…“
„Setzen Sie sich doch einen Moment zu uns“, bat er Marlene.
„Nein, vielen Dank… Ich möchte ins Bett. Heidi, wird’s bald?“
„Ich komm ja schon“, antwortete Heidi. Sie bedankte sich gei Donald und trottete, leicht schlängelnd, hinter ihrer Freundin die Treppen zum gemeinsamen Appartement hinunter.
Als die Wohnungstür geschlossen war, guckte Marlene ihre Freundin prüfend von oben bis unten an, schüttelte mit dem Kopf und fragte, ob sie nicht ganz dicht sei.
„Wieso?“
„Wieso? Guck dich doch mal an…, dann weißt du was ich meine.“ Heidi kam ihrer Forderung nach und sagte leicht lallend: „Ach so… Du meinst, weil…“ Sie deutete auf den Rocksaum und sagte: „In den Räumen war es durch die Klimaanlage ziemlich kalt. Als ich auf den Balkon ging, war es zu warm, da hab ich den langen Rock gegen diesen hier getauscht. Na ja, das andere hab ich vergessen.“
„Unmöglich“, antwortete Marlene mit geschlossenen Augen. „Erst das Theater im Restaurant…, und dann sowas…“ Heidis beschwingte Laune begann leicht ins Alberne zu verfallen. Sie wiederholte die Umstände, die dazu geführt hatten in einem bedenklichen Tonfall. Dann wandte sie sich ab und ging auf den Balkon. Marlene giftete ihr hinterher, dass sie besser ins Bett gehen solle.
„Das ist meine…, meine Sache.“ Heidi stellte sich ans Geländer und blickte auf den nun vom Mond leicht erhellten Atlantik. Als das Drumherum begann, sich um sie zu drehen, ließ sie von der Brüstung los und plumpste schwerfällig in den Liegestuhl. Sie hörte, wie Marlene irgendwelche Wortfetzen von sich gab. Diese schienen ihr zu gelten. Heidi blieb gedanklich uneinsichtig. Marlene hatte ihr keinerlei Vorhaltungen zu machen. Ihr Blick hatte etwas von einer Mutter die böse mit ihrem ungehorsamen Kind war, weil es sich beim Spielen schmutzig gemacht hat. „Unmöglich“, brabbelte Heidi kopfschüttelnd. Kurz danach war sie eingenickt.
Marlene hatte ihre Freundin aus den Augenwinkeln beobachtet, wie die am Balkongeländer stand und ins Meer starrte, um sich gleich danach in den Stuhl fallen zu lassen. Sie ging zum Küchenschrank und kramte ein Glas hervor, das sie mit einem Schluck Rotwein halbvoll füllte. Nach den vielen Säften war ihr jetzt danach. Marlene nippte sichtlich zufrieden am Wein. Im Grunde war sie mit allem zufrieden. Als sie zurückkam und den Zettel an der Tür sah, hatte sie mit dem Kopf geschüttelt. Heidi sei beim Nachbarn Donald Perkins, hatte darauf gestanden. Und als dieser Donald die Wohnungstür öffnete und sie Heidi sah, die seitlich von ihm stand, traute sie ihren Augen nicht. Und ihrem Verstand auch nicht. Ihre Freundin hatte den kurzen Rock an, den sie ansonsten nur zu Hause trug. Lasziv, fast liederlich blitzten – nein guckten – nicht nur die Spitze deren rosafarbenen Unterrocks hervor. Sie hatte keine guten Gedanken für Heidi übrig gehabt. Überkandidelt hatte ihre Freundin sie gebeten, doch kurz reinzukommen. Da hatte sie gemerkt, dass sie nicht mehr ganz nüchtern war. Das hatte sie endgültig davon abgehalten, die Wohnung des Nachbarn zu betreten. „Die Herrin hat gerufen. Und die Dienerin hat zu gehorchen.“ Danach war die Dienerin mitgekommen. Sie hatte das wie ein Signal gedeutet. Es war das erste Mal, seit der Ankunft in Florida, dass Heidis Verhalten auf heimische Verhältnisse hinwies. Auch wenn ihre Freundin das eher spaßig und im angeheiterten Zustand gemeint hatte, war sie nur allzu gern bereit, den Ball aufzufangen. Die Gelegenheit schien ihr günstig, endlich die Verpackung der lächerlichen Verantwortung zu öffnen. Entgegen ihrer Laune, die nach dem Abend mit Mark mehr als ausgezeichnet war, hatte sie ihre unausstehliche Maske der Zurechtweisung aufgesetzt. Sie hatte Heidi gefragt, ob sie nicht ganz dicht sei. Ungehorsam, vereint mit viel Respekt, hatte sie in deren Augen ablesen können. Auch wenn ihre Freundin gemeint hatte, dass das deren Sache war. Heidis Rückzug auf den Balkon deutete sie wie eine Flucht. Nicht einmal verbal war Heidi in der Lage gewesen, auch nur halbwegs dagegenzuhalten. Ja, heute war ein guter Tag.
