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Heidi 12
Jahre 1985 – 1995
DER ARZTBESUCH
© Joicey Mcdonald 08. 2010
„Ja, der würde es sicherlich nicht gutheißen, wenn Sie…Weiß er davon?“
„Wovon?“
„Na ja…, dass Sie mit Marlen hin und wieder…“
„Ach das… Nein, davon hab ich ihm nichts erzählt“, log sie und ihr war wohl dabei.
Es klingelte an der Tür. Heidi stand auf und sagte, dass das wohl Marlene sei. Mein Verlobter… Marlene, welche Lügen hast du ihm noch aufgetischt? „Oh, hallo Donald.“
„Miss Heidi…“
„Schon so früh aus dem Studio zurück?“
„Ach, du hast Besuch?“
„Ähm… Nein. Ja, nein, das ist Mister Cunningham… Er wollte zu Marlene…“
„Ich komm dann später wieder vorbei…“ Donald verschwand so schnell, wie er gekommen war.
„Ihr Verehrer?“, fragte Mark in einem leicht verspottenden Ton.
„Nein“, biss Heidi zurück. Verlobte sind sich treu. „Ein guter Nachbar.“
Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, Marlene trat in den Flur. „Heidi, warum bist du denn nicht mehr runtergekommen? Ich hab auf dich gewartet.“
„Du hast Besuch, Marlene.“
„Was?“ Marlene betrat mit erwartungsvollen Augen das Wohnzimmer. „Oh, Mark…, das ist aber eine Überraschung. Bist du schon lange hier?“ Mark breitete die Arme aus und drückte Marlene fest an sich. „Ungefähr eine halbe Stunde…“
„Heidi, warum hast du mich nicht gerufen?“
„Weil dein Freund hier auf dich warten wollte.“ Dein Freund… Uff, das ging nicht leicht von den Lippen.
„Trotzdem…“
„Was heißt trotzdem… Er wollte auf dich warten… Hier.“
„Du bist unmöglich“, maulte Marlene und schüttelte den Kopf.
„Entschuldigung, Marlene.“
„Ach ne, ist aber verdammt ärgerlich.“
„Ich habe gerade versucht, mich bei dir zu entschuldigen, Marlene.“
„Trotzdem.“
Marlene, die die Atmosphäre aus neu gewonnener Selbstsucht vorsätzlich vergiftet hatte, stellte sich schmollend vor ihre Freundin und unterstrich damit deutlich die abweichenden Körperdimensionen. Der Größenunterschied von fünfzehn Zentimeter war nicht das Einzige, was Marlene durch diese Positionierung nachdrücklich hervorhob. Den Unterschied machten noch einige andere Merkmale aus.
Mark, der Heidi bislang nur von deren tapsigen Veranstaltungen und pikiertem Gehabe im Restaurant kannte, hatte seinen Eindruck von gestern erheblich geradegerückt. Das Gespräch mit ihr hatte ihm gefallen, auch wenn die ältere Freundin von Marlen sich nicht außergewöhnlich geistreich dabei angestellt hatte. Er dachte an deren lächerlichen Wortwiederholungen, als er davon berichtete, dass Marlen demnächst trainieren wollte. Ihm ging das ständige „Aha“ nicht aus dem Sinn. Aber er hatte auch festgestellt, dass die Neunzehnjährige mit ihren langen dunklen Haaren ein bildhübsches Gesicht besaß. Deren leicht geschwungene Nase ließ sie unglaublich sanftmütig erscheinen. Wie eine richtige Lady. Allerdings war ihm die leichte Rötung auf der linken Wange nicht entgangen. Er führte die auf Heides Sturz in dem Toilettenraum zurück. Marlene wirkte dagegen eher hausbacken, geradezu unreif. Und dennoch, war sie es, die tonangebend zu Heidi heraufschaute und sie mit anklagenden Worten geradezu verunsicherte. Er wusste nicht genau, ob es das war, was er mochte und wollte. Aber er registrierte, dass Heide sich von ihrer Freundin komplett einschüchtern ließ. Und dass Marlen nicht nachgab. „Ich jedenfalls, hätte dich sofort benachrichtigt, wenn…“ Mark machte mit sich ab, sich nicht in deren verbalen Zwist einzumischen.