Marlene nahm den anderen Stuhl und stellte ihn dicht an die Balkonbrüstung. Dann setzte sie sich darauf und schaute gedankenversunken ins Dunkel der Nacht. Hin und wieder blickte sie zu Heidi, die tief und geräuschlos schlief. Wer ist denn hier für wen die Respektsperson? Sie schüttelte fahrig mit dem Kopf und blickte auf die Uhr. Fast Halb drei. Marlene sann, dass es Zeit wäre ins Bett zu gehen. Soll ich Heidi wecken? Sie stand leise auf und ging ins Badezimmer, um sich bettfertig zu machen. Danach nahm sie die Auflage vom Terrassenstuhl und rückte die anderen Möbel an die Wand. Heidi schien im Schlaf zu reden. Kurz darauf schlug sie die Augen auf und murmelte: „Was…? Scher dich zum Teufel.“
„Was? Geht’s dir nicht gut?“
„Was?“ Heidi war orientierungslos, wusste nicht, wo sie war.
„Steh endlich auf und leg dich ins Bett“, forderte Marlene sie auf.
„Wozu?“
„Damit du morgen wieder einigermaßen klar bist.“
„Klar…?“
„Ja!“
„Ach lass mich doch…. Hau doch ab…, zu deinem…, deinem Mark…“ Heidi hatte sich umständlich aus dem Liegestuhl erhoben und sich neben Marlene gestellt.
„Eifersüchtig?“
„Ich? Auf den…? Warum sollte ich?“
„Du treibst es anscheinend lieber mit Opas…“
„Rede keinen Unsinn. Donald ist siebenundzwanzig.“
„Die Einzige, die hier Unsinn redet, bist du.“
„Marlene, übertreib es nicht…“ Heidi sah Marlene an, die sie dabei herabwürdigend beobachtete. „Ich lass mir von dir doch nicht den Abend verderben…“
„Den hast du dir doch selber verdorben“, konterte Marlene mit vorwitzigem Gesichtsausdruck. „Und zwar gründlich.“
„Sei nicht kindisch.“
„Ich? Das musst du gerade sagen… Wer hat sich denn den ganzen Abend so närrisch benommen, als wäre er ein Zirkusclown? Das alles war doch schon reif fürs Witzblatt.“ Heidi schluckte. Der Vorwurf hatte wehgetan. Und ihr schlagartig klargemacht, dass Marlene keine Skrupel hatte, eine andere, wesentlich härtere Gangart einzuschlagen. Eine, die fernab von dem lag, was bislang zwischen ihnen vorgekommen war. Und eine, die ihr klarwerden ließ, dass Marlene alles daransetzte, um die heimischen Verhältnisse endlich nach Florida zu übertragen.
Heidi war zu verzottelt im Kopf, das alles vernünftig zu ordnen. Da schoss Marlene einen weiteren Giftpfeil in ihre Richtung. „In allem, was uns unterscheidet, wirkst du als die drei Jahre jüngere… Du hältst es ja nicht einmal für nötig, hier und jetzt deinen Rock zu wechseln…“
„Wir…, wir sind doch unter uns…“, antwortete Heidi eher tonlos. Marlene hatte durch meine Missgeschicke doch einen erfolgreichen Tag. Warum empfindet sie keine Spur Mitleid für mich? Wahrscheinlich hat sie nur auf die erstbeste Gelegenheit gewartet, um… Ach, was weiß ich… Oder ist es einfach nur der Weißwein, der meine Sinne so verstrickt denken lässt?
„Unter uns… Unter uns… Merkst du denn gar nichts mehr? Du machst dich in letzter Zeit nur noch lächerlich…“
Wie von einer Inspiration getrieben, zuckte Heidis Arm vor. Es war nur eine kurze aber heftige Reflexbewegung, der Handballen traf Marlene direkt auf der Nase. Die Sechzehnjährige taumelte einige Schritte zurück und hielt sich am Geländer fest. Dann fasste sie sich an die Nase. Heidi erschrak, dass sie ihre Freundin mit einem Schlag beinahe niedergestreckt hatte. Sie näherte sich ihr und bat um Entschuldigung.
„Warum hast du das getan?“, flüsterte Marlene. Der Klang ihrer Stimme war ein anderer, einer der nichts von dem hatte, wie noch vor Minuten.
„Ich weiß es nicht, Marlene… Es war mehr eine unbeabsichtigte Bewegung… Ein ungewollter Reflex.“ Ungewollt? Es hatte sich schon eine gehörige Portion Zorn aufgebaut. Marlenes bissige Bemerkungen hatten Heidi aggressiv gemacht und zu der Affekthandlung hinreißen lassen. Ihre nebulösen Gedanken ahnten, dass irgendetwas nicht stimmte. Marlene stand noch immer einschüchtert am Geländer. Sie tastete ununterbrochen vorsichtig an ihre Nase und schien ernsthaft angeschlagen. Ich hab sie doch nicht etwa…?
„Ungewollt, das soll ich dir glauben?“
„Wirklich, Marlene… Heißt das nun…?“
„Was?“
„Dass ich dich mit diesem einzigen Schlag besiegt habe? Der…, der auch noch unabsichtlich war…“
„Heidi…, tickst du nicht ganz richtig, oder ist dir der Alkohol wirklich so zu Kopf gestiegen?“
„Warum?“ Heidi ärgerte sich über Marlenes Worte.
„Wenn du jemanden ohne Vorwarnung angreifst, heißt das doch nicht automatisch, dass du dann auch gesiegt hast.“
„Ich hab dich nicht angegriffen.“
„Du hast mir aus heiterem Himmel auf die Nase gehauen…“
„Es war ein Versehen.“
„Ein Versehen. Aha.“
„Ja.“
„Du schlägst mir aus Versehen auf die Nase?“ Marlenes hatte inzwischen ihre linke Hand vom Geländer genommen und lehnte mit dem Rücken dagegen.
„Ja..., das sagte ich schon.“
„Und was ist das…?“ Marlene ging zwei Schritte auf Heidi zu und schlug ihr die flache Hand ins Gesicht.
„Aua, Marlene…“
„Verzeihung, mir ist nur die Hand ausgerutscht…, auch aus Versehen.“
Heidi ging sofort in Abwehrstellung. Der Rausch, hervorgerufen durch die Wirkung des Weines, war schlagartig dahin. In ihr nistete nun pure Entrüstung über die Reaktion ihrer Freundin. Heidi wusste nicht genau, ob sie sich kommentarlos damit abfinden sollte. Inmitten ihrer Unentschlossenheit holte sie aus und revanchierte sich mit einer schallenden Ohrfeige. Marlene, die wiederum damit nicht gerechnet hatte, hielt sich die Hände vor das schmerzende Gesicht. Heidi nutzte die Passivität ihrer Freundin und nahm sie rasch in den Schwitzkasten. Die Neunzehnjährige frohlockte innerlich, dass ihr Vorstoß so erfolgreich und mühelos vonstattenging. Als Heidi Marlene niedergedrückt hatte und die keuchend auf dem Hinterteil saß, dachte sie selbstzufrieden an Kathy, die ihre Schülerin Liza ebenfalls zu Boden gerungen hatte. Zufrieden mit sich, wandte sie ihrer Freundin unüberlegt den Rücken zu.
„Heidi?“, fragte Marlene, die sich inzwischen erhoben hatte.
„Ja?“ Noch während Heidi neugierig auf den Inhalt der Fragestellung wartete, wurde sie von der hart schlagenden rechten Hand Marlenes getroffen. Die Neunzehnjährige taumelte einige Schritte rückwärts. Marlene ließ keine Zeit verstreichen, um überfallartig deren Kopf zwischen ihrem rechten Arm zu pressen. Heidi krächzte unverständliche Laute hervor. Marlene ging nicht darauf ein, sondern verstärkte den Druck. Im nächsten Augenblick lag Heidi rücklings auf den Fliesen des großen Balkons. Sie mühte sich in die Hocke und probierte von dort aus mit beiden Armen Marlenes Beine zu umklammern. Die kam ihr jedoch zuvor und zog fest an Heidis langen Haaren. Heidi schrie kurz auf. Dann fing sie einige weitere hart geschlagene Ohrfeigen und bat mit stockender Stimme, aufzuhören. Marlene stellte ihre ziemlich gnadenlose Offensive augenblicklich ein. Heidi stakste wie in Trance zum Geländer, umfasste es und ließ sich dann auf die schmerzenden Knie nieder. Der total verkorkste Abend zog im Zeitraffer an ihr vorüber. Dann fing sie bitterlich zu weinen an.
Marlene, die sich auch diesmal gewisse Probleme mit ihrer Freundin eingestand, atmete schwer und unregelmäßig. Dass sie sich letztendlich wieder einmal durchgesetzt hatte, beruhigte und befriedigte sie. Das Wie erstaunte sie. Heidi hatte sich abermals beherzt gewehrt. Aber auch das hatte ihr vor einer neuerlichen Niederlage nichts genützt. Sie sah zu ihr herab und empfand plötzlich tiefes und ehrliches Mitleid mit ihr. Wie sie da weinend an der Brüstung hockte, mit einer ihr nicht ziemenden schludrigen Kleiderordnung. Da sie Heidi besser kannte als irgendjemand anderen, wusste sie, dass ihrer Freundin die ziemlich unmoralischen Offenbarungen des Abends schwer zugesetzt haben mussten. Heidi war stets darum bemüht, sich als perfekte Dame zu präsentieren, der man niemals Achtlosigkeit oder gar Schlamperei bei der Kleiderordnung unterstellen konnte. Im Grunde war sie in diesen Dingen geradezu eine Ästhetin. Ihr taten ihre vorschnell geäußerten Vorhaltungen aufrichtig leid, Heidi hätte sich närrisch benommen wie ein Zirkusclown. Dabei wusste sie, dass sich niemand mehr geschämt haben musste, als ihre allerbeste Freundin. Dass sie später dann noch den Rock gegen einen kürzeren tauschte, ohne auf die Möglichkeiten eines erneuten Fauxpas zu achten, schob sie deren chaotischen Momenten in dem Fastfood-Restaurant zu.