„Ach, lass mich doch…“
„Heidi, reagierst du jetzt nicht ein wenig daneben…?
„Warum?“
„Warum? Weil ich eine Entschuldigung von dir erwartet hätte. Aber das hat die Lady ja nicht nötig. Warum auch? Ist ja auch nicht Besuch für dich gewesen… Ist ja nur mein Besuch gewesen, da spielt es für dich natürlich keine Rolle…“
„Marlene, ich…“
„Unterbrich mich nicht, wenn ich mit dir rede... Ich wollte nur damit sagen, dass es keine Rolle für dich spielt, ob oder wann ich davon erfahre, dass jemand mich besuchen kommt.“
Heidi wandte sich wortlos von ihrer Freundin ab und verließ das Wohnzimmer, weil sie wusste, dass Marlene nicht locker lassen würde. Und weil der kleine Streit mit ihr schnell zu mehr werden konnte. Dann hätte Mark möglicherweise seine Klopperei gehabt… Und ich…? Sie ging ins Badezimmer, um ihre Knie noch einmal einzucremen. Ihr war, als hätte sie eine weitere Niederlage eingesteckt. Dass sie verbal nicht in der Lage gewesen war, Marlene zurechtzuweisen, ärgerte und führte sie auf Marks Gegenwart zurück. Was hab ich mit Mark zu tun? Die Gespräche zwischen den beiden konnte sie nicht verstehen, weil sie die Badezimmertür hinter sich zugemacht hatte. Ihre Eitelkeit begann einer Art Minderwertigkeitsgefühl Platz zu machen. Sie sah sich ihr Gesicht im Spiegel an, und tastete behutsam über die immer noch schmerzende Wange. Hoffentlich hat Mark die Rötung nicht bemerkt.
Marlene musste, nachdem Heidi aus dem Zimmer gegangen war, schmunzeln. Das, was schon seit langem in ihrem Innersten tobte, hatte sie soeben verbal herausgelassen. Sie war zufrieden mit sich und dem Ergebnis. Und sie war bereit, mehr dafür zu tun. „Als ich in der letzten Nacht hier ankam, war ein Zettel an der Wohnungstür befestigt. Heidi hatte sich ausgesperrt und hockte bei einem Nachbarn…“
„Ach… Vorhin war einer kurz hier. Der könnte es gewesen sein.“
„Vielleicht war das der Donald…“
„Ja, genau… Donald hat sie ihn genannt.“
„Na…, jedenfalls bin ich hoch zu ihm… Was soll ich dir sagen… Sie hatte den gleichen kurzen Rock an, den sie auch heute trägt. Ihr Unterrock schaute einen halben Meter raus…“
„Was? Ich dachte, das passiert ihr nur in Restaurants.“
„Ja. Sie sollte ein bisschen mehr darauf achten.“ Marlene, die nicht sicher war, ob der Zauber Heidis ihn bereits erreicht hatte, betrieb intensive Prophylaxe. Irgendwie war es ihr so vorgekommen, als hätte Mark sie ganz anders angesehen als noch gestern. Sie ging zur Therapie über. „Schon zu Hause in Deutschland hat sie damit so manche Show abgezogen…“
„Wirklich? Warum?“
„Ich weiß nicht, was sie damit bezweckt. Einmal in einer Disco… Einmal im Café“, erfand sie flink.
„Da auch? Ich meine, das gestern im Restaurant…, das war eher tragikomisch, dafür konnte sie nichts…“
„Ich finde das einfach nur lächerlich… Na ja, jedenfalls…, seit sie verlobt ist, passiert ihr das eigentlich nicht mehr.“
„Dafür fängt das hier in den Staaten wieder an“, fügte Mark salopp hinzu.
„Scheint so… Nun…“ Marlene stockte, weil sie die Badezimmertür hörte.