Sie bat Heidi aufzustehen, um ihr im selben Augenblick dabei zu helfen. Sie führte ihre deprimierte Freundin ins Wohnzimmer, setzte sie behutsam aufs Sofa und fuhr ihr gutmütig durchs Haar. Feinfühlig wog sie ab, ob sie über den vorangegangen Kampf sprechen sollte. Sie überdachte gerade die Wortwahl der Komplimente, die Heidi verdient hatte und die sie ihr spendieren wollte, als die Neunzehnjährige selber davon anfing: „Es hat sich nichts daran geändert…“
„Dass du gegen mich verlierst?“
„Ja. Auch hier in Florida bin ich es, die von dir dominiert wird… Eindeutig dominiert wird.“
„Na ja…, so leicht hast du es mir diesmal aber nicht gemacht… Eigentlich wie noch niemals vorher.“
„Das sagst du jetzt nur so daher..., um mich zu trösten…“
„Nein, Heidi, das ist meine ehrliche Meinung… Brauchst du denn Trost?“
„Ich weiß nicht…“ Heidi sann, dass sie zwischenzeitlich von ihrem Erfolg ziemlich überzeugt war. Der Trugschluss, den sie nun auch körperlich spürte, veranlasste sie, sich die linke schmerzende Wange zu betasten. Sie brannte fast wie loderndes Feuer. Und eine weitere Träne kullerte über ihr verheultes Gesicht. Im Grunde wäre ihr Trost der Sechzehnjährigen nicht unangenehm.
„Bist du sauer, dass wir uns hier gekloppt haben?“
„Hier?“
„Ich meinte hier in Florida… Es war ja hier und heute das erste Mal.“
„Nein, Marlene, sauer bin ich deshalb nicht… Und auch nicht darüber, von dir so abgefertigt zu werden… Sauer bin ich wegen dem, was mir in diesem Restaurant…“
„Glaub ich dir… Kann ich auch gut verstehen. Das musst du mir glauben. Mir tut leid, dass ich dich Zirkusclown genannt habe. Und auch meine anderen Vorwürfe waren nicht so gemeint.“
„Dabei weiß ich, dass ich mich genau wie ein solcher benommen hab…Ich kann mich doch dort nie wieder sehen lassen.“
„Heidi, übertreibst du nicht nun ein bisschen?“
„Das war mir alles so schrecklich peinlich.“ Heidi war felsenfest davon überzeugt, dass sie zumindest bei Marlene und Mark noch für viel Gesprächsstoff gesorgt hatte. Marlene danach zu fragen, traute sie sich nicht. Es war ein gründlich danebengegangener Abend. Nicht mehr – aber leider auch nicht weniger. Sie wandte ihren Gedanken dem vorangegangenen Fight zu. Auch wenn sie ihrer Freundin wesentlich entschlossener entgegengetreten war, gereicht hatte es wieder nicht. Es war wie in der Heimat gewesen. Sie hatte sich über ihre Freundin geärgert, und wollte ihr einen Denkzettel verpassen. Und wieder einmal war sie es, die den Denkzettel verpasst bekam. Heidi rieb sich erneut die schmerzende Wange. Das Gerüst der Schein-Führung, das von ihren und Marlenes Eltern mit viel Hochachtung eingerichtet wurde, war eingestürzt. Zunächst hatte sie selber dafür gesorgt, indem sie sich in dem Restaurant bis auf die Knochen blamierte, dann hatte die Sechzehnjährige dazu beigetragen, ihr die Realität vor Augen zu führen. Deutlich. Und brutal. Marlene hatte nahtlos an ihre Machtposition in der Heimat angeknüpft. Inwieweit Marlene ab jetzt darauf hinweisen oder gar ausnutzen würde, blieb abzuwarten. Sie erinnerte sich an die Gedanken, die sie nach der Fernsehsendung gehabt hatte. Das Gefühl der Devotion war dabei, langsam wieder Platz in ihr zu nehmen. Ganz zaghaft und langsam, aber sie konnte sie spüren. Sie mühte sich, ein gequältes Lächeln zu fabrizieren und fuhr ihrer Freundin barmherzig durchs Haar, und sagte mit zittriger Stimme: „Ich gehe in mein Zimmer und leg mich schlafen, war nicht mein Tag heute.“
Im Bett gingen ihr noch einige Gedanken, deren zerzauste Eigenschaften von der kurzen aber heftigen Prügelei und der anschließenden Sinnesempfindung geprägt wurden, durch den Kopf. Wie es beispielsweise wäre, wenn Mark mit seinen außergewöhnlichen Augen, zusehen würde, wenn Marlene und sie gegeneinander kämpften. Wenn es so läuft, wie vorhin, dann… Aua, meine Wange brennt und schmerzt. Wenn es so läuft… Was soll das? Es läuft doch immer so. Am Ende krieg ich von ihr die Huke voll. Ich kann es ertragen, dass Marlene mich besiegt… Aber nicht, wenn Mark dabei zusieht. Ich könnte es niemals ertragen, wenn Marlene mich vor den Augen eines Mannes schlägt. Niemals. Was hat sie ihm über uns erzählt? Dass sie mich nach Lust und Laune kaltmacht? Wie er mich angesehen hat, als Marlene im Restaurant davon sprach, dass sie mich permanent besiegt. Okay, sie hat ihm auch nicht verschwiegen, dass sie einmal gegen mich verloren hat. Marlene und ich wissen, dass das wohl nicht ganz so war. Dass sie mich vermutlich absichtlich gewinnen ließ. Aber das weiß er ja nicht. Vielleicht würde er mir ja sogar die Daumen drücken…, wenn ich gegen Marlene… Ich kann mir nicht vorstellen, dass er und Marlene… Möglicherweise benutzt er Marlene nur, um mit mir in Kontakt zu bleiben. Aber nach diesem Abend? Ich hab alles vermasselt und mich benommen, wie eine dumme Gans. Nein, noch viel schlimmer. Und Donald? Donald ist ein richtig netter. Aber er ist nicht Mark. Und er hat auch nicht seine Augen. Würde ich mich vor Donald mit Marlene kloppen? Nein. Nein, auch nicht. Ich würde mich vor keinem Mann mit Marlene prügeln. Und wenn ich sie besiegen würde? Vielleicht dann? Aber die Frage stellt sich nicht… Aua, meine Wange schmerzt so sehr. Ich schaff das Mädchen einfach nicht. Meine allerbeste Freundin ist zu stark für mich. Mein Gott, wie sehr meine Wange brennt… Ich bin einfach zu schwach, um sie zu besiegen. Donald hat ein Fitnessstudio. Vielleicht könnte ich da…? Ich mag keine Mädchen mit Bizeps. Marlene hat auch keine ausgeprägten Oberarmmuskeln. Und trotzdem… Aber ein bisschen Training im Studio könnte nicht schaden. Ich muss es ja nicht übertreiben. Nur so viel, dass… Dass was? Dass ich Marlene ebenbürtig bin? Oder dass Mark weiß, dass ich es dann bin, die…? Dabei hab ich im Grunde nichts dagegen, dass Marlene diejenige ist, die… Unsere Abende waren immer schön... Gerade, nachdem sie mich besiegt hat. Aua, niemals zuvor schmerzte mir die Wange so sehr. Die Göttin hatte sich unterzuordnen. Und sie hat sich untergeordnet. Alle Jungs aus dem Heimatort haben mich begehrt. Oje, wenn ich daran denke. Wenn die wüssten, dass ich mich Marlene unterordne. Andreas weiß nur, dass sie mich mal verhauen hat. Und dass ich eine manische Angst vor Lydia habe. Aber er weiß nicht, dass ich mich Marlene unterordne. Er liebt mich. Und ich? Ich liebe ihn auch. Und Mark? Er kann Marlene gar nicht lieben. Und wenn doch? Pech. Ich hab ja Andreas. Mark mag Catfights. Und Andreas? In Deutschland ist das nicht populär. Hier zeigen sogar Fernsehsender solche Mädchenkämpfe. Und alle Männer… Alle? Sehr viele Männer schauen zu. Warum? Weil es ihnen gefällt, wenn sich Mädchen oder Frauen fetzen. Auch Mark. Sollte ich deshalb ebenfalls? Nein, nie. Nie? Ich glaub nicht. Aber wer weiß. Nein, ich kann mir das nicht vorstellen. Mich schlägt irgendeine Liza oder Carol. Oder Nancy, Jennifer, Kelly oder wie die alle heißen. Ich lass mich nur von Marlene besiegen. Wirklich? Anders herum wäre es auch mal nicht so schlecht. Wenn ich im Studio bin, dann… Ob ich Donald sage, warum ich bei ihm trainieren will? Mag auch er Catfights? Er sagte, dass bei ihm viele Frauen... Warum trainieren die im Studio? Donald könnte mir zeigen, wie ich meinen Körper aufbaue, damit… Damit was? Ich kann doch damit leben. Dass ich geschlagen werde? Aber nur von Marlene. Allerdings nicht vor diesen außergewöhnlichen Augen Marks. Soll ich Donald erzählen, warum ich sein Studio besuchen will? Er ist ein lieber. Ihm könnte ich alles erzählen. Aber ich denke nicht, dass ich ihm erzähle, warum ich… Oder soll ich alles so lassen, wie es ist? Heidi schlief über die ungeordneten, verzottelten Gedanken und mit der teuflisch schmerzenden Wange ein.