Heidi stand betrübt im Wohnzimmer und fragte Mark Cunningham nach einem Arzt, der ihre Knie behandeln könnte. „Die Schürfstellen scheinen sich weiter entzündet zu haben. Bevor noch mehr passiert…“
„Miss Heide…, es gibt einen Doktor bei der Collins, 88.te. Das ist die einzige Praxis, die um diese Zeit noch geöffnet hat. Zumindest hier in der Nähe.“
Heidi sah auf die Uhr. „Ach, es ist ja auch schon nach sechs.“
„Soll ich Sie fahren?“
„Ist es denn sehr weit?“
„Naja… Nicht so…, aber zu Fuß ist das nicht mehr zu schaffen. Schon gar nicht mit solchen geschundenen Knien.“
„Dann nehm ich Ihr Angebot dankend an.“
„Wir lassen zuerst mal das Sie… Ich bin Mark.“ Heidi beäugte Marlene, wie Mark von der Couch aufstand, zu ihr ging und sie obligatorisch auf die Wange küsste. „Heidi…, aber das wissen…, das weißt du ja…“
„Ja, Heide.“
„Ich komme mit“, sagte Marlene nachdrücklich, damit erst keiner auf die Idee kommen konnte, sie würde hierbleiben.
„Natürlich, Marlen.“
„Gut, ich zieh mich nur schnell um“, sagte Heidi erleichtert. Der Gang ins Wohnzimmer war ihr nicht leicht gefallen. Sie hatte zwar nichts von der Unterhaltung mitbekommen, war sich aber sicher, dass über sie gesprochen wurde.
Wenig später saß sie auf dem Rücksitz des schneeweißen Chevrolets. Plakativ lehnte Marlene während der kurzen Fahrt ihren rechten Arm auf Marks Schulter. Nachdem er Heidi den Eingang der Praxis gezeigt hatte, aber keinen Parkplatz fand, sagte er, dass sie schon mal reingehen sollte. „Ich versuch in der Zwischenzeit einen Stellplatz zu finden. Wir kommen dann nach.“
„Danke Mark, aber das ist nicht nötig…“
„Warum nicht?“
„Ich nehme mir ein Taxi zurück… Wer weiß, wie lange das dauert.“
„Wirklich nicht? Kommst du allein zurecht?“
„Natürlich, Mark. Trotzdem, danke…“
Nachdem Heidi sich bei der Rezeption angemeldet hatte, ging sie ins Wartezimmer, hängte ihre leichte Leinenjacke auf den Garderobenhaken und nahm Platz. Drei Frauen und ein junger Mann saßen Magazine lesend auf den Stühlen. Wenigstens ist es nicht so voll hier. Sie rechnete hoch, dass sie in gut einer halben Stunde aufgerufen würde. Wobei ich nicht weiß, wie viel Zeit sich die Ärzte hier nehmen. Während Heidi ebenfalls in einer Zeitschrift blätterte, spürte sie, wie Blicke sie geradezu durchbohrten. Neugierig lugte sie über den Rand des Magazins. Der mittelblonde junge Mann, den sie auf Anfang zwanzig schätzte, saß ihr gegenüber, senkte den Kopf und blickte verlegen in sein Heft. Mehrmals wiederholte sich der Ablauf. Er sieht ja ganz niedlich aus…, mit seinem Grübchen. Sie sah, wie ihr Gegenüber unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschte. Heidi sah auch, dass er sich angestrengt bemühte, sie nicht anzustarren. Es gelang ihm nicht. Jetzt lächelt er mich auch noch an.
„Der nächste, bitte.“ Der Zauber schien dahin, denn der junge Mann war dran. „If you wanted, please.“ Heidi zuckte zuerst mit der Schulter, dann zeigte sie fragend mit dem Finger auf sich. Ihr Gegenüber nickte. „Thank you.“ Dann ging sie schmunzelnd ins Sprechzimmer.