Heidi und Marlene schliefen am Donnerstag bis zum Mittag. Das späte Frühstück, das Heidi zubereitete, nahmen beide auf dem Balkon ein. Die Sonne schien von einem makellos blauen Himmel. Die verworrenen Geschehnisse lagen wie in einer Hülle aus dem Dunkel der letzten Nacht – nur Heidis Wange, die wie ein feuerrotes Signal glühte, zeugte davon. Marlene erkundigte sich fürsorglich über das Befinden ihrer Freundin. Heidi tat die Frage tapfer ab und verwies auf ihre Knie, die, wie sie betonte, das weitaus größere Übel darstellten. Während Marlene sich entschuldigte, zu hart zugeschlagen zu haben, entgegnete die Neunzehnjährige kleinlaut, dass sie ja selbst es war, wenn auch unbeabsichtigt, angefangen zu haben. „Dich trifft wirklich keine Schuld, Marlene. Ein weiterer Beweis, dass du es bist, die…“ Dass Heidi die Worte freizügig sagte, den Satz aber nicht beendete, wertete Marlene als Anzeichen, dass damit der Wiedererzeugung der heimischen Verhältnisse nicht mehr allzu viel im Wege stand. Und dass auch Heidi sich dem Prozess kaum mehr widersetzen würde. Deshalb fügte sie leise hinzu: „Ja, das war ein weiterer Beweis.“
Marlene erzählte von ihrem Abend, Heidi von den beiden Catfights im Fernsehen und den Stunden beim Nachbarn. Marlene verriet ihr daraufhin, dass Mark bereits mit dem Manager vom „Blue Fox“ gesprochen hatte.
„Du willst das wirklich machen?“
„Ja. Aber Mark hat gemeint, dass ich noch ein bis zwei Wochen warten soll…“
„Warum?“
„Erstens, um mir ein wenig die Mädels anzusehen. Zweitens, um ein bisschen zu trainieren.“
„Aha.“ Marlene erzählte ihrer Freundin von dem Modus, und dass man sogar Geld verdienen konnte. „Wenn ich nur zweimal siege, erhalte ich einen einhundert Dollarscheck.“
„Das wirst du ganz bestimmt.“ Marlene kam ihr unheimlich vor. Der Abend mit Mark schien sie irgendwie reifer gemacht zu haben. Heidi vergegenwärtigte sich, dass ihre Freundin erst sechzehn war. Noch nicht einmal so alt wie ich damals, als ich ihr beim Armdrücken unterlag. Marlene sprach ruhig und abgeklärt. Und gab sich auch so. Sie gab einleuchtende Antworten auf ihre Fragen, kaum kindische Auskünfte oder Erwiderungen. Und sie sah manierlich aus. Marlene knüpfte im Grunde an den gestrigen Abend an. An den Abend, als Heidi sich zum Gespött aller Restaurantgäste gemacht hatte. Die peinlichen Szenen huschten ihr im Kopf herum, wie Comic-Figuren, die die bizarrsten Dinge taten und nur Nonsens im Schilde führten.
Marlene machte den Vorschlag, den Tag am „Sea-Coast“–eigenen Strand zu verbringen. Gemeinsam dösten die Freundinnen in einer riesigen Hängematte, die zwischen zwei mächtigen Palmenstämmen gespannt war. Während der kurzen Wachphasen kamen nur träge Dialoge zustande. Erst am Nachmittag wurde die Unterhaltung lebhafter und die Thematik des letzten Tages und Abends mit einbezogen. Marlene erzählte Heidi eher beiläufig, dass sie demnächst vorhatte, mit einem Mädel zu trainieren. Als Heidi sich anbot, dieses zu übernehmen, antwortete Marlene, dass Mark gemeint hatte, dass das nichts bringen würde.
„Weil ich dich dir genug abverlange…?“
„Ja, so ungefähr.“
„Wahrscheinlich hat er damit Recht…“
„Obwohl…, heute Nacht…“
„Hm, na ja, anfangs hab ich auch gedacht, dass…“
„Ist für mich ja noch mal gut gegangen… Ich hätte es auch nicht ertragen, von dir verkloppt zu werden.“
„So schlimm…? Ich meine, was wäre daran so tragisch, wenn deine beste Freundin dich auch mal besiegt…?“
„Das geht gar nicht…, zumal jetzt, wo Mark mich dort angemeldet hat. Er würde davon erfahren.“
„Und das wäre so schlimm?“
„Ja.“
„Na ja, so wird er eben davon erfahren, dass du mich wieder einmal erledigt hast… Und alles so geblieben ist, wie es ist.“
„Wärest du sehr böse, wenn ich ihm davon erzähle?“
„Nein, Marlene, das entspricht ja auch der Wahrheit. Habt ihr gestern eigentlich noch viel über mich geredet?“
„So interessant bist du nun auch wieder nicht…, dass wir den ganzen Abend nur über dich…“
„Nein. Natürlich nicht.“ Heidi fühlte sich erneut kaltgestellt. Erst musste sie zu Recht über sich ergehen lassen, wie Marlene ihr eine Art Machtlosigkeit-Stempel aufdrückte. Gleich danach gab’s dann die nächste Spitze. Aber sie hatte die Weichen dafür ja selbst gestellt. Was fragte sie auch ziemlich unbescheiden, ob über sie gesprochen wurde. Hatte sie etwa gehofft, dass Marlene antwortete, Mark hätte den ganzen Abend nicht aufgehört, von ihr zu schwärmen? Wie blöd bist du eigentlich? Dass Marlene nicht geantwortet hatte, sie und Mark haben den ganzen Abend über sie gelästert, war schon ein Erfolg. Und Heidi wertete ihn als solchen. Nun konnte sie schon mit ihren Dialogen kaum mehr mit Marlene mithalten.