Marlene kuschelte sich während der Rückfahrt dicht an Mark heran. Sie war froh, dass Heidi vorhatte, mit dem Taxi zurückzufahren. Sie wollte ihn allein – und damit das auch so blieb, hatte sie noch einiges zu therapieren. Da sie wusste, dass er selbstbewusste Girls gern hatte, schwärmte sie ihm vor, dass ihr Hunger, bei dem Wettbewerb mitzumachen, unbeschreiblich groß sei. Sie beschrieb Szenen, die sie gestern, am noch frühen Abend im Fernsehen gesehen und begeistert hatte. Und sie entwarf Gefühle, die ihr bei der Siegerehrung durch die Sinne gehen würden. Dass Mark darauf durchaus positiv reagierte, konnte sie an seinen Emotionen ablesen. Zurück im Appartement gingen ihre Entwürfe weiter. Ihre Zielscheibe war wieder ihre beste Freundin. Sie ahnte, dass sie diesen Blickwinkel nicht vernachlässigen durfte. Sorry, Heidi… Aber was muss das muss. Marlene war sich aber auch bewusst, dass sie den Bogen nicht überspannen durfte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass zu viel auch genau das Gegenteil bewirken könnte. Behutsam sprach sie, wie Heidis Eltern seinerzeit reagiert hatten, als herauskam, dass deren Tochter von ihr verkloppt worden war.
„Die konnten ganz sicherlich nicht verstehen, dass ihre Tochter sich von dir…?“
„Nicht verstehen? Die sind damals aus allen Wolken gefallen…“
„Warst du dabei?“
„Ja. An meinem Geburtstag wurde rein zufällig davon gesprochen.“
„Dann war Heide wohl auch dabei.“ Marlene Gedanken pendelten zwischen Realität und Lüge. Was kann’s schon schaden, wenn ich nicht ganz bei der Wahrheit bleibe. „Ja… Ja, natürlich. Sie war natürlich auch dabei…“
„Und wie hat sie reagiert?“
„Reagiert?“
„Nun, ich meine, sie wird sich ja irgendwie dazu geäußert haben.“ Marlene wusste nicht, welche Taktik sie anzuwenden hatte. Sie hatte sich für die Unwahrheit entschieden und kannte nun nicht das Rezept, welchen der Wege sie weitergehen sollte. Wahrscheinlich würde Marks Reaktion von ihrer Antwort abhängen. Bei einer verkehrten Antwort könnte er möglicherweise Partei für Heidi ergreifen. Sie fühlte sich in der Zwickmühle. Was soll ich ihm sagen? Mach es doch bloß nicht so kompliziert. „Heidi war zunächst ziemlich verlegen. Und dann war es ihr peinlich… Alle haben sie angesehen und ungläubig mit dem Kopf geschüttelt…“
„Wie ich, als du mir gestern davon erzähltest…?“
„Ja?“
„Ja. Na, hör mal… Ich kann Heides Eltern gut verstehen…“
„Weil ich…?“
„Weil du… Oder weil sie… Ja nachdem…, von welcher Perspektive man es betrachtet.“
„Ist ja auch egal… Ich wollte eigentlich gar nicht so ausführlich davon erzählen…“
„Ich denke das auch… Es ist deiner Freundin gegenüber nicht fair. Das alles muss für sie ohnehin ziemlich unerträglich gewesen sein.“
„Das schien aber nicht so….“
„Nicht so? Marlen, es muss ihr doch alles andere als angenehm gewesen sein, sich von dir schlagen zu lassen.“
„So hab ich das auch nicht gemeint. Du musst mir glauben, Mark, sie…, sie hat jedenfalls so reagiert, als hätte es ihr nicht besonders viel ausgemacht.“
„Merkwürdig. Möglicherweise ihre Taktik, wie sie mit Niederlagen umgeht.“ Mark ließ seine Blicke durch das Zimmer kreisen, als überlegte er was. „Ich meine, sie ist ein wirklich bildhübsches Mädel – und stolz. Normalerweise muss das einem doch an die Nieren gehen… Ich möchte mich nicht von einem jüngeren und kleineren Jungen verprügeln lassen.“
„Das kann ich mir bei dir auch nicht vorstellen…“
„Marlen, genau das meinte ich damit, warum sollte das beim weiblichen Geschlecht anders sein. Ihr Schamgefühl musste ähnlich gewesen sein, als wenn ich mich von einem…“
„Heidi denkt vielleicht anders..., gleichgültiger…“ Marlene hatte das Gefühl, dass Thema schnellstens beenden zu müssen. „Wohin gehen wir heute?“
„Tanzen?“
„Fein.“
Als Heidi das Sprechzimmer verließ, nahm sie die Jacke vom Haken. Beim Überziehen blickte sie in ein nervöses Gesicht. Der junge Mann, der gerade aufgerufen wurde, sah sie aus blauen, ruhelosen Augen an, als wollte er ihr noch was sagen. Was? Mit vielen Fragezeichen im Kopf verließ sie die Praxis. In Gedanken um die merkwürdige Begegnung, ging sie die Collins Avenue entlang. Ich muss einfach ein bisschen gehen. Ein Taxi kann ich mir immer noch nehmen. Der Arzt hatte ihre Knie mit Antibiotika behandelt, von einem Verband aber abgesehen. „Wichtig ist, dass Luft dran kommt. Ich gebe Ihnen für die Entzündung noch eine Salbe mit“, hatte er gesagt und sie gebeten, nach dem Wochenende noch mal vorbeizuschauen. Auch nach ihrer auffallend roten Wange hatte er sich erkundigt. Sie hatte gelogen und geantwortet, dass sie zu lange in der Sonne gelegen hatte. Über die Knie machte sie sich keine weiteren Gedanken – und Sorgen auch nicht. Ihre Gedanken drehten sich um den Unbekannten mit dem unruhigen Gesicht. Er hatte was – Was? –, dass sie rätseln ließ. Bevor sie ins Sprechzimmer ging, hatte er sie fortwährend angesehen. Und sie hatte ihn, hinter einem Magazin versteckt, dabei beobachtet. Ich hab ihn beobachtet, wie er mich beobachtet hat… Heidi schüttelte den Kopf, ihr war die Begegnung nicht geheuer. Ab und an schaute sie sich um, nur um festzustellen, dass keiner ihr folgte. Es folgte ihr keiner. Auch er nicht.
Nach gut vierzig Minuten stand sie vor dem „Sea-Coast Tower“. Sie fuhr nach oben und stellte fest, dass Marlene und Mark fort waren. Ein Zettel auf dem Tisch verriet, dass die beiden in die Disco „Moonbeam“ gefahren waren und sie nachkommen könnte. Das werde ich ganz sicher nicht. Kurz darauf klingelte es an der Tür. Donald lud sie zum Dinner bei sich ein. „Ich bin gerade dabei, Fisch und Chips mit meiner eigenen Salatkreation zuzubereiten… Magst du…?“
„Oh, Donald. Gern, du kommst wie gerufen. Ich hab einen Bärenhunger.“ Wenig später saß Heidi auf dem großzügigen Balkon des Amerikaners und ließ sich kulinarisch verwöhnen. Ihr Hunger war so groß, dass er erstaunt fragte, warum sie bei dem Appetit noch so schlank sei.
„Was denkst du? Nur deine Kochkünste verführen mich zu diesen Mengen. Und bis eben hatte ich nur gefrühstückt.“
„Und das war ziemlich spät?“
„Ja. Woher weißt du…?“
„Deine Freundin, die dich gestern Abend ziemlich herrisch anfauchte, dass du dich beeilen sollst, mitzukommen…“
„Ja, Marlene… Warum fragst du?“
„Ihr wart gestern noch lange auf…“
„Ja stimmt. Aber…“
„Ich lag schon im Bett, als ich Stimmen, die von eurem Balkon herkamen, hörte… Dazu muss ich sagen, dass ich nachts immer bei offener Balkontür schlafe. Ich bin kurz aufgestanden, um nachzusehen…“ Heidi vergewisserte sich erneut, wie gut man von hier auf ihre gemeinsame Veranda blicken konnte und sagte: „Das tut mir…, uns leid… Wir haben gar nicht gemerkt, dass wir uns so laut unterhalten haben.“
„Kein Problem. Ich… Ich… Ihr habt euch gestritten?“
„Du hast also wirklich hier vom Balkon aus zugesehen, wie Marlene und ich… Wie sie mich…“
„Ja, ihr habt… Ihr habt euch geschlagen?“
„So kann man das…“
„Warum?“
„Das hat in der Regel nichts weiter zu sagen… Das kommt bei uns hin und wieder mal vor, und hat wirklich nichts weiter zu bedeuten.“
„Ihr schlagt euch hin und wieder mal…?“
„Ja… Ja… Hin und wieder…, so zum Spaß…“
„So spaßig sah das gestern Nacht aber nicht aus.“
„Nein… Gestern Nacht … Gestern Nacht… nicht.“ Heidi musste an die harten, rücksichtslosen Schläge denken, die Marlene ihr verpasst hatte. Intuitiv tastete sie mit den Fingerspitzen nach der immer noch leicht schmerzenden Wange. Ihre sechzehnjährige Freundin hatte gestern Nacht ganze Arbeit geleistet.