Heidi fing an zu schaukeln. Die Hängematte schwang hin und her. Marlene hatte gerade gemeint, dass ihr schwindelig würde, da passierte es. Heidi kam ins Rutschen. Sie konnte sich gerade noch an ihrer Freundin klammern, als beide aus der äußerst wackligen Matte herausfielen und unsanft auf dem Sandboden landeten. Während Heidi auf ihre ohnehin lädierten Knie stürzte, krachte Marlene auf deren Rücken. Marlene rappelte sich wieder auf und blickte auf ihre Freundin, die der Länge bäuchlings im Sand lag. Marlene erkundigte sich, ob etwas passiert sei, und um sofort selber nachzusehen.
„Meine Knie…. Ich bin direkt darauf gefallen. Ich denke, dass ich hochgehe und die Stellen auswasche, bevor der Sand in der Wunde schlimmeres anrichtet.“
„Kommst du allein zurecht?“
„Lieb von dir, aber ich komme wohl allein zurecht.“
Im Bad duschte Heidi vorsichtig den Sand von den Knien, die ihr schon am Morgen nach dem Aufstehen leicht entzündet vorkamen. Mist. Mit schmerzverzerrtem Gesicht salbte sie danach die aufgeschürften Stellen sanft ein. Auch die Wange, Zeugin der letzten Nacht, cremte sie üppig ein. Aus der Kammer kramte sie sich eine Liege hervor und baute sie auf dem Balkon auf. Seufzend legte sie sich drauf und las in einem Buch. Kurz darauf war Heidi eingeschlafen.
Das Telefon weckte sie. Der Dorman war dran und teilte ihr mit, dass im Foyer ein Mark Cunningham stand und zu ihnen hochwollte.
„Mark Cunningham…? Er will sicherlich zu Marlene Schulze… Ja, gut…, schicken Sie ihn hoch.“
Kurz darauf stand Mark ihr in der Tür gegenüber. Er deutete auf die übel aussehenden Knie und fragte: „Von gestern?“
Diese Augen…. „Ja.“
„Darf ich…?“
„Was?“
„Reinkommen.“
„Natürlich… Ja… Entschuldigung… Nehmen Sie doch Platz.“
„Waren Sie schon beim Arzt?“
„Warum?“
„Ihre Knie…“
„Ach so… Ja. Ich meinte…nein. Ich war noch nicht da… So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Jetzt geht mein geistloses Gestammel schon wieder los.
„Sieht aber wirklich nicht gut aus.“
Dafür siehst du umso besser aus. „Ich hab sie vorhin mit Wasser gespült und eingecremt.“
„Das ist sehr vernünftig.“ Heidi empfand die Antwort wie ein Kompliment, welches man Kindern gab, ganz nach dem Motto: Brav gemacht, Kleines.
„Sie wollten zu Marlene…?“
„Ja…, ist sie nicht hier?“
Kannst du sie hier irgendwo sehen? „Sie ist unten am Strand.“
„Aha… Ich kann etwas warten…“
„Wie spät ist es eigentlich?“
„Fünf Uhr.“
„Oh, schon fünf… Ich bin auf dem Balkon eingeschlafen.“
„Dann hab ich Sie geweckt? Tut mir leid…“
„Das war schon gut so… Ich verschlafe sonst noch den ganzen Tag…“
„Wer schläft, der sündigt nicht.“
Haha… Sehr witzig. „Das stimmt.“
„Wird sie bald hochkommen?“
„Ich denke ja.“ Heidi hatte sich mit dieser Antwort den Wunsch erfüllt, einige Minuten mit ihm allein zu sein.