„Und wie war das gestern Nacht? Ich meine, nach Spaß sah es ja nun auch wirklich nicht aus.“
„Gestern Nacht war es auch kein Spaß… Donald, das ist eine längere Geschichte… Wir stritten über gewissen Dinge…“
„Heidi, das geht mich ja auch nichts an…, aber… Na ja, zuerst ich wollte erst von oben herunterrufen…, weil die Nachbarn ja schon alle schliefen..., und… Aber ich war allerdings felsenfest davon überzeugt war, dass du dem Ganzen ein schnelles Ende bereitest…“
„Ich?“
„Ja du, wer sonst…
„Na ja…“
„Aber dann sah ich plötzlich, dass die Kleine dich nach Strich und Faden fertiggemacht hat. Und…, und… du danach vor ihr in die Knie gegangen bist.“
„Ja, das bin ich. Sie…, Marlene hatte mich wirklich ziemlich fertiggemacht…“
„Das hab ich wohl gesehen… Ich hatte von hier oben fast den Eindruck, dass du von ihr regelrecht hingerichtet wurdest.“
„Hingerichtet…. Ich hatte…, ich hatte…, hatte einfach keine Chance gegen sie.“
„Na ja, gestern Nacht wohl nicht…, das hab ich ja selbst gesehen. Möglicherweise hattest du zu viel Wein getrunken, weil du …, und sie dich dann…“
„Gestern Nacht… zu viel Wein...“ Heidi überlegte, inwieweit sie ihm von den Resultaten der Auseinandersetzungen mit Marlene erzählen sollte. Sie entschied sich, bei der Wahrheit zu bleiben, die bisherigen guten und ehrlichen Gespräche mit ihm ermunterten sie dazu. „Donald, der Wein war es nicht... im Grunde bin ich jedes Mal chancenlos gegen Marlene …“
„Das sagst du jetzt nur so daher…“
„Nein, Donald. Auch wenn wir hin und wieder unsere Kräfte im Scherz messen… Marlene ist einfach zu stark für mich.“
„Was?…“ Donald versuchte seine Sprachlosigkeit durch Kopfschütteln darzustellen.
„Ja, Donald, es ist so. Du hast dich nicht verhört… Marlene ist es, die mich in der Regel verkloppt…“
„Du meinst…, auch bei euren freundschaftlichen Kämpfen… Übrigens…, deine gerötete Wange ist auch von gestern Nacht…, von ihr?“
„Ja.“
„Heidi, du willst mir damit allen Ernstes weismachen, dass du dann ständig von ihr verkloppt wirst?“
„Ja.“
„Warum?“
„Wie soll ich deine Frage verstehen?“
„Ich wollte damit sagen…, wenn ich euch so vergleiche, dann fällt es verdammt schwer, mir vorzustellen, dass du von ihr… Ich meine, sie so viel kleiner ist als du…, und sie wirkt auch sonst nicht so… Aber du nimmst das alles so selbstverständlich hin.“
„Was soll ich dagegen tun…? Es ist nun mal so.“
„Wie lange kennt ihr euch eigentlich?“
„Wir? Eigentlich von Kind auf an. Einige Male, ich glaube, ich war ungefähr neun Jahre alt, war ich sogar ihr Babysitter… Warte mal… Ja, Marlene war damals sechs…“
„Du hast auf sie aufgepasst?“
„Ja. Meine Eltern sind mit ihren Eltern befreundet... Es kam öfter vor, dass sie zusammen ausgingen.“
„Aber damals habt ihr euch nicht…“
„Gekloppt? Nein, Donald, das fing erst viel später an.“
„Und warum?“
„Warum… Warum…, es ergab sich so… Vor knapp einem Jahr, als unsere Eltern wieder einmal unterwegs waren, verbrachten wir den Abend zusammen…“
„Zuhause?“
„Ja. Wir tranken ein, zwei Gläschen Sekt…“
„Und dann kam deine Freundin auf die Idee, mal herauszufinden, wer…“
„Nein, Donald… Eigentlich war ich diejenige, die...“
„Du?“
„Ja. Wir rangelten so auf dem Bett herum… Nichts von Bedeutung… Aber dann packte mich plötzlich das Verlangen und der Ehrgeiz, es ihr mal so richtig zu zeigen.“
„Und dann?“
„Dann haben wir in meinem Zimmer unsere Kräfte gemessen…“
„Und dabei hast du…, habt ihr festgestellt, dass sie dir überlegen ist…“
„Ja. Wir haben drei Durchgänge gerauft…“
„Die du alle verloren hast?“
„Ja, sogar ziemlich eindeutig.“
„Und seitdem… Ich meine, du sagtest vorhin, dass ihr häufiger…“
„Ja. Hin und wieder raufen wir… Ist in der Regel ja auch nichts Ernstes…“
„Heidi, hast du vor deiner Freundin eigentlich Angst?“
„Warum fragst du? Natürlich nicht… Sie ist meine beste Freundin.“
„Na ja, gestern Abend, als du dich ausgesperrt hattest, und sie kam…, da hatte sie einen grauenhaft rauen Ton drauf. Und du wirktest auf mich komplett unsicher.“
„Mir war es nur ein wenig peinlich, dass sie mich hier abholen sollte.“
„Kann ich verstehen. Nicht aber, dass sie dich verprügelt.“
„Danke, Donald. Sie hört allerdings sofort damit auf, wenn ich sie darum bitte…“
„Du musst sie darum bitten, mit dem Prügeln aufzuhören?“ Donald schüttelte erneut den Kopf. Er stellte sich gerade vor, wie die äußerst attraktive junge Dame, die ihm gegenübersaß, von deren kindlich wirkenden Freundin vermöbelt wurde. Aber er dachte auch an gestern Nacht zurück, als er selber Zeuge gewesen war, dass dem tatsächlich so ist.
„Das ist Bestandteil einer unserer Abmachungen.“
„Und das funktioniert?“
„Ja.“
„Möchtest du mal mein Studio besuchen?“, fragte Donald wie aus heiterem Himmel. Und dennoch schien die Frage die logische Konsequenz des geführten Gespräches zu sein.
„Warum?“
„Nun, wie es aussieht, könntest du etwas mehr Power gebrauchen.“
„Ich überleg es mir.“
„Und ich rate dir dazu. Dringend.“
„Aber ich würde das natürlich nicht tun, nur um Marlene endlich ebenbürtig oder überlegen zu sein.“
„Nicht…? Sondern?“
„Einfach nur, um etwas für meinen Körper zu tun…“
„Du hast einen tollen Körper…, der eigentlich nur darauf wartet, trainiert zu werden.“
„Findest du?“
„Ja. Als ich sah, wie du dich von ihr… hast verprügeln lassen, da…, da hab ich mir natürlich so meine Gedanken gemacht...“
„Klar, dass das eigentlich nicht sein kann, das hast du mir ja schon deutlich gemacht.“
„Das will ich damit nicht sagen… Möglich ist alles…, das hat man ja gesehen, und das weiß ich ja nun. Und es hat mir fast das Herz zerbrochen.“ Heidi sah Donald nachdenklich an. Womit hatte das, was er gesagt hatte, zu tun? An der Ehrlichkeit seiner Worte zweifelte sie nicht eine Sekunde lang. Ist er verliebt in mich? Oder ist er ein Schöngeist, der sich nicht damit abfinden kann, dass ich mich von einem reizloseren Mädchen bezwingen lassen musste. Muss? „Warum?“, fragte Heidi.
„Ich kann’s dir nicht genau erklären.“
„Wahrscheinlich interessierst du dich nicht dafür…“, holte Heid aus.