„Marlen…“ Mark sprach den Namen breit und sinnig aus. „Ihre Freundin ist schon was Besonderes.“
„Ja…, das ist sie…“
„Sie will unbedingt bei dieser Veranstaltung mitmachen…“
„Ich weiß.“
„Ich glaube, sie hat das Zeug dazu.“
„Ich weiß.“
„Sie wird demnächst ein wenig trainieren…“
„Aha.“
„Sie wollte mit Ihnen…“
„Aha.“
„Ich hab Marlen gesagt, dass ihr das nicht viel bringt.“
„Aha.“
„Marlen braucht richtige Ladies.“
„Aha. Richtige Ladies…“
„Sorry, natürlich sind Sie eine richtige Lady. Aber wohl keine, die etwas im Ring zu suchen hätte.“
„Aha.“
„Oder denken Sie möglicherweise auch daran?“
„Woran?“
„So wie Marlen… Da mal mitzumachen.“
„Ich?“
„Ja.“
„Schauen Sie mich doch an…“
„Ja, und? Sie haben eine Traumfigur…“
„Thanks.“
„Ich wollte damit nur sagen, dass nicht viele der Mädels, die da mitmachen, solch eine Modelfigur haben.“
„Mark, Sie wissen doch das von mir und Marlene…“
„Ja, gestern haben wir davon gesprochen.“
„Sie und Marlene?“
„Nein, wir drei… Zu dritt, im Fastfood…“
„Ach ja.“ Heidi seufzte die zwei Worte erleichtert aus, weil sie im Moment gedacht hatte, dass Mark auf eine Unterhaltung mit Marlene anspielte, die die beiden ohne sie gehalten hätten.
„Und nur, weil Sie gegen Marlen… Von Marlen…“
„Genau. Weil ich permanent von Marlene verkloppt werde, muss ich mich nicht auch noch im Ring lächerlich machen.“
„Aber sie tun es doch gern.“
„Was, lächerlich machen?“
„Marlen sagte, dass Sie gern mit ihr kämpfen.“
„Hat Sie Ihnen das gesagt?“ Also doch. Wahrscheinlich das Gesprächsthema Nummer eins, gestern Abend, als beide zusammen waren. Die lahme Heidi ist ja sowas von blöd, kämpft gern gegen Marlene, obwohl sie weiß, dass sie jedes Mal den Kürzeren zieht.
„Ja.“
„Möchten Sie was trinken? Einen Kaffee vielleicht?“, wich Heidi vom Thema ab.
„Gern.“
„Was?“
„Kaffee… Aber nur wenn es keine…“
„Umstände macht? Nein, nein, Ich brauch auch dringend einen.“
„Fein.“ Während Heidi die Kaffeemaschine präparierte, stand Mark in der Küchentür und sah ihr aufmerksam dabei zu. „Mach ich alles richtig?“
„Sorry... Ich wollte Sie nicht beobachten.“ Heidi holte zwei Becher aus dem Schrank und drückte ihm die in die Hände. „Hier, die können Sie schon mal im Wohnzimmer auf den Tisch stellen.“
Wenig später saß Heidi ihrem Traummann gegenüber und trank mit ihm heißen Kaffee. Mark fragte, was sie gestern Abend, nachdem sie aus dem Restaurant gegangen war, gemacht hatte.
Neugierig bist du gar nicht. „Auf dem Balkon. Ich hab’s mir auf dem Balkon gemütlich gemacht. Und ein bisschen ferngesehen.“
„Welchen Film?“
„Film? Nein…, kein Film. Sie hatten auf eine Catfight-Sendung hingewiesen…“
„Und die haben Sie sich angesehen…“
„Ja. Es ging dabei um Probleme im Alltag… Ich meine, wenn zwei Mädels oder Frauen im…“
„The Challenge…“
„Ja… Genauso hieß die Sendung.“
„Und? Hat sie Ihnen gefallen?“
„War ganz interessant. Eine Lehrerin hat ihre Schülerin verdroschen…“
„Ach ne… Hat Kathy es tatsächlich geschafft? Ich hab in der Vorschau davon gehört.“
„Ja, sie hat. Und die, die ihren Freund…“
„Jennifer. Hat Jennifer gewonnen?“
„Nein… Diese, ähm…“
„Carol. Carol hat’s ihr gezeigt?“
„Ja. Jennifer war im Grunde chancenlos…“
„So wie Sie bei…“
Was soll das denn jetzt? „Bei Marlene… und mir? Sprechen Sie es ruhig aus. Es ist so.“
„Leider?“
„Was heißt leider. Schade. Bedauerlich. Was macht das für einen Unterschied. Ich weiß, dass einiges dagegen spricht, mich von ihr…“
„Ach, wissen Sie…Es gibt viel Schlimmeres.“
„Das denk ich auch.“
„Dann wird es wohl nie zu einem Duell zwischen Ihnen und Marlene im Fernsehen kommen…“
„Hätten Sie’s denn gern? Aber ich kann Sie beruhigen, es wird niemals ein Duell zwischen uns in der Öffentlichkeit geben.“
„Ja, das hat mir Marlene auch gesagt. Und außerdem, was würde Ihr Verlobter dazu sagen…“
„Mein Verlobter…?“
Fortsetzung folgt
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