„Wofür?“
„Catfight…?“
„Catfight? Na ja… Ich weiß, dass es eine ganze Menge Ladies gibt, die das tun…“
„Aber?“
„Nun, mein Ding ist das nicht. Ich habe in meinem Studio allerdings auch einige Mädel, die im Boxsportclub sind… Zusätzlich buchen sie die eine und andere Stunde, um ihre Kraft aufzubauen. Möglicherweise kommen zu mir auch welche, die Catfight ausüben. Wer’s mag...“
„Hier im Fernsehen übertragen die sogar einige Kämpfe…“
„Ich hab davon schon gehört. Hast du schon?“
„Mitgemacht…? Oh, nein. Gott bewahre mich.“
„Davon würd ich dir auch abraten. Nein, aber ich meinte mit der Frage, ob du dir schon solche Girlfights angesehen hast.“
„Gestern haben wir uns einige Fights angesehen. War ganz interessant. Ich wollte damit auch nur sagen, dass es nicht immer automatisch die größeren und älteren Mädchen sind, die gewinnen.“
„Mag sein. Trotzdem hat es mir wehgetan, wie du von deiner Freundin in die Knie geprügelt wurdest…“
„Na ja, wie ich schon sagte, gestern war’s ziemlich heftig… Aber danke, Donald, dein Mitgefühl rührt mich…“
Es dauerte ein bisschen, bis Heidi herausgefunden hatte, dass hinter seinen extrem weichherzigen Gefühlen nichts anderes stecken konnte, als eine große Portion Sentimentalität, vermutlich mit Sensibilität vermengt. Im Grunde konnte sie mit Donald wie mit einem großen Bruder reden. Ihre anfängliche Angst, seine Sinnesempfindungen könnten mit Liebe zu tun haben, war unbegründet. Zu keiner Phase machte Donald auch nur den Hauch einer Andeutung, dass er andere Absichten verfolgte. Heidi fühlte sich wohl bei ihm, sonst hätte sie ihm auch nicht so ausführlich von Marlene und sich erzählt.
Kurz vor Mitternacht, die beiden redeten gerade über die Politik der Vereinigten Staaten, zog ein etwas frischerer Wind vom Atlantik herüber. Donald bemerkte, dass Heidi fröstelte. „Wollen wir reingehen?“, fragte er fürsorglich.
„Ich würde lieber hier draußen sitzen bleiben… Ich hol mir nur schnell ein Jäckchen von unten…“
„Aber du kommst bestimmt wieder zurück?“
„Versprochen, Donald.“ Beschwingt huschte sie die Treppen runter. Sie war glücklich, einen richtigen Freund kennengelernt zu haben. Keinen, der darauf aus war, irgendwelche Schleichwege zu benutzen, um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen. Donald war ein gradliniger Typ, der möglicherweise ein wenig zu weichherzig war. Aber das war in ihren Augen kein Fehler. Auch sie hatte ja kein Herz aus Stein.
Heidi nahm die Jacke, die sie beim Arztbesuch anhatte vom Haken und vergewisserte sich, dass sie die Schlüssel nicht achtlos ablegte, sondern in der Hand behielt. In Donalds Wohnung zurückgekommen, verstaute sie das Schlüsselbund beabsichtigt in die rechte Jackentasche. Damit vergewisserte sie sich nachdrücklich, ihn bei sich zu haben. Bloß nicht wieder aussperren. Ein leicht knisterndes Geräusch ließ sie in die Tasche fassen. Verblüfft holte sie einen größeren Zettel heraus, der zweimal gefaltet war. Was ist das? Heidi ging mit dem Zettel in der Hand auf den Balkon, und setzte sich wieder zu Donald.
„Willst du mir was vorlesen? fragte er gut gelaunt.
„Hm, ich kenne den Zettel nicht… Jemand muss ihn mir in die Tasche gesteckt haben.“
„Wer?“
„Ich weiß es nicht…“ Heidi drehte sich zur Tischlampe und entfaltete das Stück Papier. Sie las und schüttelte konfus den Kopf. „Das gibt’s doch nicht…“ Sie nahm den Zettel erneut und las ihrem Gegenüber laut vor:
Alle Rechte der Story liegen beim jeweiligen Verfasser!
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